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                                            Ein Massai im Sauerland

                                               

Während Tepilit Ole Sankan sich am Strand bemühte, einem Touristenpärchen eine Exkursion ins nahe Umland von Dar es Salaam aufzuschwatzen, packte Waltraud Schrewe in einem Bauerndorf im verschneiten Sauerland ihren Rucksack. Auch diesmal gönnte sie sich etwas Besonderes: eine dreiwöchige Trekkingtour durch den Süden Tanzanias. Obwohl sie sich auf dem Land recht wohlfühlte und über ihre Arbeit als Sozialpädagogin in einem gemeinnützigen Verein in der Kreisstadt nicht klagen konnte – sie betreute arbeitslose Jugendliche – wurde sie Jahr für Jahr weniger von Fernweh als von Fluchtgedanken überwältigt. Sie wollte nie wissen, warum.
      Plötzlich zögerte sie, dann packte sie einen Teil ihrer Schlüpfer wieder aus; für die Reise hatte sie sich Knapperes angeschafft, „Hipster-Pantys“ und „Jazzpants“ aus dem OTTO-Katalog. Leider war sie etwas dicklich, vor allem um Bauch und Oberschenkel herum, doch die neuen Höschen standen ihr nicht übel. Afrikanische Männer liebten füllige Frauen, hatte Bekele ihr versichert, als sie ihn vor Jahren im Kölner Timbuktu Blue kennenlernte. Er als Äthiopier musste es schließlich wissen, wenngleich die afrikanische Geliebte seines Freundes Amare schlank wie Naomi Campbell war.
      Betroffen hielt sie inne, woran dachte sie da? Sie mache eine Trekkingreise, ermahnte sie sich, in weiten, bequemen Hosen und ausgelatschten Wanderschuhen. Keine Zeit und keine Möglichkeit für Geplänkel und mehr mit … mit wem schon? Sie ging bereits auf die vierzig zu und fühlte sich wie eine vertrocknete Pflanze. Was fehlte noch? Müsliriegel, Wasserflasche, Schlafsack.
      Aber man konnte nie wissen, was auf einen zukam, sagte sie sich.

Auch wenn Tepilit Ole Sankan des Lesens und Schreibens nicht mächtig war, rechnen konnte er. Er hatte dem Touristenpärchen 10.000 Schilling abgeknöpft, für sie nur ein paar Euro, was hierzulande dem durchschnittlichen Verdienst von sechs Tagen entsprach, ein ausgesprochener Glücksfall. Man musste die Frauen becircen, dann überzeugten die ihre Begleiter. Als Massai fiel ihm das nicht schwer. Er zahlte den rückständigen Teil seiner Miete für sein schäbiges Wohnloch in einer Wellblechsiedlung am Rande der Drei-Millionen-Stadt, leistete sich etwas Rindfleisch und Tee, kaufte Mais, Zwiebeln, Chili und Tomaten ein. Danach legte er sich an den Strand unter eine Palme und träumte vor sich hin. Die Touristen durften ihm eine Weile egal sein, er hatte frei.   

Waltraud Schrewe stand in der Dusche des strandnahen Hotels vor dem Spiegel und riss sich ein graues Haar aus. Es fiel kaum auf in ihrer aschblonden Kurzhaarfrisur und doch störte es sie. Sie ließ die Tunika über den Badeanzug gleiten, schlang das Strandtuch um die Hüften, dann schlappte sie durch die parkähnliche Anlage zum Palmenstrand. Die umherschlendernden Beachboys blickten ihr nach. Hoffentlich verwechselte man sie nicht mit jenen alternden Sextouristinnen, die sich an den Stränden ihren jungen Rastaman genehmigten. Am Himmel ein paar weiße Wölkchen, postkartentürkis der Indische Ozean, krebsrot in der Sonne die Europäer, dunkelbraun die im Schatten sitzenden Afrikaner. Die Trekking-Gruppe, alles nette Leute in ihrem Alter, hatte sich vorerst zerstreut. Nach dem fast vierzehnstündigen Flug von Frankfurt über Amsterdam nach Dar es Salaam gönnten sie sich einen Ruhetag. Morgen früh sollte es per Bus in den Mikumi-Nationalpark gehen. Waltraud ließ sich auf ihrem Badetuch nieder und legte sich auf den Rücken. Kurz bevor sie die Augen schloss, traf sie ein dunkler Blick. Eine heiße Welle überflutete sie, welch ein Mann! So jung, so schön, von so prächtiger Gestalt … vermutlich ein Massai. Sie kannte solche Menschen vor allem von den Fotos Leni Riefenstahls, des ehemaligen Führers Hoffotografin, die vor vielen Jahren in einer Illustrierten abgedruckt waren. Es schien ihr, als bade sie in seinem Blick, in seinem begehrlichen Blick? Lange hatte sie niemand mehr so angesehen … Ohne in seine Richtung zu schauen, dennoch die Präsenz des Mannes hautnah spürend, hielt sie die Spannung fast nicht mehr aus; sie drehte sich auf den Bauch und zog ihre Swahili-Fibel aus dem Jutebeutel, um einige Wörter und Redewendungen zu lernen. Da sprach sie jemand von der Seite auf Pidgin-Englisch an. Es war nicht der Massai, sondern einer von den Beachboys. „Habari gani?“, fragte sie auf Swahili, er antwortete auf Englisch, ja, es gehe ihm gut, besonders in Gegenwart einer so schönen Frau. Anfangs nahm sie noch lächelnd seine Komplimente an. Sie wollte höflich sein, ihn nicht vor den Kopf stoßen. Anfangs beantwortete sie seine Fragen, woher sie käme, wie lange sie bleibe, ob ihr Tanzania gefalle. Doch er machte keine Anstalten zu gehen. Als sie sich von ihm abwandte, setzte er sich neben sie und starrte sie an. Nein, sie wolle keine bunten Ketten kaufen, auch keine Ohrringe, nein, sie sei an einem Ausflug mit ihm nicht interessiert. Demonstrativ vertiefte sie sich in ihr Buch, bis er sich trollte. Kaum atmete sie auf, kam schon der nächste auf sie zu.
      Tepilit Ole Sankan blinzelte hinüber. Die Frau war sehr weiß, sie musste gerade angekommen sein, leichte Beute für die Beachboys, da sie noch nicht mit den hiesigen Gegebenheiten vertraut war. Eigentlich hatte er es heute nicht nötig zu arbeiten, aber sollte er diesen fetten Braten den anderen überlassen?  
      Langsam erhob er sich …

Mit geröteten Wangen saß Waltraud im Strandcafé unter einem Sonnenschirm, neben ihr Tepilit, der ihr eine Kette aus türkisfarbenen Glassteinen um den Hals legte. Sie leuchteten in allen Schattierungen des Indischen Ozeans.
      „Du bist wunderschön“, sagte er.
      Zuerst wollte sie sein Geschenk nicht annehmen, er war sicher arm wie die meisten hier, doch er schwieg sich darüber aus und so bedankte sie sich, um ihm die Freude am Schenken nicht zu verderben. Sie fühlte sich umworben wie seit Jahren nicht mehr. Erst jetzt, als ihr gestocktes Blut wieder zu fließen begann, spürte sie, wie sehr ihr das gefehlt hatte. Begehrt zu sein, und das noch von einem echten, stolzen Massai, ausgerechnet sie … Waltraud fasste es nicht. Vielleicht betrachtete er die Frauen mit anderen Augen als die Männer in Europa und fand sie attraktiv? Ihr weiches, weißes Fleisch, ihre Fettpölsterchen und Speckröllchen, ihren etwas unförmig breiten Hintern, ihre farblosen Haare, ihren zu schmal geratenen Mund? So muss es wohl sein, dachte sie, andere Länder, andere Schönheitsideale.
      Auf ihre wiederholten Fragen hin erzählte er ihr endlich von den Massai, wie viel ihnen die Rinder bedeuteten, die der Regengott Ngai seinen Ahnen als auserwähltem Volk überlassen hatte, und zwar sämtliche Rinder dieser Erde, was hieß, dass alle anderen, die ebenfalls welche besaßen, Viehdiebe waren.     
      „Unsere Bauern etwa auch?“, fragte Waltraud halb lachend, halb schuldbewusst.
      Tepilit nickte tiefernst. „Deshalb haben wir das Recht, sie ihnen wieder wegzunehmen.“
      Waltraud überlegte, ob sie ihm die Dauerwurst aus Bio-Rind, die sie für die Gruppenverpflegung mitgebracht hatte, als Ausgleich der Gerechtigkeit spenden sollte, zum Abschied … Sie spürte einen Stich im Herzen. Schon jetzt nahte der Abend, sie mochte gar nicht daran denken. Stattdessen fragte sie mit viel Verständnis in der Stimme – von Landflucht wegen Hunger, Elend und Perspektivlosigkeit hatte sie schließlich gehört – was ihn denn als „Naturkind“ in die Stadt verschlagen habe.
      Tepilit verschluckte sich an der Cola. Er kam aus Dar es Salaam, das Leben der Massai war ihm als Stadtmensch eher fremd. Aber der weißen Frau schien es wichtig zu sein, in ihm einen noch ursprünglichen Massai zu sehen. „Weißt du, ein guter Massai besitzt mindestens fünfzig Rinder …“, erklärte er. Dann fiel ihm nichts mehr dazu ein.
      „Ich verstehe, du brauchst nicht …“ Was hieß noch „weiterzureden“ auf Englisch? Sie legte ihre Hand auf seine. Ehe Waltraud sie wieder wegziehen konnte, hatte Tepilit sie ergriffen. Hunger, Elend und Perspektivlosigkeit – kannte sie das nicht auch? Hunger nach Liebe, menschlicher Wärme und Berührung, das Elend der Einsamkeit und kein Weg da heraus.
      Waltraud bekam kaum mit, wie es dunkel wurde, das Café sich leerte. Sie nahm sich und ihre Situation erst wahr, als sie mit Tepilit Hand in Hand, an der Fähre vorbei, den nächsten Strand entlanglief, bald darauf eng umschlungen mit ihm durch die von einzelnen Lichtern beleuchteten, strandnahen Straßen schlenderte. Die plötzlich romantisch wirkenden Straßen, der fremd-vertraute Mann an ihrer Seite und seine Verheißungen, die laue Luft, der Mond, so groß … Als sie einige aus ihrer Gruppe aus einem der Läden treten sah, zog sie ihren Massai in eine Nebengasse, dort in einen dunklen Hauseingang. Tepilit verstand das falsch und küsste sie.
      „Nein, nein“, stammelte sie, „versteh doch …“ Und dann sprudelte aus ihr heraus, dass alles keinen Zweck habe, nichts möglich sei, sie sich trennen müssten, noch bevor ... – ihr kamen die Tränen – weil sie morgen früh doch abreise, um diese verdammte Trekkingtour zu machen. Und überhaupt, sie sei viel zu alt für ihn.
      Tepilit Ole Sankan kannte ihre Bedenken, sie war nicht die erste Touristin in seinem Leben, aber vielleicht diejenige, die ihm einen Traum erfüllen konnte? Einmal nach Europa!
      Viele Rückkehrer erzählten vom dortigen Luxusleben, von Villen, Mercedes, Blondinen. Man tauschte Adressen aus von in Europa lebenden Landsleuten, afrikanischen Clubs und Diskos als erste Anlaufstelle für nützliche Kontakte ...
      Sollte sich sein heutiger Zeitaufwand etwa nicht gelohnt haben?

Als Waltraud sich am anderen Morgen verschlafen die Augen rieb und in die Dusche tappte, war ihre Mitbewohnerin bereits abgereist. Wie hatte die Gruppe sie bearbeitet, ihre Entscheidung rückgängig zu machen! Ihr rauchte jetzt noch der Kopf davon. Nein, ihr Tepilit gehörte sicher nicht zu den Strandboys, hätte er sie sonst vor denen gerettet? Nein, er sei nicht auf ihr Geld aus. Er habe ihr das Portemonnaie sofort zurückgegeben, als sie ihn im Café für sie beide bezahlen ließ, dabei hätte er damit verschwinden können. Gut, er ist etwas zu jung für sie, aber ihm scheint der Altersunterschied nichts auszumachen. Er selbst sei einunddreißig, habe er ihr versichert, was die anderen lachend mit „höchstens fünfundzwanzig“ kommentierten. Auf die Einwände des Gruppenleiters, seinen Appell an ihre Vernunft, wollte sie da nicht mehr eingehen. Vernünftig, allzu vernünftig war sie den Rest des Jahres, warum also nicht mal etwas wagen? Das hatte sie noch nie getan. Ihr Geld bekäme sie nach der Reise zurück, versprach er und händigte ihr den Flugschein aus.
      Allein auf sich gestellt stand Waltraud nun im fremden Afrika. Entschlossen zog sie den Reißverschluss des Rucksacks zu und verließ ihr Zimmer. Die Serengeti weit oben im Norden erwartete sie – und kurz vor dem Rückflug: Zanzibar! Gemeinsam mit ihrem Massai, denn er hatte ihr angeboten, sie zu begleiten.
      Und wenn sie ihn nicht wiedertraf?
      Doch Tepilit wartete vor dem Hotel und schloss sie in seine Arme.

Waltraud musste erst einmal verdauen, dass Tepilit Analphabet war, was sich an der Tazara Railway Station beim Fahrplanlesen herausgestellt hatte. Und das in einer Universitätsstadt wie Dar es Salaam! Dabei wirkte Tepilit gar nicht dumm. Eher klug. Und selbstbewusst, denn er schämte sich nicht mal dafür. Aber vielleicht war dies seine Art von Dummheit.
      Sie würde sich seiner annehmen, nahm sie sich vor, als sie im Minibus auf die Abfahrt warteten, ihn das Lesen und Schreiben lehren und vieles mehr.
      Aus den Augenwinkeln schaute sie ihn sich genauer an, wie er so dasaß, stolz und souverän, als wäre er ihr überlegen. Der Vorteil des Heimspiels, dachte sie, hier mochte er in sich selbst ruhen, in seiner trägen Gelassenheit. Fast hätten sie den Minibus verpasst, auch wenn sie jetzt noch lange warten mussten, bis er endlich abfuhr.
      „Wir nehmen wirklich nicht die Eisenbahn in den Nordwesten? In meiner Karte sind Gleise bis nach Arusha eingezeichnet, nur anfangs hätten wir noch umsteigen müssen.“
      Tepilit schüttelte bloß den Kopf und lächelte.
      Also mussten sie die Strecke wohl tatsächlich von Dorf zu Dorf mit diesen Dalla Dallas bewältigen. Manche fuhren immerhin längere Strecken.
      Plötzlich schlug der letzte Fahrgast die Tür zu, der Bus setzte sich in Bewegung. Waltraud träumte sich für viele Stunden in die afrikanische Landschaft hinein, über die Köpfe der wechselnden Mitreisenden hinweg oder vom Fensterplatz aus, wenn sie nach einer Erfrischungspause umstiegen. Sie betrachtete das im Licht flirrende, sattgrüne Laub der Baobabs und Feigenbäume, die rote Erde, den tiefblauen Himmel mit den wie Schlagrahm stehenden weißen Wolken, die endlos scheinenden Steppen und Savannen, vorbei an Städten, Dörfern, auch an Massaidörfern, die sich immer noch vor Raubtieren geschützt hinter Dornenhecken verbargen, obwohl es dort keine mehr gab. Nach dem größten Teil der Strecke tauchte rechts an der Grenze zu Kenia der Kilimandscharo auf, später sollte der Mount Meru folgen. Links fließe der Pangani, erklärte Tepilit, weiter drüben breite sich die Masai-Steppe aus. Die Tansanit-Gruben von Mererani in der Arusha Region, in denen bis zu sechstausend Kinder schufteten, verschwieg er jetzt lieber, um Waltrauds Urlaubslaune nicht zu verderben. Schon der holländische Rucksacktourist hatte sich beim letzten Halt darüber aufgeregt, als er ihm während einer gemeinsamen Zigarettenpause vor der besetzten Toilette davon erzählte. Dabei waren die Edelsteine doch bei seinen Leuten begehrt. 
      In Arusha fanden sie ein billiges Zimmer in der Nähe des Mwenge Roundabout, einem Platz, um den der Verkehr kreiste. In einem Restaurant teilten sie sich einen nahrhaften Chagga-Eintopf, in dem ebenso kein Vertreter der Chaggas zu finden sei, witzelte Waltraud, wie im Bauernfrühstück Bauern. Danach bummelten sie durch die Stadt und Waltraud kleidete Tepilit für die Reise neu ein, damit er sich neben ihr nicht schämen musste in seinem ausgebleichten Hemd und der staubigen, schwarzen Hose. Straßenkinder liefen bettelnd neben ihnen her; zwei Klebstoff schnüffelnde Jungen blickten Waltraud aus verschwiemelten Augen an und wollten Geld. Sie gab Kindern aber nie Geld, sondern lieber Kulis oder Lineale für die Schule, Haargummis und andere Kleinigkeiten. Die zwei wollten sich sicher nur Nachschub besorgen, um ihrem Hirn den Rest zu geben. Waltraud wandte sich ab und steckte einem kleinen Mädchen heimlich einen Müsliriegel zu. Tepilit schritt schneller aus und verscheuchte die Kinder. Waltraud lächelte ihm dankbar zu, gleichzeitig schämte sie sich. Den Mwenge Roundabout mieden sie, denn seit das hiesige Zentrum, in dem man sich für die Straßenkinder einsetzte, vorerst aus Geldmangel geschlossen war, schliefen mehr als hundert der dort versorgten Kinder, nun hungrig und zerlumpt, viele von ihnen krank, an diesem Platz. Es dauerte seine Zeit, ehe Waltraud sich innerlich wieder umstellen konnte auf Tepilit, ihre Verliebtheit und ihr rosiges Glück.  

Waltraud zog in der Gemeinschaftsdusche ihre hauchdünnen Jazzpants an. Einen dazu passenden BH zu kaufen, hatte sie vergessen, also besser keinen als das ausgeleierte Ding da, sagte sie sich. Trugen Massaifrauen etwa Büstenhalter? Tepilit würde also nichts vermissen. Sie wickelte sich ins feuchte Badetuch, huschte mit ihrem Bündel Kleider unter dem Arm über den Flur und glitt, ohne Tepilit dabei anzuschauen, tief unter die Bettdecke. Ihr Herz klopfte, als käme der schwarze Mann sie holen, womit ihre Mutter gedroht hatte, wenn sie als Kind nicht parieren wollte. Aber der Anlass für ihr Herzklopfen war diesmal angenehm. Heute sollte ES geschehen.
      Und wie es geschah.
      Nach Tepilits zunächst sturem Einwand gegen ihre Kondome begann es zwar leidenschaftlich, doch im Nu war es wieder vorbei. Dafür drei Mal hintereinander im Laufe der Nacht. Wie lange würden da ihre Kondome reichen? Die Jazzpants hatte Tepilit ihr sofort heruntergerissen, ohne deren Reiz zu würdigen und damit die Spannung in die Länge zu ziehen. Er wollte sie nackt, sozusagen naturbelassen wie einen Öko-Pfirsich. Als Naturkind ist ihm der verfeinerte Geschmack der Städter nun einmal nicht zugänglich, tröstete sich Waltraud. Also war das wohl nur der Begattung dienender Natursex gewesen? Immerhin scham- und hemmungslos, wie sie sich den gerne vorgestellt hatte. Oder war Tepilit doch jünger, als er zugeben wollte? Sonderlich erfahren schien er nicht zu sein, da mochte er noch so viele Frauen beglückt haben, wie er behauptete. Alles One-Night-Stands, nahm sie an, was konnte er da schon lernen, wenn er nie über Anfänge hinauskam.
      Nun gut, dann würde sie sich seiner eben umso mehr annehmen. Sie wäre sowieso besser Lehrerin geworden.

Am nächsten Morgen holperten sie mit einem gemieteten Geländewagen, einem der teuren, weil seltenen Jeeps ohne Chauffeur, auf die Piste, die gerade geteert wurde, in Richtung Viktoriasee und Serengeti. Tepilit besaß auch keinen Führerschein, Waltraud hatte auch nicht damit gerechnet. Sie musste sich noch an den Linksverkehr gewöhnen, aber besser hier als in Arusha, sagte sie sich. Am Ufer eines Sees rasteten sie unter der ausladenden Krone eines Feigenbaums.
      Waltraud schwärmte von den Farben der Flamingos, nur die Stechmücken machten ihr zu schaffen. Sie nahm einen kräftigen Schluck aus der Wasserflasche und reichte sie Tepilit. Staubig und erhitzt von der Fahrt, entledigte sie sich ihrer Trekkinghose und wollte zu den rosa Wattebäuschen in den See springen, da hielt Tepilit sie am T-Shirt fest und zeigte auf die Flusspferde, deren Nasen über dem Wasserspiegel auftauchten.
      „Wieder rettest du mich!“ Sie fiel ihm um den Hals, „erst vor den Beachboys, jetzt vor den Hippos.“ Dabei will ich doch dich retten, hätte sie fast gesagt.
      Während der Weiterfahrt sprach sie kaum ein Wort. Die Giraffen und Zebras nahm sie nur am Rande wahr, auf die seltsamen Laubbäume machte sie erst Tepilit aufmerksam. An langen Strippen schienen wuchtige Leberwürste von ihnen herunterzuhängen. Er wollte unbedingt, dass sie von ihm und dem Leberwurstbaum ein Foto machte. Männer …Sie fand es etwas peinlich, wie er so prahlerisch dastand.
     
Kurz vor dem über zweitausend Meter hohen Ngorongoro-Krater brach die Dunkelheit herein, trotz der Wildtiere übernachteten sie im Jeep, statt das nächste Zeltcamp zu suchen.
      „Geht es dir nicht gut?“, fragte Tepilit.
      „Ich muss nachdenken, außerdem vermisse ich meine Badewanne, da kann ich das am besten.“ Waltraud litt heftig an der Liebeskrankheit, sie steckte noch in der Phase, wo das Hirn aussetzt.
      Auch Tepilit grübelte ab und zu, wie es mit ihnen weitergehen sollte. Wie nett und gut sie zu ihm war, wie eine Mutter, und was für ein Leben sie ihm verschaffte … Er fühlte sich wie ein König, zumindest wie ein reicher Tourist, ein Tourist auf Fotosafari.
     
Waltraud verkroch sich beim Einschlafen in Tepilits schützende Arme, sie kam sich wie Essbares in einer Konservendose vor. Ein Nashorn konnte die Dose sicher knacken. Doch mehr fürchtete sie sich davor, ohne Tepilit zurückfliegen zu müssen.
      Kaum dachte sie daran, stiegen ihr die Tränen hoch.

Frühmorgens brachen sie auf. Waltraud erschrak, als sie eine Tsetse-Fliege auf ihrer Hose entdeckte, der Jeep blieb bis auf einen Spalt im Fenster geschlossen. Tepilit schwitzte und grummelte vor sich hin, sagte aber nichts, obwohl er Waltrauds Gestank nach Insektenschutzmittel kaum ertrug.
      Am Rande des Kraters fuhren sie auf den Parkplatz. Inmitten anderer Jeeps standen Touristen und Massais beieinander. Waltraud stieg aus und schaute zurück auf die weiten Ebenen in Ocker und Grün tief unter ihnen.   
      „Eine berauschende Sicht von hier oben“, rief sie.
      Tepilit nickte nur, er genoss endlich die frische Luft. Waltraud hakte sich bei ihm ein, dann stellten sie sich an der Kasse des Nationalparks an.
      Kurz darauf blickten sie auf die etwa sechshundert Meter tief unter ihnen liegende Savanne des Kraters, wo auf engstem Raum fast alle Tierarten Afrikas versammelt sind. Der in der Sonne gleißende, salzige Magadisee in seiner Mitte schien nach vorne hin rosa gefärbt durch Tausende von Flamingos. Tepilit erzählte ihr von Rhinozerossen, Gnus und den Büffelherden, die die Grasflächen des Kraters durchwandern, von Elefanten und Warzenschweinen, Hyänen, Leoparden und Löwen. Dort mussten sie also hinab … sich an eine der kleinen, von einem Guide geführten Gruppen anschließen. Wollte sie das wirklich?
      Sie verspürte eine unbändige Lust, ihre Zeit nur mit Tepilit zu genießen, außerdem musste sie in Ruhe nachdenken und eine Entscheidung treffen.
      Um Zeit zu gewinnen, kaufte Waltraud eins der farbenprächtigen Massai-Tücher. Sie hatte sich längst daran gewöhnt, dass Tepilit ihr Portemonnaie in der Tasche seiner neuen Jeans trug, denn sie fand es lästig, es ihm jedes Mal heimlich zuzuschieben, wenn es ans Bezahlen ging. Auf diese Weise fühlte sich in der Öffentlichkeit niemand kompromittiert, sie nicht, weil sie für ihn mitbezahlte, er nicht, weil er sein Gesicht als Mann wahren konnte. Das leuchtend rote Tuch wickelte sie um Kopf und Körper. Sie sah ein wenig blass darin aus.
      Schließlich teilte sie ihm ihre Überlegungen mit. Tepilit setzte sich mit ihr ins Café und dachte nach, dann ließ er sie eine Weile allein.

Waltraud und Tepilit aalten sich im warmen Wasser ihrer frei stehenden Badewanne in Waltrauds Orangenblütenbad. Durch das tiefe Fenster blickten sie in den Krater, den der Sonnenuntergang rötlich färbte. Weit draußen zog eine Gnuherde vorüber. Auf dem Hocker lag ein Stapel schneeweißer Handtücher bereit, im goldgerahmten Spiegel neben der Wanne begegneten sich ihre Blicke.
      „Diese wunderschöne Terrasse, der Obstkorb zur Begrüßung … das frisch bezogene Doppelbett mit seinen Säulen und Schnitzereien aus Holz … Das Hotel ist schon die Reise wert. Und du, Tepilit“, gurrte Waltraud. „Was soll ich noch in Zanzibar!“
      Das Ngorongoro Crater Lodge kam Waltraud wie ein außergewöhnlich wohlhabendes afrikanisches Dorf vor mit seinen grauen, kühlenden Makutidächern aus geflochtenen Blättern der Kokospalme, seinen ocker und weiß getünchten, runden Häusern, Kaminen und Türmchen, inmitten eines weitläufigen Parks mit gestutztem Rasen, feingliedrigen Akazien und üppig belaubten Feigen- und Affenbrotbäumen, ein einziger Traum, – der seinen Preis hatte. Damit war Zanzibar gestrichen. Und mit dem, was Waltraud beabsichtigte, ebenso ihre Reise im nächsten Jahr.
      Während Tepilit sich mit dem Jeep einer geführten Gruppe anschloss – als Städter wollte er sich die Fotosafari nicht entgehen lassen, saß Waltraud auf der Terrasse, schaute auf den See, dann ins Ungefähre hinaus und fragte sich, ob sie in Dar es Salaam eine Chance hätte. Das Ergebnis fiel negativ aus. Und ihr entwurzelter Massai würde sie in der Stadt kaum ernähren können. Dazu brauchte er mindestens fünfzig Kühe. Auf dem Land. – Zum Beispiel im Sauerland. Und schon sah sie Tepilit vor ihrem geistigen Auge in ihr rotes Massai-Tuch gehüllt, mit einem langen Stecken in der Hand über die Hügel des Sauerlandes wandern, inmitten einer gewaltig anschwellenden Kuhherde – wo kamen die plötzlich alle her? – weshalb es bald einen Bauernaufstand geben würde. Und was machte er im Winter? Nein, er sollte erst einmal lesen und schreiben lernen, dann konnte man weitersehen. Auf jeden Fall gehörte er aufs Land, fand Waltraud, ein Massai passte einfach nicht in die Stadt. Das kannte man ja von den Indianern, die verkamen dort nur und soffen sich zu Tode. Vielleicht konnte Tepilit Biobauer werden? Ein gebildeter Biobauer, der abends nach getaner Arbeit Kant las.
      Satt bis obenhin mit neuen Eindrücken fuhren sie nach einer Woche zurück nach Dar es Salaam. Waltraud hatte der Blick durch ihr Fernglas auf die Tiere im Krater genügt, sie verspürte keinen Bedarf nach einen weiteren Nationalpark, denn die Zeit lief ihnen davon.

Die Formalitäten waren erledigt, wobei Waltraud mit vielen finanziellen Aufmerksamkeiten nachhelfen musste. Ihr Konto hatte sie längst überzogen. Tepilit blickte verwundert in sein Portemonnaie, das plötzlich leer blieb, sich nicht mehr wie von selbst füllte. Doch auf dem Flughafen trafen sie beim Einchecken auf Waltrauds Trekking-Gruppe und der Gruppenleiter gab ihr aus dem eigenen Geldbeutel eine Abschlagszahlung, damit sie ihren in Frankfurt abgestellten Wagen volltanken konnte. Die amüsierten Blicke der anderen ließ sie möglichst an sich abgleiten.  
      Sie sorgte sich, ob sie ihren mit Rückflugschein und vielen Papieren ausgestatteten Massai durch den deutschen Zoll bekäme. Wenigstens war Tepilit nicht minderjährig, sondern bereits dreiundzwanzig, wie sie entsetzt hatte feststellen müssen. So sehr sie auch rechnete, es blieb dabei, er war sechzehn Jahre jünger als sie. Umso mehr freute sie sich über die kleine Falte auf seiner Stirn, die ihn älter aussehen ließ.
      Tepilit derweil, nicht nur sozial aufgestiegen zum Touristen, sondern gleich hoch in den Himmel, schaute auf die Wolkenformationen hinab. Er glaubte Gott Ngai auf dem Mount Kenia thronen zu sehen, blinzelte ihm zu und dankte ihm.

So richtig wachte Tepilit Ole Sankan erst im Sauerland auf. Er drehte sich in Waltrauds zu kurzem Bett auf die Seite und zog sich die Steppdecke über den Kopf, nun lagen seine Füße im Freien. „Ein nicht geheiztes Schlafzimmer ist gesund“, hatte Waltraud behauptet, ohne den Eiszapfen an seiner Nase ernst zu nehmen, den er meinte zu spüren.
      Sollte er heute wieder seine Moonboots anziehen, durch den tiefen Schnee stapfen und von einem der bewaldeten Hügel aus durch Waltrauds Fernglas nach Menschen Ausschau halten? Nicht einmal Kinder gab es hier, die Schlitten fuhren oder eine Schneeballschlacht veranstalteten, wie er im Fernsehen im Kinderprogramm gesehen hatte. Das Dorf ... Sieben Häuser, kein Mensch draußen. Manche fuhren morgens zur Arbeit, die meisten blieben daheim und kümmerten sich um Haus und Hof. Das waren die Bauern, diese Viehdiebe. Waltraud glaubte, er würde aufblühen beim Anblick ihrer Kühe, dabei Zukunftsideen entwickeln, doch die Bauern sahen in Tepilit keinen späteren Mitbauern, fachsimpelten nicht mit ihm, wie Waltraud gehofft hatte. Sie wollten ihn nur ungern in den Kuhstall lassen, folgten ihm dort auf Schritt und Tritt und ließen ihn nicht aus den Augen, als befürchteten sie, er würde die Venen ihrer Kühe anritzen und ihr Blut trinken, vermischt mit ihrer wertvollen Milch. Schließlich sahen auch die Bauern fern und lernten die Gepflogenheiten anderer Völker kennen. Aber Tepilit interessierte sich ohnehin nicht für Kühe, außer für das Steak auf seinem Teller, das ihm Waltraud nicht oft genug zubereiten konnte. In Tanzania hatte er sich das noch nie leisten können.
      Frau Schrewe, Waltrauds Mutter, die im gleichen Haus wohnte und im Sommer Fremdenzimmer vermietete, mochte er ebenso wenig besuchen. So freundlich sie ihn empfing, zu oft trat diese peinliche Stille zwischen ihnen ein, dann rührte er in seinem Kaffee herum und wusste nichts mehr zu sagen. „Esst ihr auch Schlangen?“, hatte sie ihn gleich am ersten Abend gefragt. Waltraud war rot angelaufen vor Verlegenheit, während sich die Mutter heftig verteidigte und weltläufig tat: In China esse man ja auch Hunde und in Frankreich Frösche. Da sei doch nichts dabei.
      Vor dem Küchenfenster standen die schwarzen Fichten und schwiegen ihn an. Er würde einen weiteren Tag auf dem Sofa verbringen und darauf warten, dass Waltraud zurückkam.
      Und dann? Dann musste er wieder brav sein und zu allem ja sagen, was Waltraud von ihm wollte und für ihn plante. Das Schlimme war, dass sie es so furchtbar gut mit ihm meinte. So etwas hatte er nie zuvor erlebt; er wusste nicht, wie er damit umgehen sollte, schwankte zwischen Dankbarkeit, Aufbegehren und schlechtem Gewissen.
      Sie vereinnahmte ihn, als wäre er ihr Besitz.

Heute früh war Waltraud nicht gut gelaunt aufgestanden, die Arbeit mit den arbeitslosen Jugendlichen ging ihr auf die Nerven, luschig und mundfaul hingen sie in den Stühlen und schienen zu blöd für alles zu sein, so sehr sie sich auch bemühte, einen Funken Lebendigkeit in ihnen wachzurufen.
      Umso mehr Freude bereitete ihr Tepilit, der für alles dankbar schien, für die Winterkleidung trotz zu kurzer Hosen und Jacken, für das Alphabet, das sie ihm beibrachte, für das deutsch-englische Wörterbuch, den Nachhilfeunterricht in Sexualkunde im warmen Wohnzimmer auf dem Sofa, dankbar sicher auch für die Heizdecke und die Steppdecke in XXL, die sie ihm nach Dienstschluss mitbringen wollte.

Nichts zu tun als schlafen und ficken, dachte Tepilit. Und üben, im Sitzen zu pinkeln. Waltraud bestand darauf.
      Aber niemals pinkelte ein Massai im Sitzen! Also wischte er die bespritzte Brille anschließend schön sauber mit Klopapier. Zielen war eben schwierig aus seiner Höhe herab.
      Die ersten Schneeglöckchen standen in Büscheln im schmelzenden Schnee, sehnsüchtig wartete Tepilit auf den Frühling und den Sommer. Dann kämen die Leute aus ihren Häusern und man würde bis in die Nacht hinein auf dem Dorfplatz zusammensitzen, essen, trinken, sich etwas erzählen und lachen, vielleicht sogar tanzen. Immerhin zählte das Dorf mit ihm sechsundzwanzig Einwohner. Wenn nur die Hälfte käme, wäre es schon gut.
      „Nach sechs Uhr abends triffst du keinen Menschen mehr auf der Straße“, winkte Waltraud ab. „Und ab acht sitzen alle vor dem Fernseher.“
      Das hätte sie besser nicht gesagt.
      Als sie ihn ausschimpfte, weil er immer noch nicht den Müll richtig trennte, – „der Kaffeefilter gehört in die Biotonne, nicht in den Verpackungsmüll!“ – wurde er zum ersten Mal etwas lauter.
      „Und ich mag deinen eklig süßen Hirsebrei nicht, den du mir jeden Morgen kochst!“
      „Aber wieso denn?“, entgegnete Waltraud. „In Afrika esst ihr doch Hirse! Da will ich es dir extra schön und heimelig machen …“
      Es heiße bumsen, nicht ficken, hatte Waltraud ihn dann noch berichtigt, als er sich mit ihr versöhnen und dabei seine ersten Deutschkenntnisse anwenden wollte. Reichte es nicht für den Anfang, wenn man für dieselbe Sache nur einen Ausdruck lernte? Deutsch war schon kompliziert genug. Als Folge von Waltrauds Zurechtweisung sprachen sie wieder mehr Englisch.

Hin und wieder nahm Waltraud ihn frühmorgens mit ihrer Klapperkiste in die Kreisstadt mit, so auch heute. Zurück kam er per Anhalter oder mit dem Bus, den Rest zu Fuß, falls er nicht auf Waltraud warten wollte.
      Die Disko war am Tag leider geschlossen, so streifte er nur durch die Straßen und setzte sich ins Eiscafé, um eine heiße Schokolade zu trinken und mit den dort herumhängenden Teenies zu schwatzen, die sich ebenso zu langweilen schienen wie er. Seine Papiere steckten in der Manteltasche, nur der Flugschein fehlte. Seinen Rückflug hatte Waltraud gleich am nächsten Tag stornieren lassen, damit Geld in die ramponierte Kasse kam. Zum ersten Mal konnte er seine Zettel mit den Adressen und Anlaufstellen entziffern, die ihm die Rückkehrer aus Deutschland zugesteckt hatten. Eine stammte aus Frankfurt und klang vielversprechend: Black Uhuru. Das erinnerte ihn an den Mau-Mau-Aufstand, damals in Kenia, als er noch nicht geboren war, von dem man aber noch immer erzählte. Sollte nicht auch er einen Mau-Mau-Aufstand gegen Waltraud wagen?
      Die Jugendlichen, von denen einer ein Auto besaß, sprangen begeistert auf, als er ihnen vorschlug, doch mit ihm nach Frankfurt ins Black Uhuru zu fahren.

Waltraud machte heute früher Feierabend und fuhr nach Hause, ein paar Jungs, mit denen sie gerechnet hatte, waren gar nicht erst erschienen. Für heute reichte es ihr. In Tepilit hatte sie eine lohnenswertere Aufgabe gefunden als durch ihre Arbeit. Sie würde sich weiterhin um seine Kleidung und seine Erziehung kümmern, ihn lehren und formen, jung, wie er noch war. Sie würden umziehen, in ein weniger einsames Dorf oder besser gleich in die Kreisstadt. Dort konnte er die Volkshochschule besuchen, um endlich Deutsch zu lernen, später das Abitur nachholen und ein Fernstudium beginnen … Doch vorher musste geheiratet werden, damit er hierbleiben durfte. Sie war so dankbar dafür, dass sie wenigstens ihn hatte.

Bis tief in die Nacht durchsuchte Waltraud die Kreisstadt samt Disko, dann mit der Taschenlampe das aufgeschreckte Dorf und die Umgebung. Verheult, mit wirren, nassen Haaren, durchweicht vom Schneeregen –– polterte sie in die Küche ihrer Mutter, in der noch Licht brannte.
      „Mein Massai ist weg! Ich meine, Tepilit, mein Mann, wie kann er nur!“
      „Und du solltest auch gleich machen, dass du wegkommst“, schrie Frau Schrewe. „Das ist ja nur peinlich, wie du dich hier aufführst! Das ganze Dorf zerreißt sich über dich das Maul.“
       Waltraud konnte noch nicht ahnen, dass dies die Chance ihres Lebens war.

Im Black Uhuru  warf Tepilit Ole Sankan die Stiefel in die Ecke und tanzte die halbe Nacht hindurch, bis seine Fußsohlen brannten. Bald war er der Star, hier und auf den Partys der Weißen, schon weil er alle überragte. Einen echten Massai, und das in Moonboots, hatten nur die wenigsten gesehen. Hier fragte ihn keiner, ob er Schlangen esse, die Leute schienen tatsächlich interessiert an ihm zu sein. Nur weiterhelfen mit einem Flugschein wollten sie ihm nicht.
      Dafür überließ ihm eine Kenianerin ihr möbliertes Zimmer, das noch bis Ende des Monats bezahlt war. Die Liebe hatte auch sie nach Deutschland verschlagen oder das, was man dafür hielt. Statt hier putzen zu müssen, zog sie es vor, wieder in Mombasa als Rechtsanwältin zu arbeiten.  
      „Und dein Mann?“, fragte Tepilit.
      „Der!“ Sie machte eine wegwerfende Geste, während sie ihre Koffer packte. „Dieser verdammte Tourist! Hat mir bloß etwas vorgegaukelt mit seinem Wohlstandsbauch, seiner gefälschten Rolex aus Hongkong und dem ewigen Gerede von seiner Firma. Vor Ort hat sich herausgestellt, dass er nur als Wachmann dort arbeitet. Außerdem“, sie sah ihn fassungslos an, „ist er Analphabet! Davon soll es in diesem Land sogar Millionen geben!“
      „Nein, tatsächlich?“, rief Tepilit und schüttelte den Kopf.
      Wie er an einen Flugschein nach Dar es Salaam kommen könnte, sollte ihm bald kein Kopfzerbrechen mehr bereiten. Von einem Landsmann bekam er den entscheidenden Tipp.
      Ein paar Tage bevor sein Visum ablief, meldete er sich bei der Ausländerbehörde und beantragte Asyl. Sie behielten ihn gleich da, karrten ihn zum Flughafen und setzten ihn ins nächste Flugzeug.

„Und? Wie war`s?“ Dobi saß mit Tepilit im Schatten einer Palme und stieß ihn mit dem Ellenbogen in die Seite. „Nun erzähl schon!“
      „Unglaublich“, antwortete Tepilit und legte die Daily News beiseite. „Jeder hat einen Mercedes oder BMW vor seiner Villa stehen, jeden Tag gibt es Steaks zu essen, sie bieten dir die tollsten Jobs an und diese unersättlichen Blondinen … die wollen alle nur das Eine!“
      „Und warum bist du dann zurückgekommen?“
      „Heimweh“, sagte Tepilit. „Nichts als Heimweh.“
      „Ich würde eher Dummheit sagen“, lachte Dobi, reckte die Arme, stand auf und steuerte die zwei frisch angekommenen Touristinnen an.