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Mein erster Text, nicht mehr nachträglich überarbeitet.

 

                           Besuch in Auschwitz

Achtzig Kilometer von Krakau entfernt liegt Oswiecim (Auschwitz). Unser Taxifahrer, Herr Ziomek, freute sich sehr darüber, meine Mutter und mich nach Auschwitz zu fahren; nicht etwa, weil die Fahrt dorthin einen guten Verdienst versprach, sondern weil wir den Wunsch äußerten, diesen Ort aufzusuchen.

Bereits nach kurzer Fahrt hielt Herr Ziomek vor seinem Haus an. Er führte uns in seinen – wie er sagte – „polnischen Garten“: keine militärisch in Reih und Glied geordnete Stiefmütterchen, sondern ein üppiges blühendes Blumenmeer, zwischen dessen Wogen wir bald nicht mehr zu sehen waren – und in diesem Meer sollten wir „räubern“. Zaghaft schnitten wir die eine und andere Blume ab, wobei wir uns verblüfft fragten, was wir mit  den vermeintlich uns zugedachten Blumen denn nun machen sollten – verwelken lassen, während wir den ganzen Tag unterwegs sein würden? Herr Ziomek spornte uns an, mehr abzuschneiden, ja, auch die Rosen und Gladiolen, überhaupt nur die schönsten von allen!

 Wieder im Taxi sitzend – neben mir zwei große schwere Sträuße – überlegte ich, was sinnvoller sei, erst das Stammlager Auschwitz zu besuchen oder das drei Kilometer von ihm entfernte, bedeutend größere Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau. Beklommen sah ich aus dem Fenster; unerwartet schnell kamen wir im Stammlager Auschwitz an. Auf Geheiß des Taxifahrers liefen wir mit den Blumen – ihm hinterher – zur Informationstheke in der Eingangshalle. Nach aufgeregtem Wortwechsel zwischen ihm und der Frau an der Information hieß es nur „schnell, schnell“ und schon ging es in wilder Fahrt in Richtung Birkenau, aber nicht etwa zum Haupteingang, sondern an das hintere Ende des Lagers. Dort landeten wir auf einem Acker. Dann liefen wir im Galopp (!) an zwei gesprengten Gaskammern vorbei. Nicht  in Ruhe, innerlich vorbereitet betraten wir Birkenau, sondern gehetzt und heimlich von außen durch den rostigen Stacheldrahtzaun. Wir kriechen durch den Zaun und befürchten höchstens, daß wir unsere Kleider zerreißen – kein tödlicher Stromstoß, nichts!

Wie einfach, ich fasse es nicht!

Herr Ziomek trieb uns rein in den tiefen Graben, raus aus dem Graben, durch hohes Gras – und das in brütender Augusthitze von vierzig Grad Celsius. Meine alte Mutter wurde geschoben und gezogen. Nachdem wir ein weites Gelände durchquert hatten, standen wir vor der Auflösung des Rätsels der permanenten Eile. Wir kamen gerade noch rechtzeitig zur Gedenkfeier der Sinti und Roma, die im ehemaligen „Zigeuner“-Lager stattfand. Für ihre Toten waren die Blumen gedacht und so stellten wir uns in die Menge derer, die Kränze und Blumen niederlegen wollten.

Meine erschöpfte Mutter setzte sich zu den alten Romafrauen auf einen Stuhl und wurde vom polnischen Fernsehen interviewt, ob sie auch Roma sei. Als sie verneinte und man sie nach dem Grund ihrer Anwesenheit fragte, fiel ihr – nunmehr mit den Nerven fertig – nichts Besseres ein als auszurufen: “Weil ich die Zigeuner so liebe!“ Sie erklärte, daß sie ihre Kindheit in Polen verbracht habe und auch Zigeunerkinder ihre Spielkameraden gewesen seien. Daraufhin wurde sie von den alten Romafrauen regelrecht  abgeknutscht und so gab es selbst in Birkenau noch etwas zu lachen.  Die Dimension dieser Geste der Romafrauen erkannte ich erst später: Eine Deutsche wird  von  den Überlebenden geküßt, und das in Auschwitz.

Mit den zerrupften Blumen in beiden Armen stand ich erhobenen Hauptes vor dem schwarzen Gedenkstein. Herr Ziomek machte mich darauf aufmerksam, daß ich den Kopf senken müsse. Ich befand mich in einer eigenartigen, innerlich zerrissenen Stimmung.

Ich trauerte mit den anderen um ihre Toten, die vor meinem inneren Auge auferstanden. Ebenso anwesend waren für mich aber auch diejenigen, die diese Toten auf dem Gewissen haben. Ihnen gegenüber konnte ich meinen Kopf keineswegs beugen.

Dennoch senkte ich den Kopf für die Toten, die Überlebenden, die Lebenden – und – das wurde mir hier schmerzhaft klar – ich senkte ihn, weil ich Deutsche bin. Niemand hat es mich spüren lassen, aber in diesem Moment habe ich erst richtig begriffen, daß ich eine Vertreterin dieses Volkes bin – wie sehr ich mich auch den Opfern verbunden fühle und den Deutschen von damals fern und fremd. Plötzlich war ich deutscher als ich es jemals war.

Nach Beendigung der Trauerfeier querten wir das nicht zu überblickende Lager und gingen zum Haupttor von Birkenau, durch das die verplombten Güterzüge mit ihrer menschlichen Fracht gefahren sind. Auf der Rampe wurden die brutal hinausgetriebenen Menschen von deutschen Ärzten selektiert: die meisten direkt für die Gaskammer, die anderen verurteilt zur Vernichtung durch Arbeit. So pervertierten diese Mediziner ihren ärztlichen Eid, der sie verpflichtete, Menschen zu helfen und Leben zu retten. Aus Helfern wurden Mordgesellen.

Ich stieg hinauf in den Turm dieses Todestores und stellte mir vor, welch ein geiles Machtgefühl die Bewacher wohl empfunden haben mochten, wenn sie von dort oben einen großen Teil des Lagers überblickten – als Herren über Leben und Tod.

In Birkenau ist fast nichts mehr so, wie es damals war. Die Herren Henker gingen stiften, als sich im Januar 1945 die Sowjetarmee näherte und sie versuchten hastig, das zu zerstören, was auf ihre Verbrechen hinwies: die drei Gaskammern mit den nebenliegenden Krematorien, wobei sie sich die vierte Gaskammer samt Krematorium sparen konnten, weil diese bereits während eines Aufstands jüdischer Häftlinge im Oktober 1944 in die Luft gejagt worden war. Den Sprengstoff hatten weibliche Häftlinge, die im Arbeitslager Auschwitz-Monowitz in den Buna-Werken arbeiteten, ins Lager Birkenau eingeschmuggelt.

Die Holzbaracken – ehemalige Pferdeställe für jeweils zweiundfünfzig Pferde, in die bis zu tausend Häftlinge hineingepfercht worden sind – befinden sich im Restzustand. Ein großer Teil der gemauerten Baracken im Frauenlager ist erhalten, sowie die Wachtürme der SS-Besatzung. Auch die Verbrennungsgruben und der Teich, in den die Asche der Verbrannten geschüttet wurde, existieren noch.

Ich ging in eine der Baracken hinein: Zusammengehauen aus rohen Holzbrettern, breite Ritzen, durch die es zieht – ich denke an die harten polnischen Winter und friere im heißen August. Die Öfen gaben mehr Rauch als Wärme ab. Ich stehe allein in dieser verlassenen Baracke und sehe all die, die einst dort auf den schiefen dreistöckigen Holzpritschen lagen, auf verfaultem Stroh, zu viert oder mehr nebeneinander auf jeder Etage. Eine mich bedrängende Stille umhüllt mich, lastet auf mir.

Wieder draußen sehe ich nur noch Kamine – ein scheinbar grenzenloses Feld von Kaminen – sowie Reste einiger Betonfußböden. Welch ein Luxus! Zwei Zentimeter dicke Betonfußböden in Birkenau! Die meisten Baracken hatten nur den festgestampften sumpfigen Fußboden, der sich bei feuchtem Wetter in Morast verwandelte. Bis kurz vor Kriegsende gab es in Birkenau kein Wasser. Kein Wasser! Manche Menschen verdursteten fast, weil sie sich einen Teil der ekligen Frühstücksbrühe zum „Waschen“ aufgespart hatten. Die katastrophalen hygienischen und sanitären Verhältnisse zogen Unmengen von  Ratten an.

Ich werfe einen letzten Blick auf das Lager, bevor ich durch das Haupttor hinausgehe. Die glühende Hitze und die Stille dieses weiten Feldes, auf das die Asche der Ermordeten verstreut liegt, ruft ein Gefühl absoluter Einsamkeit hervor. Kaum einen Grashalm gab es damals, als Menschen hier leben und sterben mußten – heute überdeckt blühendes hohes Gras den durch die Hitze ausgedörrten harten Morastboden. Ich wäre gern eine Nacht lang dort geblieben, allein mit der Stille, die sich über diese Weite legt. Birkenau erscheint mir auch als ein großer Friedhof und ich verspürte das Bedürfnis, mit  den Toten diesen Frieden zu teilen, so imaginär das auch immer sein mag.

                                              ***

Die Gegenwart holte mich ein in Gestalt unseres Taxifahrers, der zum Aufbruch drängte. Die paar Kilometer Fahrt nach Auschwitz, zum Hauptlager, nahm ich kaum wahr. Unversehens stehe ich vor dem Eisentor mit der zynischen Aufschrift „Arbeit macht frei“.

Den Grundstock für das Lager bildete eine ehemalige polnische Kaserne, die KZ-Häftlinge, unter Prügeln der SS, ausbauen mußten. Auschwitz sieht auf den ersten Blick wie ein kleines Städtchen aus – hübsch, mit roten Backsteinhäusern, Bäumen an den Straßen und  Grün drum herum. Die langgezogenen, gleichförmigen Gebäude beeinträchtigen die Idylle nicht.

Die mir entgegenragenden Stacheln der hohen Drahtzäune zerreißen dieses Bild. „Vorsicht Hochspannung“ droht jemand auf einem rostigen Stück Blech.

Ich gehe in einen der numerierten Blocks hinein. In den Fluren Fotos der Häftlinge. Ihre Augen machen sie einander so ähnlich, denn sie haben dasselbe gesehen. Ein Raum, an dessen Längsseite Koffer gestapelt sind bis zur Decke. Mit weißer Kreide auf die Koffer geschrieben: „Kind Weissbrod, Johanna. Alfred Israel Berger, Berlin“. In Vitrinen Säuglings-und Kinderkleidung – Strampelanzüge, Lätzchen, Schnuller.

Ein Raum mit Hausrat der griechischen und ungarischen Juden, denen die Deutschen versprochen hatten, daß sie umgesiedelt werden und Land zur Bearbeitung bekämen. So kauften sie von den Nazis „Land“ und sogar „Läden“, ohne zu ahnen, wie sehr sie hintergangen wurden. Milchkannen und  Porzellangeschirr – in Auschwitz – wie absurd!

Schuhe füllen den nächsten Raum. Sie wirken immer noch modern. Ach, ein Holländer war auch hier! Auf Holzpantinen. Nein, die Häftlinge mußten anfangs Holzschuhe tragen. Natürlich auch im Winter: Mit ihnen durch Morast oder Schnee zu kommen, entschied oft über Leben und Tod. Wer seinen steckengebliebenen Holzschuh holen wollte, den erschossen SS-Männer „auf der Flucht“. Das gab zwei Tage Urlaub. Später durften die Gefangenen die Schuhe der Toten tragen, die besseren Schuhe jedoch wurden „Heim ins Reich“ geschickt für die Winterhilfe. Deutsche Menschen freuten sich über die Schuhe der Ermordeten.  Wußten sie, woher sie kamen?

Die Haare, abgeschnittene Zöpfe darunter, Stoffe, aus Menschenhaar gewebt. Jüdische Gebetsbücher, die Brillen, die Beinprothesen... wozu noch alles aufzählen.

Ich empfinde Auschwitz nicht als  „Museum“, mich nicht als Touristin, die das Grauen zu begreifen versucht mittels erklärender Tafeln. Mir fällt die immer noch bedrohliche Atmosphäre auf. Die Zeit ist stehengeblieben, erstarrt zu ewiger Gegenwart. Der Ort besitzt eine bleierne, bedrückende Ausstrahlung; das, was war, liegt in der Luft, ist auf unsichtbare Weise sichtbar, als wäre auch die Luft zum Atmen erstarrt.

Furchteinflößende Räume und Flure im Block 11, dem Todesblock. Ich steige in den Keller hinunter und mich springt die Angst hinterrücks an. In diesem Moment kann ich mir vorstellen, wie sich ein Mensch fühlt, der in diese düstere Vorhölle geschleppt wird. Das trübe Licht und die Furcht vor dem, was sich hinter den Türen verbergen mag:

Enge provisorische Gaskammern, in denen auch Ärzte an sechshundert sowjetischen Kriegsgefangenen und zweihundertundfünfzig kranken Häftlingen schon mal „geübt“ haben. Tatsächlich. Ihre Vergasung diente als Übung für die geplante „Massenvernichtung“. Der allzeit bereite fahrbare Galgen, die Hungerzellen. Eine Dunkelzelle, in der viele infolge Luftmangels erstickten. Der Stehbunker, neunzig mal neunzig Zentimeter für vier Personen.

Manche wurden drei Wochen lang eingesperrt, kaum ein Mensch kam lebend heraus. Wenn jemand starb und weggeschafft wurde, war das für die anderen eine Erleichterung – mehr Platz! Überlebenswichtig. – Ein paar Tage lang STEHEN! –

Direkt neben Block 11 im Hof die Erschießungswand, an der vorwiegend die polnischen Widerstandskämpfer hingerichtet wurden. Eine blumenübersäte Pilgerstätte für viele Polen. Nebenan im Block für Sterilisationsversuche sind die Fenster zum Hof mit Holz verkleidet. Warum? Wer sollte da nichts sehen? Der Tod war doch allgegenwärtig und öffentlich.

Die offen einsehbaren Latrinen in anderen Blocks – deutsche Kultur für die „unterentwickelten“ Polen: Ein langes Podest mit zwei Löcherreihen. Man saß nebeneinander – unter Aufsicht.

Der Holzbock für die Prügelstrafen. Es reicht. Flucht nach draußen.

Vorbei am Sammelgalgen, an dem zeitsparend mehrere Häftlinge gleichzeitig den Tod finden konnten, das Tor zur Hölle – das schwarze Loch hinunter in die Gaskam-mer.

Eine Tür weiter die Krematoriumsöfen.

Draußen vor der Gaskammer der Galgen, an dem die Polen nach ordentlicher Gerichtsverhandlung den Lagerkommandanten Höß gehenkt haben.

Ein außerordentlich passender Ort.

Zurück nach Krakau. Auschwitz mit dem Taxi zu verlassen, kommt mir absurd vor. Erst am anderen Tag  bin ich halbwegs in die heutige Zeit zurückgekehrt. Unser Taxifahrer läßt uns durch den Hotelportier zwei Blumensträuße auf unser Zimmer bringen.

                                               ***

Seit meiner Kindheit  habe ich eine langsam gewachsene, persönliche Beziehung zu den damaligen Geschehnissen entwickelt. Selbst  Birkenau schien mir vertraut – als sei es eine Art Heimat: Ich war als Kind schon da, – und besuche Birkenau, glaubte ich, nur zum zweiten Mal. Ich war davon überzeugt, daß meine Vorstellungskraft mehr als ausreichend sei und ich den konkreten Ort Auschwitz-Birkenau nicht unbedingt nötig hätte.

Auschwitz hat mich eines Besseren belehrt. Sinnliche Erfahrung ist nicht durch Bücher, Dokumentarfilme oder gar Spielfilme zu ersetzen. Das Wissen bleibt viel abstrakter, als wir für möglich halten. Ein Besuch in Auschwitz ist für uns Nachgeborene die bestmögliche Annäherung an das BeGreifen. Und nicht nur das: Wir werden mit uns selbst konfrontiert, mit dem, was und wie Menschen sind in ihren extrem auseinanderklaffenden Möglichkeiten und Gefährdungen. Janusz Korczak, der mit den jüdischen Waisenkindern ins Gas ging, obwohl er sich hätte retten können und der schlimmste Nazi-Schinder haben eines gemeinsam: Sie sind Menschen. Beide stecken mehr oder weniger in uns selbst.

Auschwitz ist kein abgeschlossenes Kapitel der Geschichte, mit dem wir nichts mehr zu tun haben. Die Beschäftigung mit der Vergangenheit empfindet mancher nur als Belastung. Aber übersehen wir nicht die große Chance, die sie uns anbietet! Gerade weil die Konfrontation mit dieser Vergangenheit uns emotional belastet und tief berührt, werden Verstand u n d  Gefühl aktiviert und deshalb können wir wissender  u n d  menschlicher daraus hervorgehen.

Mein Besuch in Auschwitz macht es mir sehr schwer, zur „üblichen Tagesordnung“ zurückzukehren. Und das ist gut so.