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http://www.pieces-of-poetry.de/web/html/pop_geburt_hesse.html Dort findet Ihr eine ältere Kurzgeschichte von mir: Geburt 

 

Auf dieser Seite nur drei Kurzgeschichten:

Hullas Himmelfahrt
Eine abgründige Kaffeefahrt

Himmelfahrt

                  

Die folgende Geschichte ist zu:

Mutmaßungen über Doris - Romanfiguren aus "Das kunstseidene Mädchen" von Irmgard Keun melden sich zu Wort und "beglänzen" die 30er Jahre.
ISBN 3-931918-10-6 / 136 Seiten - 12 €, ferber Verlag, Köln

im Rahmen der Aktion: Ein Buch für die Stadt (eine Initiative Kölner Stadt-Anzeiger und Literaturhaus Köln)

Titelbild: kaeferböck
www.arte-kaeferboeck.de

                             

 

                                              

 

                                            

 

 

 

                                                

 

                                             Hullas Himmelfahrt

Fertig. Ich sitz auf der Bettkante, bück mich nach meinen Strümpfen. Als ich mich aufrichte, ist er neben mich gerutscht. Was guckt er mich so von der Seite an? Sieht aus wie ein Frettchen. Und wie nass er spricht.
    “Zweifuffzig”, spuckt mir sein fieser kleiner Mund entgegen.
    “Drei Mark hatten wir aber ausgemacht!” Ich roll die Seidenen hoch. Sie sind voller Löcher und Laufmaschen, es ist Dezember, ich muss neue Strümpfe ... Kohlen hab ich auch keine mehr.
    Er springt aus dem Bett. “Ich lass mich doch nicht neppen!”, ereifert er sich und setzt seinen Kneifer auf. “Mit mir nicht, nicht mit mir, Frolleinchen!” So steht er vor mir, in Socken, den Kneifer auf der Nase, mit erhobenem Zeigefinger.
    “Neppen?!” Ich gerate außer mich. Ich will doch nur drei Mark! Eine Wut kriecht in mir hoch. “Einer hat mal vierzig gezahlt!” Dieser verdammte Rannowsky ... wenn man ihn braucht, ist er nicht da. Und ich bin selbst daran schuld. Ich hab ihn angezeigt. Wegen mir ist er im Knast, weil er mein Gesicht zerschlagen hat und nun hab ich keinen Schutz.
    Das Frettchen grapscht nach seiner Unterhose, die auf dem Fußboden liegt. Zwischen den Schenkeln baumeln seine lang gezogenen, behaarten Dinger. Er dreht sich zu mir um.
    “Schau dich doch mal an, du ... du ... was hast du da im Gesicht unter dem Leukoplast? Bist du krank? Zweifuffzig und keinen Pfennig mehr!”
    Ich möchte ihn schlagen, aber ich bin wie gelähmt und mir wird schlecht. Dann klaut er noch das Feuerzeug und lässt mir seines hier. Das ist kaputt und ich muss die Zigarette an der Flamme vom Gasherd anzünden. Meine Haare brennen! Ein Glück, nur ein paar sind angesengt, was für ein Glück! Den Ansatz müsste ich mal wieder bleichen. Meine Hände zittern, ich geh besser schlafen, mir reicht`s für heute.
    “Sorge für die mir geliebten Tiere, Weib, anderenfalls krache ich dir die Rippen im Leib kaputt, wenn ich rauskomme”, hat er aus dem Knast geschrieben. Seine Goldfische, besonders der Lolo, sein Liebling ... Warum ich? Warum nicht eine von den anderen drei Pferdchen, wie er uns nennt, wenn er mal gut gelaunt ist, aber das ist schon lange her. Immer mehr Arbeitslose auch unter den besser Gestellten, keiner hat Geld dafür übrig oder sie drücken die Preise und wir müssen es ausbaden. Dabei weiß er, dass ich ihm wirklich alles abliefere. Ich bin die Einzige, der er da vertraut, hat er einmal gesagt. Ich war so stolz. Und dann hat er mir fünf Mark extra in die Hand gedrückt. Er kann auch nett sein, der Rannowsky. Vielleicht habe ich ihn zu sehr gereizt, als ich mich gewehrt hab gegen seine Vorwürfe, ich würde ihn jetzt auch noch betrügen. So wenig hätte ich doch früher nie verdient. Wüsste er, was ich jetzt einnehme, seitdem ich so aussehe, dann ... Aber ist das meine Schuld? Er kann auch nett sein! Wie dusselig bin ich eigentlich? “So dick wie dusselig”, hat er oft genug zu mir gesagt.
    Die Wunde unter dem Leukoplast juckt wenigstens nicht mehr. Furchtbar war das, wie soll man sich auf die Arbeit konzentrieren, wenn man sich dabei heimlich kratzen muss? Und arbeiten muss ich ja. Für das verdammte Fischfutter und dem Rannowsky seine Miete. Lieber an was anderes denken, vielleicht an das Fräulein Doris?
    Ich hab sie lange nicht gesehen, aber vor ein paar Wochen ist sie wieder zurück zu den Scherers. Die landet ebenfalls in der Gosse. Wovon lebt die nur? Na, wovon wohl. Arbeit hat sie keine. Im Treppenhaus kam sie mir entgegen, ich sie nach Geld für Fischfutter ... Das war so erniedrigend, auch wenn sie freundlich tat. Übertrieben freundlich, finde ich, als hätte sie Angst vor mir. Und so ein bisschen von oben herab. Schließlich ist sie doch noch mit hochgegangen, um sich den Lolo anzusehen. Eigentlich hat sie ein gutes Herz. In Rannowskys Wohnung bekam ich wieder das Zittern, dass ich etwas falsch gemacht habe.
    “Der ist nur fett und faul”, hat sie mich beruhigt. “Vielleicht kippen Sie zu viel Futter hinein, Fräulein Hulla”, womit sie den Lolo meinte.
    Wenn ich bloß schlafen könnte! Es wird hell, ich wälze mich sowieso nur herum, ich geh jetzt zum Arzt.
    Er löst mir das Pflaster ab. Was sieht jetzt schlimmer aus? Das wuchernde Fleisch kann weggeschnitten werden, sagt er, aber die Narbe bleibt. Wie verzogen mein Mund dadurch ist, ich kann gar nicht richtig sprechen! Dreckskerl von Rannowsky! Ich krieg so einen Hass!
    Ich weiß nicht wie, da steh ich in dem seiner Wohnung und starre ins Goldfischglas. Ich fische den Lolo mit der Suppenkelle raus. Leg ihn auf den Fußboden. Unter ihm Zeitungspapier. Er zappelt und windet sich, sein Maul klappt auf und zu, er glotzt mich an, während das Papier die letzten Tropfen Wasser aufsaugt. “Schau her, Rannowsky”, sag ich, “das mach ich mit deinem Lololiebling!” Der Lolo zuckt noch ein bisschen und ist plötzlich ganz ruhig. Ich stupse ihn in die Seite, fängt er doch wieder an zu zucken. “Verreck endlich, du Dreckfisch”, sage ich, nehme ihn am Schwanz hoch und stehe auf. Ich sollte ihn lieber ins Glas zurück ..., denk ich gerade, da glitscht er aus meinen Fingern, platscht auf die Erde, rührt sich nicht mehr. Ich poltere die Treppen runter, haue an die Tür von den Scherers und schrei nach Fräulein Doris.
    “Der Lolo ist tot!”
    Einen Augenblick später knien wir vor ihm. “Tu ihn ins Wasser, mach ihn lebendig!”, flehe ich sie an.
    Sie klaubt ihn auf, jetzt schwimmt er wieder, nur umgekehrt, mit dem Bauch nach oben.
    “Ich hab das nicht gewollt!”, schrei ich vor Angst, denn bald wird der Rannowsky entlassen und ich hab so lange ordentlich für seine Fische gesorgt und jetzt das! Da fängt auch Fräulein Doris an zu heulen. Ich zittere am ganzen Leib, erzähle ihr von heute Nacht, dem Frettchen, vom Arzt und wie ich den Rannowsky hasse. Dann liegen wir uns in den Armen und heulen gemeinsam.
    “Der arme Lolo”, schluchzt Fräulein Doris. Dabei hat der es doch hinter sich. Die Angst schüttelt mich, ich brech in die Knie, was hab ich bloß getan!
    “Heilige Mutter Gottes, hilf mir, wo soll ich nur hin!”
    “Hulla, ich hol dir einen Kognak!”, sagt Fräulein Doris.
    Die Stille wird unerträglich, was macht sie denn bloß so lange? Da, ich hör was, sie kommt ... nein, diesen Schritt kenn ich! Lauf, sagt etwas in mir. Meine Haare sind wie elektrisch.
    Rannowsky steht in der Tür.
    Ich klettere aufs Fensterbrett. Spring zum Fenster hinaus.
 

Es ist viel besser hier. Keine Rannowskys, keine Frettchen. Ich arbeite nur für mich selbst, die Freier darf ich mir aussuchen. Sie zahlen dreißig Mark, manche auch vierzig. Sobald ich genug zusammengespart habe, kauf ich mir ein Häuschen im Grünen. Vielleicht finde ich dort sogar einen netten Ehemann. “Hulla, wunderschöne Hulla”, haucht er mir ins Ohr, “dass ich dich gefunden habe.” Dabei bin ich immer noch so dick und die Narbe seitlich am Mund legt zwei Zähne frei. Doch hier ist das nicht wichtig, ich werde geliebt wie ich bin. Alles ist und wird so, wie ich es mir in meinen Träumen ausgemalt habe, damals, als ich noch am Anfang stand. Dorthin zu kommen, wäre der Himmel auf Erden, hatte ich mir vorgestellt. Und jetzt hab ich den genau so bekommen. Das darf ja wohl nicht wahr sein, habe ich zuerst gelacht.
    Aber nun entscheide ich mich gegen meinen Himmel für einen besseren. Doris, du hast mir den Himmel gewünscht, in dem das Gute in meinen Augen Verwendung findet.
    Viel Schlimmes erwartet dich, kleine Doris, und ein Glanz, wie du`s dir erhoffst, wirst du schon gar nicht. Ich nehme also an, du brauchst mich. Du liegst auf einer Bank im Tiergarten, die Beine eng an den Leib gezogen. Die Nacht ist sternenklar, es ist Weihnachten. Der Pelzmantel schützt dich nicht auf Dauer, die Kälte kriecht unter ihn und dein dünnes Kleid. Du bist in Gefahr zu erfrieren. Sieh mal, du hast mir noch Flügel gewünscht ohne Leukoplast. Sie sind stark und daunenweich und werden dich, jedes Mal sobald du einnickst, wärmen. Ich trage ein langes Hemd aus echter Bembergseide, wie findest du das? Es spannt ein wenig an den Hüften. Auch wenn ich immer noch wie Hulla, die Hure aussehe, jetzt bin ich ein Glanz.

(2003)

 

  

Meine erste Kurzgeschichte:

 

                                            Eine abgründige Kaffeefahrt     
 


„Schreiben Sie einen Roman an einem Wochenende“, flatterte mir ins Haus. Eine Kaffeefahrt in die Berge versprach man mir – „für Verpflegung bitte selbst sorgen. Kaffee bis zum Abwinken – kostenlos!“ hieß es salopp. „In einem achtundvierzigstündigen Crash-Kurs erlernen Sie das Handwerk des Schreibens ...“ – der Kaffee war wirklich nötig – „... nach einer in den USA entwickelten brandneuen Ganzheitsmethode! Schreiben Sie Ihren Roman, noch während wir Ihnen Tipps geben, denn Schreiben lernt man nur durch Schreiben!“

    Um auszuschließen, dass die Aspiranten füllerkauend fruchtlose achtundvierzig Stunden über einer Romanidee brüten, war das Thema „mit viel Raum für eigene Fantasie“ vorgegeben. Was für ein Thema könnte das sein? „Raten Sie! Wer es richtig errät, gewinnt eine Rheumadecke. Die Auflösung erfolgt während der Fahrt.“ Noch litt ich nicht an Rheuma, aber man weiß ja nie, was man noch alles so vor sich hat ...
    Dieselbe Firma bot auch „Sticken nach Vorlage“ an. Die Vorlage war zu erraten. Ich
vermutete den Mann mit dem Goldhelm. Verächtlich rümpfte ich die Nase: Das war mir nun doch zu primitiv.
    Die Busfahrt kostete 19,95 DM. Billig. Wollte ich nicht immer schon schreiben?
    Es war soweit! Im Morgengrauen des Freitags wartete ich frierend an der im Nebel
versunkenen Bushaltestelle. Der komfortable Reisebus fuhr nicht an mir vorbei, wie befürchtet, sondern nahm mich in seine warmen Eingeweide auf wie der Wal den Jonas. Fauchend schlug die Tür hinter mir zu.
    Nachdem wir alle vollzählig waren, wurden wir lebhaft begrüßt von einer Morgenlerche.
    Wir muffelten zurück.
    „Achtundvierzig Stunden sind sechsundneunzig halbe Stunden“, behauptete sie.
    Kein Mensch rechnete nach.
    „Wer täglich nur eine halbe Stunde schreibt, hat also ein gutes Vierteljahr Zeit für seinen Roman. Jeden Tag nur eine Seite wären nach sechsundneunzig Tagen ebenso viele Seiten. Wir aber schaffen das an einem Wochenende. Time is money, gelle?”

    Diese Rechnung schien mir logisch zu sein. Skeptische Stimmen meldeten sich. Ein Roman von Handke habe immerhin über tausend Seiten und ... Stolz schnippte ich mit dem Finger: „Hermann Hesses Gertrud hat etwas über hundert Seiten und ist auch ein Roman.“
    „Ift hier nicht der Ftickkurf? Bin ich etwa im falfen Buf?“, rief mein Sitznachbar, der einer altjüngferlichen Ausgabe Rudolpho Valentinos glich.
    Verstohlen schaute ich nach, ob er Gamaschen trug. Nein, Knickerbocker und rote, gestrickte Kniestrümpfe. Die auf ihn einredende Lerche meinte, die Berglandschaft könne auch ohne Stickkurs reizvoll sein. Das hat er dann auch eingesehen.

    „Geftatten? Herr Kurt ift mein Name“, stellte er sich vor und reichte mir seine Hand. Sie fühlte sich an wie eine Nacktschnecke: weich und feucht. Herr Kurt spuckte beim
Sprechen und er konnte das „S“ nicht aussprechen. Heraus kam ein Fffft-Laut. Wie der Pinguin Ping aus der Augsburger Puppenkiste, dachte ich.
    „Heute geht aber auch allef fief! Erft habe ich meine vergoldete Fahnkrone verfluckt, aufgerechnet den oberen Fneidefahn – und jetft fitfe ich auch noch im falfen Buf!“ Kläglich verzog er sein Gesicht und zeigte mir seine Zahnlücke.
    „Ich bin Frau Helga“, sprach ich dort hinein. Der Sog des Schwarzen Lochs ließ mich meinen Blick abwenden.
    „Wie foll ich jetft mein Brötchen effen? Haben Fie vielleicht etwaf Weichef für mich?“
    „Aber nur zum Tauschen.“
    „Ja, bitte!“
    Ich kramte ein Ei hervor, für das er sich bedankte, nickte ihm zu und biss in sein Brötchen.
    Mein schwergewichtiger Vordermann drückte sein Gesäß durch den Sitz und quetschte schmerzhaft meine mittlerweile heißen, schweren Beine. Schweigend und dösend litt ich vor mich hin.
    Plötzlich zuckte ich zusammen.
    „Jaaa! Richtig geraten! Ihre Schreibvorgabe ist dieses Foto mit dem niedlichen, kleinen Jungen auf dem Berggipfel. Ist er nicht herzig mit seiner Zahnlücke und dem lustigen Tirolerhut?“ Irgendwer freute sich lautstark über die gewonnene Rheumadecke. Schließlich hielt auch ich ein ausgeteiltes Exemplar meiner Schreibvorlage in den Händen – zu der mir etwas einfallen sollte. Ich konnte ihn auf Anhieb nicht riechen, diesen grinsenden Balg.
    „Die erste Übung“, rief die Lerche. „Füühlen Sie sich nuun in dieses Kind ein, entwickeln Sie Gedanken. Der Schriftsteller schreibt auch dann, wenn er nicht schreibt. Tun Sie es ihm nach und wenn wir angekommen sind, dürfen Sie Ihre ersten Worte gleich aufschreiben!“
    Emsig befolgten alle – außer Herr Kurt und ich – diesen Rat.
    Er schaute auf das Foto. „Putfig“, flötete er aufmunternd, „ob man den auch fticken kann?“
    Wort- und Satzfetzen schwirrten durch den Bus: „Der Junge stand auf dem Berg und...“ 
    „... was machte er dort eigentlich?“
    Es dichtete nur so. Musen kauerten verkrampft auf den Rückenlehnen und bliesen ihren Denkern durch die Ohren ins Gehirn.
    Wer ein Dichter werden will, der muss auch durch entsetzliche Niederungen waten können, belehrte ich mich selbst und bemühte mich um Gedanken. 
    Nichts.
    Eine unermessliche Wut stieg in mir hoch. Ich hasste ihn. Was hat der verfluchte Idiot auf dem Gipfel zu suchen? Bemerkt er nicht den grausigen, tiefschwarzen Abgrund hinter sich? Nee, der ist zu blöd dazu. Lacht auch noch so bescheuert. Hähä! Mordgedanken bemächtigten sich meiner. Ihn einfach da runterzuschubsen, das wär`s! Damit wäre das Problem gelöst und ich könnte von wunderbarer Einsamkeit und Gipfelseligkeit schwärmen, von der eisklaren Luft und Nietzsche zitieren! Das gäbe mehr her.
    Wir sind da! Ich weckte Herrn Kurt, der an meiner nassen Schulter schnarchte und
sabberte. Bald wird er seine Zahnkrone wiederhaben, dachte ich und stellte mir vor, wie er sein Häufchen mit einer Pinzette untersucht, was mir einen hysterischen Lachanfall bescherte.
    „Waf lachen Fie denn fo?“, fragte Herr Kurt mit unsicher schwankender Stimme.
    „Ich freu mich so! Gucken Sie mal, wie schön unsere Schreibunterkunft ist! Diese riesigen Panoramafenster! Hier lässt es sich doch doll träumen und sticken, äh, dichten!“
    Erwartungsvoll betraten wir die große Halle. Auch die äußeren Umstände für das
Schreibenkönnen hatte man berücksichtigt: Von drückend harten Schulbänken bis zu Wohnlandschaften – an alle möglichen Vorlieben war gedacht worden. Sogar ein Himmelbett stand in einer Ecke.
    Mich zog es ins Helle auf einen Liegestuhl. Endlich konnte ich meine geschwollenen Beine hochlegen. Aah! Durch das Panoramafenster lockte der Gipfel.
    Parnass, dachte ich, Olymp, Eichenlaub.
    Herr Kurt verdrückte sich derweil und machte seinen ersten Spaziergang.
    Nun packten wir unsere Ranzen aus und zückten Papier und Schreibgeräte. Vor uns lag unsere Schreibvorlage. Wo blieb eigentlich der Kaffee?
    Vor mir lag meine Schreibvorlage sowie das gähnende Nichts der Gedankenleere, der Abgrund. Die Lerche zwitscherte.
    Ich starrte diesen Jungen an mit seinem lächerlichen Tirolerhut. ER, SIE, ES bahnten sich gewaltsam einen Weg aus meinen tiefsten Tiefen heraus, hinaus. Der Urmensch, die Mordlust, ein grauenvolles ES. Jetzt wusste ich, was Freud damit gemeint hatte.
Genug! – Ich floh nach draußen und beschloss, es Herrn Kurt nachzumachen. Alleine, endlich alleine machte ich mich zum Gipfel auf, dem ich schnell näher kam.
    NEIN! Bitte nicht! Da ist wieder dieser Junge, er winkt mir von da oben mit seinem Stecken zu, er trägt Knickerbocker und rote Kniestrümpfe. Seine komplette Sippschaft kommt mir Volkslieder singend entgegen: der Alm-Öhi, Heidi, die Wilden Herzbuben, Karoline Reibach und Heidis Großmutter. Diese singt nicht, sondern mümmelt an einem weichen Rosinenbrötchen. „Jo, Grüezigottmiteinonder“, ruft sie mir mit vollem Mund zu und verliert dabei ihr Gebiss.
    Wieso „miteinander“, frage ich mich. Bin ich zwei? Oder drei, vier ...?
    Das kann nur eine Luftspiegelung sein, eine Sinnestäuschung! Die Luft ist hier eben anders geartet als dort, von woher ich komme. Aber wieso höre ich dann diese Stimmen?
    Beherzt nehme ich die gepflasterte Straße zum Gipfelsturm.
    ER IST DA. - - - Grinst zahnlückenhaft. - - - Hähä.
    Dann – jodelt er.

    Ich setze ein liebreizendes Lächeln auf, er lächelt arglos zurück. Arglos, wie Kinder nun einmal sind.
    Ich nähere mich ihm.
    Und schubse ihn in den Abgrund.
 

Jetzt bin ich hier. Es ist sehr schön hier. Ich sitze auf einer Bank in einem parkähnlichen Garten. Der Pfleger ist sehr nett. Er hat mir mein Taschentuch wiedergegeben, das ich auf dem Berggipfel verloren hatte. Es ist ein sehr schönes Taschentuch. Der Mann mit dem Goldhelm ist darauf gestickt. Ich sticke gerne nach Vorlagen.

   (19..?)
 

 

  
               Himmelfahrt

„Ach, das Meer - - - und wie scheint der Mond so schön!“, seufzte Almut. „Und schau mal, die Sterne!“ Ihr Alf stand wie ein Gondoliere im Schlauchboot und sang etwas, das italienisch klang. Fünfzehn Jahre waren sie nun schon verheiratet und er sang trotzdem noch für sie. Alf derweil hatte die Schöne von gestern vor Augen. Was für ein tolles Weib!
    Auch das Haiweibchen genoss das romantische Schauspiel. Versonnen drückte es sich an das Boot, das sich wie ein großer starker Hai anfühlte.
    „Oh, Alf, ich muss dich einfach küssen!“, hauchte Almut, stand auf und schwankte auf ihn zu.
    Mit der Wucht eines Zentners fiel sie der Haiin auf den Kopf. Reflexartig verbiss sie sich in Almuts knirschendes Bein. Almut tauchte – jetzt schwerer mit dem Fisch am Bein – mühsam auf und schrie das ganze Meer zusammen. Quallen und Muränen kuschelten sich schutzsuchend aneinander, solch ein Grausen überkam sie. Dabei hatte es die Haiin gar nicht böse gemeint. Könnte sie sprechen, hätte sie sich entschuldigt für ihren Fehlbiss, wenn auch etwas später, denn nun hatte sie das Maul voll. Glücklicherweise wusste sie nicht, dass Almut gestern Abend Haifischflossensuppe nicht nur gegessen, sondern sogar genossen hatte!
    Almut schrie noch immer und schrie und schrie und schrie.
    Sie spürte keinen Schmerz mehr, sondern schrie nur noch aus Gewohnheit.
    Alf hielt es jetzt doch nicht mehr aus. Wenn auch mit Bedauern, legte er seine Videokamera beiseite und trat in Aktion.

„War das aufregend mit dem Hai, was Almut?“, schwärmte Alf anderntags, als sie am Swimmingpool lagen. „Fast wie Abenteuerurlaub! Endlich ist mal was passiert! Da warten wir wochenlang auf den angekündigten Tsunami ... aber nichts! Ich werde das Reisebüro deswegen verklagen!“ Er rückte seinen Liegestuhl näher an seine Frau heran und wischte sich mit ihrem Handtuch tropfendes Sonnenöl von der Nase.
    „Aber das Bein schlenkert jetzt so!“
    „Na, was willste noch? War doch billig! Wie gut, dass wir diesen tongalesischen Flickschuster gefunden haben! Hat er`s etwa nicht gut angenäht? Und dann noch für so wenig Geld! Hab ihn ordentlich heruntergehandelt, was?“
    „Aber es schlenkert!!“, kreischte Almut.
    „Nu, was willste denn? Dafür steht`s dir doch gut! Gibt dir ´ne eigenwillige Note. Jetzt kann ichs dir ja sagen ... So`n bisschen haste schon nach grauer Maus ausgesehen.“
    „Eigenwillig war ich schon vorher!“, greinte Almut, drehte sich auf den Rücken und bräunte ihre vordere Seite. „Und jetzt sehe ich interessanter aus?“, fragte sie nach einer Weile mit koketter Stimme, obwohl sie das mit der grauen Maus doch gewurmt hatte.
    „Na klar!“ antwortete er, rieb sich den öligen Bauch ein und blinzelte ihr zu.
    „Wie haben Sie denn das Bein wiederbekommen?“, fragte der neue, noch engerlingfarbene Gast, Bruno, der die Nachbarliege besetzt hielt.
    „Na, wenn Almut schreit, dann lässt auch ein Hai alles fahren vor Schreck! Ich hab`s dann mit dem Paddel ins Schlauchboot gehievt. Zum Teil hing Almut noch dran und so hab ich sie gleich mit ins Boot zerren können.“
    „Ah.    Aha.    Bein ab, aber Hauptsache braun, was?“, keckerte Bruno und starrte Almuts birnenförmige Brüste an, auf denen das Sonnenöl brutzelte.
    „Jaha“, erwiderte Alf mit drohendem Unterton, „kann man    so sagen ...“
    „Hoffentlich nicht vom verdreckten Meer“, entfuhr es Bruno und er setzte hastig hinzu: „Das war nur ein Spaß, nichts für ungut. Selbst in der Südsee ist nicht mehr alles wie es war …“
    „Alles Sonnenbräune pur!“, spreizte sich Alf. „Wir geh`n nur in den Pool, denn – haben Sie die Quallenschwärme nicht gesehen? Mehr Quallen als Meer!“
    „Igitt“, schüttelte sich Almut und blinzelte dem Nachbarn über ihre Sonnenbrille zu. „Aber wir sind schon auf dem Meer gepaddelt ...“
    „... in das du reingefallen bist und der Hai ...“, unterbrach Alf sie.
    „... im Vollmond über das Meer! So romantisch! Das ist ein Erlebnis!“ Sie sah Bruno tief in die von ihr vermuteten Augen, die sich hinter Spiegelglas verkrochen und schlenkerte ein wenig mit dem Bein.
    Bruno nahm seine rutschende Brille ab und rieb sich die Augen. „Hatten Sie anfangs auch solche Darmfisimatenten? Die kochen hier nur mit Öl!“
    Almut überhörte diese unziemliche Frage, rollte sich zur Seite und zeigte ihm ihren Rücken. „Aah! Diese Ruhe!“, seufzte sie und räkelte sich wohlig. Nur der Presslufthammer der nahen Baustelle stampfte monoton vor sich hin. Der begehrliche Blick des Kranführers verhakte sich in ihren Hintern.
    „Fiesi-was? Ja, meine Frau hatte furchtbaren Dur...“ Almuts drohender Blick zerhackte ihm das beabsichtigte Wort in der Kehle. „D...ie Preise sind bald doppelt so hoch wie im letzten Jahr, dafür ist der Service gesunken.“ Erleichtert lachte er, dass ihm dieser ausgelutschte Witz eingefallen war. „Die Ober schmeißen einem das Essen auf den Tisch, als wär`s ´ne eklige Qualle.“
    Obwohl Bruno kaum zugehört hatte, lächelte sein Mund gequält mit, während seine Augen ungläubiges Entsetzen ausdrückten. „NEIN! Nicht das schon wieder!“, keuchte er. Sein schweißnasses Gesicht verfärbte sich grünlich.
    „Und unsere Urlaubskarten sind noch immer nicht angekommen, hat Mutter am Telefon gesagt“, beklagte sich Almut und wandte sich Bruno zu, der ruckartig aufstand.
    „Was hat er`s denn so eilig, Alf? Guck nur, wie er zum Pool stakst mit seinen zusammengekniffenen Pobacken. Der läuft so komisch! Hat er was an der Hüfte? Oh! Jetzt hat er einen Bauchplatscher gemacht!“
    Huhu, winkte sie den Holländern zu, die im Swimmingpool Ball spielten. „Wovon sind die bloß so braun, wenn sie erst gestern angekommen sind?“, fragte sie sich.
    Aus Strandrichtung durchbrach plötzlich einsetzende Techno-Musik, die wunderbar zum Geräusch des Presslufthammers passte, die ungewohnte Ruhe. Der gleichförmige, blecherne Rhythmus im Verbund mit dem Stampfen des Presslufthammers versetzte Almut in belämmernde Trance.
    „Ansichtskarten sind nicht so wichtig!“, brüllte Alf. „Wozu haben wir diese Unmengen von Dias gemacht? Die können wir ja dann vorzeigen. Und erst unsere Wiedeofilme! Na, die werden sie erst vom Hocker reißen!“ 
    Seine Schläfenader schwoll blauviolett an. Die grellgelbe Sonne stach ihm in die tränenden Augen. Verschwommen nahm er wahr, wie die Holländer in Handschellen abgeführt wurden. „Hatten die nicht gestern noch Ärger mit der Hotelleitung gehabt? Und jetzt verhaftet man sie? Völkerverständigung! Pah!“
    „Was    für    Holländer?“, lallte Almut.
    „Da bin ich wieder“, rief Tochter Addi, ein speckiger Teenager auf Klumpschuhen. Sie ließ sich auf die Liege neben ihrem Vater fallen. „Uff! Das war eine Monster-Tour! Diese Eingeborenendörfer sind ja so was von schnuckelig! Und so freundliche Menschen! Die haben sich extra hingestellt, damit wir sie knipsen können.“
    Schlagartig setzte die Musik aus und auch der Presslufthammer war nicht mehr zu hören. Oder schien es Alf nur so? Addis Stimme hallte wie aus der Ferne.
    „Addi? Addi?“, stammelte er. „Bist du hier oder auf unser`m Balkon im siebn`nzwanzigsten Stockwerk?“
    „Doch dann wollten sie Geld dafür, Papa! Hab aber nichts rausgerückt, denn das verdirbt sie nur. Die sind ja noch so irre naturbelassen! Ist was mit dir?“
    Alf sirrte der Kopf, als schabten tausend Grillen ihre Flügel aneinander. Seine Tochter bewegte die Lippen, doch die Schallwellen erreichten ihn seltsamerweise nicht.

Im selben Augenblick ging die Bombe hoch.
    Die Terrorgruppe „Leuchtende Blutspur“ hatte das Kommando übernommen.
    „Aber schön, aber schön war`s ja doch!“, jubelten alle im Himmel und flatterten braungebrannt und erholt der Sonne entgegen. Nur Bruno war noch etwas grün im Gesicht.

   (19..?)