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                Endlich Frühling!

                         oder

                 Jeder Dopf findet seinen Teckel

                     Eine Variation von „Die Schöne und das Biest“ …

                          (allen unansehnlichen Prinzen gewidmet)

                                                                                                                                                                                            Prinzessin Veralina brach sich den Eiszapfen von der Nase, blies die auf ihrem Haupt lastenden, steingrauen Wolken beiseite, warf ihr schweres Büffelfell von sich und tanzte mit weit ausgestreckten Armen nach draußen in die strahlendste aller Frühlingssonnen, sodass sie sich fast das Hüftgelenk brach, tirili, tirila, sang sie mit den Vögeln in den frisch belaubten Bäumen, während sie aufpasste, dass Letztere nicht ausschlugen, denn dann wäre sie gestolpert und auf die Plauze geklatscht und hätte ihr mit Rohrreiniger weißgebleichtes Prinzessinnengewand beschmutzt. Ihr klapperiger Schimmel blickte ihr trüben Auges nach, er hatte es längst aufgegeben, dass sich jemals ein Prinz auf ihn schwang, um zum Schloss zu reiten und sich minnesingend unter der Prinzessin Balkon zu verzehren, bis sie ihn erhörte.

Ausgelassen hüpfte Prinzessin Veralina über die Frühlingswiese, küsste hier eine Blüte, aus dem ein stattlicher Prinz herauslugte, küsste dort eine Blüte, aus der sich ein weiterer Prinz ihr entgegenwand, der Johnny Depp verflucht ähnlich sah, doch keiner berührte ihr Herz wirklich, sie küsste hundertfach, tausendfach, bis sie abrupt stehen blieb. Vor ihr, verborgen unter einem rosa Bettlaken lag ein überdimensionales Etwas, das sich leicht bewegte, um nicht schwabbeln zu sagen, nein, man muss es doch sagen, ES schwabbelte sogar ganz erbärmlich.

Es zitterte.

Es schluchzte!

„Wer bist du und was hattudenn?“, fragte Prinzessin Veralina und trat vorsichtshalber einen Schritt zurück.

„Äch bän das Grompfäl ond äch bän so trauräg, schlürf!“, erwiderte das quallige Ding.

   „Dann komm doch mal unter deinem Bettlaken hervor und schau nach draußen! 

Frühlingskinder im bunten Gedränge,
Flatternde Blüthen, duftende Hauche,
Schmachtende, jubelnde Liebesgesänge
Stürzen an's Herz mir aus jedem Strauche.
“ 1)

„Nächt für mäch, schlonz … Keinär lä-häääbt mäch, keinär wäll mäch!“

„Aber warum denn nicht?!“

„Keinär lä-häbt mäch, keinär wäll mäch, äch bän zo hässläch.“

„Hast du dich etwa deswegen unter dem Laken versteckt?“

„Grmpf, schlürf.“

Und dann wurde das Wesen von einem so entsetzlichen Heulkrampf geschüttelt, dass die Vögel schlagartig ihr Jubilieren einstellten und sich die Ohren zuhielten, denn seine Klagelaute waren kaum auszuhalten.

Prinzessin Veralina hielt sich nicht die Ohren zu, im Gegenteil, ihr wurde ganz weh ums Herz, als sie auf dieses Elend blickte. Wie ungerecht, dass ein Wesen keine Liebe bekam, nur weil es hässlich war! Wut stieg in ihr auf und Trotz, dem entgegenzutreten. Glibberige Tränen durchnässten derweil das Bettlaken, das Grumpfel wirkte wie ein voluminöser, in der Sonne glänzender, rosa Wackelpudding.

„Vielleicht könnte ich dich lieben“, hörte sie sich sagen, „niemand ist nur hässlich, es gibt bestimmt auch etwas Schönes an dir, aber …“ Vielleicht hat es ja schöne Augen, dachte sie. „… aber wenn du es nicht zeigst, kann es auch niemand entdecken. Lupf doch wenigstens dieses Laken, ach, bitte, ich würde mich sehr darüber freuen.“

„Wärkläch?“, fragte das Grumpfel, während es seine Tränen herunterschluckte, was ein scheußlich würgendes Geräusch machte, „do würdäst däch sogar darübär freuän, schlonz?“

„Ach, bitte trau dich doch!“

Unter dem Laken kroch eine undefinierbare, schleimüberzogene Masse hervor, aus deren Ende sich vier spatelförmige Finger bildeten, das Handartige zog das Laken langsam zurück, bis der an die Erde gepresste, vor grünlichem Schleim triefende Wanst sichtbar wurde und der ebenso triefende Arm, auf den die Kreatur ihre Massen stützte.

„Dddu hast sicher eine schöne Seele“, stammelte Prinzessin Veralina, „inn-ner-rere  Werte … und und und durch den Blick der Liebe gesehen wird jeder schön!!!“

„Wärkläch?“, fragte das Grumpfel erfreut, doch dann besann es sich und ließ das Laken oberhalb seines breiten Mauls, über dem seine pockige Nase hing, sinken. Aus dem Maul troff gleich ein ganzer Schwall zähen Schleims, den es mit seinen unförmig fetten Lippen zurückschlürfte und herunterwürgte, woraufhin neuer Schleim produziert wurde und nach außen trat, als es sagte: „Fändäst do mäch schön?“

„Wunderwunder …sch… Llllass doch lieber… auch n-no-noch deine Augen sehen …“, stotterte Prinzessin Veralina, „sie s-s-sind der Spiegel der Seee…“ Schau mir in die Augen, Kleines,  kreischte es in Veralina auf, sodass sie ein hysterisches Kichern nur mühsam unterdrücken konnte. Ich könnte ihn mir schöngucken … wenn gar nichts geht, schöntrinken … schoss ihr durch den Kopf. „Ich möchte dir in die Augen sehen, wenn ich mit dir spreche“, setzte sie hinzu.

Das Grumpfel zögerte, dann schlug es das Laken zurück und glupschte Prinzessin Veralina unter schweren, vom Weinen zugeschwollenen Lidern erst erwartungsvoll, dann geradezu enttäuscht an.

„…le“, beendete Prinzessin Veralina den Satz, „der See-le. Du siehst so traurig aus, du armes, liebes Grumpfel …“

„Pränzässännän sänd jong ond habän langäs, blondäs, lockägäs Haar. Do jädoch bäst alt, mändästäns sächzäg Jahrä, do altä Pällkartoffäl, ond hast kalkweißäs, raspelkorzäs Haar, das man nächt läbävoll durcheinandärwoschäln kann! Äch weiß nächt so rächt, mein Typ bäst do nächt gäradä. Do hast sächer auch Cällolätäs ond einän Hängäarsch … värzeih, das äst mär so rausgärotscht, schlürf ...“

Prinzessin Veralina erbleichte, was ihr erst recht nicht stand zu ihrem weißen Haar, aber da sie nicht mehr so eng geschnürt wurde wie Anno Dazumal ihre Großmutter, sogar ihren Büstenhalter verbrannt hatte, weil sie sowieso keinen brauchte wegen Größe Minus AAA, also flach wie ein Brett war, fiel sie nicht in eine gnädige Ohnmacht.

„Värzeih mär!“, wimmerte plötzlich das oder der Grumpfel, als sei ihm etwas zu Bewusstsein gekommen, „wää hast do gäsagt? Dorch dää Augän där Lääbe bääugän ... Eigäntläch mag äch altä Pällkartoffäln …ässän, warom dann nächt gärnä anglotzän lärnen ond lääben?“ Vor Aufregung schladderten seine Schleimstränge am Maul aneinander. „Weißt do, äch mag keinä dickän Euter, krk-schlonz, dää sänd mär zo schwabbäläg, ägätt, abär do! Do hast gar keinä, äch lääbe das, das äst so schön hart, da kann äch mäch so schön om däch rom schmäägän ond ausbreitän ond übärflääßän! Ond do hast schönä Augän, auch wänn das einä schon ätwas trääft, doch übär solchä Kleinägkeitän sollten wär schon hänwegglopschen können, schau mär in dää Augän, Kleinäs, darf äch nähärkommän? Äch wäll däch lääbän, so wää do bäst!“

   Prinzessin Veralina schämte sich ihres vermeintlich großherzigen, aber nur hochmütigen Mitleids mit dieser Kreatur, und weil sie nicht daran gedacht hatte, dass sie für ihn auch nicht das Gelbe vom Ei sein könnte, als hätte er nur dankbar zu sein für jede weibliche Zuwendung, egal, von wem sie kam. Das Grumpfel war viel ehrlicher als sie und lebte das, wovon sie nur sprach. Auch das Grumpfel hatte seine Würde und gäbe sich nicht mit einer ab, die ihm nicht gefiel.

 Das Grumpfel setzte seine glibberigen Massen in Gang, das Laken hinter sich her ziehend, und schlapfte auf Prinzessin Veralina zu.

„Darf äch däch küssän?“, fragte es und schob seine Nase beiseite.

„Ja …a…“, doch den Satz brachte sie gar nicht erst zu Ende, denn:

Schlürfschlotz, machte das Grumpfel und Prinzessin Veralinas Gesicht triefte vor Schleim, sodass sie dem Grumpfel ziemlich ähnlich sah. Sie presste die Lippen aufeinander und biss die Zähne zusammen, damit das Zeug nicht in ihre Mundhöhle floss. Vielleicht konnte sie sich ja daran gewöhnen, der Mensch gewöhnt sich schließlich an alles, an fast alles … Das Zeug roch immerhin nach nichts.

Schlürfschlotz, machte das Grumpfel noch einmal und Prinzessin Veralina traute sich, die Zunge ein wenig vorzustrecken – es schmeckte nach … nach Slime, diesem giftgrünen Glibber, mit dem sie als Kind so gerne im Schloss gespielt hatte und sich freute, wenn es vom Kronleuchter troff oder von der spitzen Nase der Köchin, wenn sie ihr Graupensuppe à la grausam vorsetzte, sobald die Eltern auf Reisen waren. Froschaugensuppe sagte sie dazu, die verquollenen Graupen glotzten ihr wie Frösche im Tümpel entgegen. Aber die Graupenaugen hatte sie ja auch herunterwürgen können, weil oben auf dem Schrank als Nachtisch der grüne Wackelpudding lockte, der mit dem Waldmeistergeschmack.

   Prinzessin Veralina nahm einen inneren Anlauf und dann umarmte sie ihren Grumpfel, fasste in die schmatzende, gallertartige Masse, badete und versank darin, dass der Schleim nur so über sie floss, während sie nach Luft schnappte. Ihr Prinzessinnengewand klebte längst grün verschmiert an ihrem Leib. Roch und schmeckte das Wesen nicht nach Wackelpudding? Sie liebte Wackelpudding, besonders grünen.

   „Ändläch!“, jubelte das Grumpfel, „ändläch habä äch meinä Pränzässän gäfondän ond dä Läääbä!“

    „Ond äch dä Lääbä ond meinän Pränzän!“

 Schlagartig fingen die Vögel wieder das Jubilieren an.

Ändä got, alläs got.

Ond wänn sä nächt gästorbän sänd, läbän sä noch heutä.

Dachte sie.

Plötzlich, mit einem flatschenden Geräusch, barst das Grumpfel auseinander. Vor ihr hockte ein Prinz. Samt eidotterfarbenen Haaren mit prächtiger Innenrolle, wie in dem Schneewittchenfilm von Walt Disney. Als Vierjährige hatte sie ihn angehimmelt. Fortan biss sie in Äpfel, fiel um, und Prinz Oma musste sie wachküssen, und immer wieder von vorn. Sie war nicht mehr vier. Außerdem trug er einen Schnäuzer, in dem noch ein Stück Schleim hing. Nur Einstein und Johnny Depp durften einen Schnäuzer tragen, alle anderen sahen dämlich damit aus.

Prinzessin Veralina vereiste, was alle Gefühle für das Grumpfel in ihr gefrieren ließ. „So haben wir nicht gewettet, das ist ja geradezu hinterhältig, Prinzen langweilen mich zu Tode!“, rief sie, brach sich den Eiszapfen von der Nase, blies den Rest der rosaroten Wolken beiseite, stolperte über den Schleimhaufen, in dem der Prinz gesteckt hatte, rappelte sich auf und rannte mit ramponierter Frisur und grün verschleimten Gewand quer über die Frühlingswiese zurück ins Schloss.

Kurze Zeit später schaffte sie sich einen Dackel an.

Jeder Dopf findet seinen Teckel, dachte sie, wie wahr, wie wahr.

Ende gut, alles gut.

Und wenn sie nicht gestorben sind, leben sie noch heute.

 

 

Antiguttembergische Fußnote 1) von Nikolaus Lenau

 

Leider stimmen auch hier die Absätze nicht (richtig in: die Rache der Muse).

Bisher konnte ich noch nicht herausfinden, warum hier Leerzeilen entstehen, wenn ich einen Satz nur ein wenig einrücken wollte. (Nur wenn der Satz bis an den rechten Rand reicht, geht`s automatisch ...)