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Erzählungen + Kurzgeschichten:
Völkerverständigung
Hullas Himmelfahrt
Eine abgründige Kaffeefahrt
Himmelfahrt
Völkerverständigung
–
Für Karl,
den Inspirator –
Nicht
obwohl schon ziemlich alt, sondern weil, war Johanna
zu Begeisterung und spontanen Taten fähig, die ihr in der
Erdenschwere ihrer Jugendzeit
meist abgegangen waren: Sie schickte Fritz Feldmann, dem Autor eines
selbstironischen Beitrags in einer Anthologie, eine E-Mail, um ihm
mitzuteilen,
dass ihr sein Text besonders gut gefallen habe und wieso. Zudem hatte
sie
gerade einseitig weinselig per E-Mail auf ihre freie Mitarbeit und die
neue
Duz-Brüderschaft mit dem Herausgeber einer virtuellen
Literaturzeitschrift
angestoßen und so bekam Autor Fritz auch etwas davon ab. Da
er nicht
widersprach, blieb es dabei. Fritz schickte ihr umgehend drei
Bücher von sich
und lud sie zu einer von ihm organisierten Lesung in der Nachbarstadt
ein. Dies
sei eine gute Gelegenheit, sich mal persönlich kennen zu
lernen, schrieb er
ihr. Sie würde ihn anhand seines Fotos in einem seiner
Bücher erkennen, er
hätte ihr Konterfei längst auf ihrer Homepage
gefunden, vermutete sie. Bereits
diese einseitige Annahme markierte den Beginn eines
Missverständnisses. So ist
das eben zwischen Bewohnern verschiedener Parallelwelten, der
vermeintlich
echten und der virtuellen.
Am Abend darauf hallten ihre Schritte
durch die Schluchten
der Hochhäuser von Manhattan, wieso befand sie
plötzlich in New York? Warum
nicht, sagte sie sich, in ihrer virtuellen Welt konnte sie gleichzeitig
überall
sein. Und stand dort auf dem Kneipenschild, wie zur
Bestätigung, nicht Klein-Manhattan? Nachdem
sie lange umhergeirrt war, fand sie endlich das Kulturhaus, in der
die Lesung von vier finnischen Autorinnen – zweisprachig
– stattfinden sollte.
Sie zahlte den Eintritt und schaute sich um. Etwa dreißig
meist ältere,
kulturbeflissene Damen wie sie saßen bereits auf ihren
Stühlen, derweil ihre
Gatten wahrscheinlich schon verstorben vor den Fernsehern vermoderten,
außer
ihrem natürlich, diesem Feuerkopf, der heute Abend einen
Vortrag über die
Hintergründe des Irakkriegs hielt. Viele Stuhlreihen waren
noch leer, so
verließ sie den kleinen Saal, um sich draußen am
Kiosk Zigaretten zu kaufen.
Fritz und seine Frau – Johanna erkannte ihn im Augenblick
eines Mouseklicks –
kamen ihr auf dem Bürgersteig entgegen. Sollte sie ihn jetzt
mit „Fritz“
anreden, während seine Frau sie womöglich mit hoch
gezogenen Augenbrauen
beäugte oder lieber doch mit „Herr
Feldmann“?
„Ich hol nur schnell
Zigaretten“,
rief sie ihm zu, als die beiden an ihr vorübereilten,
„bis gleich.“
Das war auch nicht besser gewesen,
als „hallo Fritz“ zu sagen.
Fritz stand neben den hinteren freien
Stuhlreihen inmitten einiger Leute, gleich würde er seine
kurze Ansprache
halten, da wollte sie nicht stören. Sie lächelte ihn
an, er lächelte zurück und
weil er noch keine Anstalten machte, sie zu
begrüßen, setzte sie sich in eine
der letzten Reihen auf den Außenstuhl. Kurz darauf zog sie
die ausgestreckten
Beine an und ließ Fritz` Frau vorbei, die neben ihr Platz
nahm, sie aber nicht
beachtete. Hmm, dachte Johanna, heutzutage muss man eben immer mit
seltsamen
E-Mail-Bekanntschaften aus virtuellen Parallelwelten rechnen, die
plötzlich
auftauchen und wieder verschwinden. Auch sie hatte, als Bewohnerin
beider
Welten, einige aus jener Welt kennen gelernt, sie fand es gar nicht so
schwer,
sich mit ihnen zu verständigen. Manchmal allerdings fragte sie
sich, ob die
alle wirklich sind, aber was ist schon Wirklichkeit?
Fritz ging federnden Schrittes zum
Podium und sprach, als hätte er Johannas Gedanken erraten, von
Krieg und
Frieden und Völkerverständigung, der auch eine
Veranstaltung wie diese hier
diene. Zum Schluss hieß er die Dichterinnen auf Finnisch
willkommen. Daraufhin
zog er sich zurück, steuerte auf Johanna zu, die zu ihm
aufblickte, und setzte
sich unmittelbar hinter sie. Johanna rätselte … Ob
sie es sich nur einbildete, auf
dieser Lesung anwesend zu sein? Vielleicht hing sie in Wirklichkeit vor
ihrem
Computer, dann war es nicht verwunderlich, dass Fritz sie nicht ansah.
Und wer
saß dann an ihrer Stelle auf diesem Stuhl?
Die Musiker spielten wohltemperierten
Jazz, den sogar ältere Damen goutieren konnten. Als das zweite
Stück ausklang,
erklärte Dichterin Nummer eins, worum es in ihrer
Erzählung ginge und las sie
auf Finnisch vor. Obwohl Johanna kein Wort verstanden hatte, klatschte
sie
verhalten. Nicht zu sehr, denn sie wusste schließlich nicht,
ob die Erzählung
eine gelungene war.
Nach erneuter Musikdarbietung trat
Dichterin zwei an das Pult. Den ersten Teil ihrer Erzählung
hatte sie ins
Deutsche übersetzt, der Rest folgte auf Finnisch, der letzte
Satz wieder in
Deutsch. Da sich Johanna der Zusammenhang nicht erschloss,
fühlte sie sich
nicht veranlasst, wie die anderen über die mögliche
Pointe zu lachen, erst
recht nicht so entzückt. Sie schienen alle Finnisch zu
verstehen, oder doch
nicht alle? „Lauter“ hatte eine Dame aus dem
Publikum gerufen.
Johanna konnte sich kaum noch auf
dem Stuhl halten. Hart drückte er sich gegen ihr weiches, sich
tonnenschwer
anfühlendes Fleisch und schnürte ihr an der
Vorderkante die Beinvenen ab.
Unruhig, als säße sie auf der hölzernen
Schulbank und wäre zum Sitzenbleiben
verurteilt, während sich ihre Beckenknochen folgerichtig durch
das Holz bohren
wollten, rutschte sie hin und her. Sie sehnte sich nach dem kalten
Büfett, das
hinter ihrem Rücken an der Wand auf sie wartete. Sie wollte es
nur anschauen,
aufstehen, sich die Beine vertreten und etwas anderes sehen als die um
Völkerfreundschaft bemühten Dichterinnen, die sie
schon zu lange verständnislos
angestarrt hatte. Das Büfett war zweitausend Kilometer von ihr
entfernt,
vermutlich in der irakischen Wüste, einer Fata Morgana gleich
unerreichbar.
Nach der musikalischen
Unterbrechung stöckelte Dichterin drei nach vorn. Anhand ihrer
einleitenden
Gesten verstand Johanna immerhin vage, worum es ging, ein Gedicht
handelte von
Blümchen und Vögeln im Frühling, ein anderes
von einem entsorgten
Weihnachtsbaum, nun ja, dies kann durchaus ein interessantes Thema
sein, redete
sie sich ein. Besonders für Finnen. Wie feierten die
eigentlich Weihnachten?
Johanna sackte mehr und mehr in sich zusammen. Sie schien nicht die
einzige zu
sein. Kleiderrascheln, verhaltenes Räuspern und
Ächzen untermalte die lyrische
Stimmung der Dichterin. „Langsamer!“, rief eine
Zuhörerin, die nicht mehr
folgen konnte. Sicher, Lyrik soll man nicht im Schweinsgalopp, sondern
Wort für
Wort genießen, selbst wenn es finnische Lyrik ist, stimmte
Johanna ihr zu und
vermisste ihre Fernbedienung, mit der sie den Ton lauter einstellen,
aber auch
das Programm wechseln konnte.
Johanna appellierte an ihren guten
Willen und begann sich vorzustellen, sie hörte hier so
genannte moderne Lürick
mit ü und ck. Besonders privatistisch-hermetisch verschlossene
oder
experimentelle Lürick hatte sie schon immer in Rage gebracht.
Sie kam sich dann
so blöd vor, weil sie nichts verstand, war aber nicht
blöd genug zu behaupten, nicht
sie, sondern die Lyriker seien blöd. Das ärgerte sie
dann erst recht. Diese
lürisch verrammelten Welten waren ihr trotz gleicher
Muttersprache ebenso
rätselhaft wie Finnisch. Aber. Gerade weil sie die einzelnen
finnischen Wörter
nicht verstand, befreite sie das von der Zumutung, den Sinn des Ganzen
begreifen zu müssen und so war sie auch nicht wütend
auf die finnischen
Dichterinnen, sondern blieb – trotz ihrer Qual, die der einer
Gemarterten
gleichkam – wohlwollend gestimmt und
völkerverbindend gesinnt. Was die
Dichterinnen ihr sicherlich nicht ansahen, lasen sie doch, wenn sie
zuweilen
beim Lesen aufschauten und ihr Blick sie streifte, vermutlich wenig
Friedfertiges aus ihrer Miene heraus. Die wirklichen
Missverständnisse
entstehen erst durch die Illusion einer gemeinsamen Sprache, ob verbal
oder
nonverbal, sagte sie sich und dachte an Fritz, der jetzt wenigstens
ihren
Hinterkopf kennen lernte. Fritz beugte sich nach vorn und sprach leise
mit
seiner Frau. Auf ihrem Schoß erkannte Johanna die Anthologie
mit seinem Text.
Ach, Fritz, lies du doch mal, stöhnte sie innerlich auf und
erhaschte einen
Hoffnungsschimmer. Er musste das hier wieder gutmachen,
schließlich ging es um
Völkerverständigung. Jetzt hatte er endlich seinen
Text vorzutragen! Die
Dichterinnen sollten auch einmal nichts verstehen! Dies schien die
beste
Voraussetzung für Völkerverständigung zu
sein, denn das Publikum erwies sich
als erstaunlich friedlich und den Dichterinnen zugewandt.
Johanna ließ sich Stückchen für
Stückchen auf ihrem Stuhl nach vorne rutschen, etwas
über die Kante hinaus, ihr
malträtiertes Hinterteil war in Gefahr abzustürzen
und hart auf dem Boden aufzuschlagen,
doch kurz bevor der Sog der Tiefe diesen sich selbstständig
machenden
Körperteil überwältigen konnte, zog sie ihn
wieder zurück, presste ihren Rücken
gegen die Stuhllehne und atmete tief durch. Jedes Mal hatte diese
unkontrollierte Erschlaffung ihres Körpers
vorübergehend entspannend auf sie
gewirkt. Der leider nur schwächliche Adrenalinschub, den ihr
das Spiel mit der
Gefahr verschaffte, ließ sie wenigstens für Sekunden
ihre Missgestimmtheit
verlieren. Sollte sie dies so weitertreiben, würde sie auf die
Erde plumpsen
und der Stuhl krachend umfallen.
Und wenn jetzt alle das Gleiche
täten?, frohlockte sie.
Dichterin Nummer vier, eine
Österreicherin – Johanna empfand schlagartig
Sympathie für sie – die in
Finnland geboren war, las ihre Gedichte zunächst auf deutsch,
dann in ihrer
Sprache. Johanna klatschte wie befreit, immerhin hatte sie die Verse
verstanden
und das gelähmte Hirn etwas zu kauen, indes ihr hohler Magen
von der
Büfettmorgana träumte.
Die Frohe Botschaft eines der
Musiker, es gäbe eine Pause (WANN, WANN? ETWA JETZT?), wurde
zunichte gemacht,
als Dichterin eins erneut zum Pult schritt. Das Programm schien sich zu
wiederholen. Nach ihr würden die Musiker ein, zwei
Stücke spielen, daraufhin
käme Dichterin zwei nach vorn und so weiter und so fort,
Johanna fühlte sich in
einer Endlosschleife gefangen. Als die Dichterin ihr Alzheimer-Gedicht
vorzutragen gedachte, machte sich Johanna auf Zehenspitzen aus dem
Staub und
steuerte das Foyer an. Ihren Rucksack ließ sie extra neben
dem Stuhl liegen,
als stillen Hinweis, dass sie zurückkäme. Sichtbar
für ihn, den Autor Fritz und
seine Frau, sowie aus Nachsicht und Höflichkeit, den
vortragenden Dichterinnen
zuliebe. Mit Rucksack an ihnen vorbeizuschleichen, hätte den
Eindruck erweckt,
sie ginge mitten in der Lesung nach Hause. Solch eine gemeine,
wenngleich
ehrliche Tat hätte sie, zu ihrem Bedauern, nicht fertig
gebracht.
Erleichtert rauchte sie im Foyer
gleich zwei Zigaretten hintereinander, zu trinken gab es hier leider
nichts,
und blätterte trotz dieser missglückten Veranstaltung
im Programm des
Kulturhauses. Rechter Hand lockte der Ausgang. Sie konnte sofort gehen,
sie
konnte bleiben, sie hatte die Freiheit der Wahl und so blieb sie. Ein
paar
Worte wollte sie nun doch mit Fritz wechseln, schließlich war
sie auch deshalb
gekommen, um ihn in natura kennen zu lernen und damit zur
Völkerverständigung
beizutragen.
Sie steckte das Programm zurück
in
den Ständer und schaute auf. Wer stahl sich denn da, durch
einen Nebenausgang,
klammheimlich, schien es ihr, hinaus? Ein weiteres, auf seinem Sitz
angenageltes Opfer der finnischen Literatur, das endlich die
Gelegenheit zu
einem Befreiungsschlag ergriffen hatte? Es war der Autor Fritz mit
seiner Frau.
Nicht
obwohl schon ziemlich alt, sondern weil, lief Johanna
laut vor sich hin schimpfend durch die Schluchten von Manhattan, weil
sie den
Ausgang zur S-Bahn-Haltestelle nicht fand. Zudem schwoll der Verkehr
an, in den
Autos saßen fast nur alte Damen, die aufs Gaspedal traten.
„Durst hab ich auch
noch, und zwar wie ein Kamel“, rief sie, während ein
ihr entgegenkommender
junger Mann einen weiten Bogen um sie schlug.
Sie riss die Kneipentür des Klein-Manhattan auf und stürmte
hinein.
„Oh!“, entfuhr es
ihr, als sie
Fritz an der Theke entdeckte.
„Ich hab`s doch geahnt
...“,
murmelte Brigitte.
„Guten Abend ...“,
sagte Fritz,
„Bist du … sind Sie etwa...“
„Johanna, das Kamel, wer
sonst! Eine Fata
Morgana?“
Da fiel ihr ein, dass sie den
Rucksack im Kulturhaus neben ihrem Stuhl vergessen hatte. Die
Veranstaltung
lief vermutlich noch. Sie starrte Fritz an, der sich bereits duckte.
Der Abend endete friedlich. Fritz
kehrte relativ bald mit ihrem Rucksack zurück, vier finnische
Autorinnen in
seinem Arm, auch die mittlerweile getröstet und reichlich
angeschickert. Und
dann folgten sie ihm in den leeren Saal des Kulturhauses und machten
sich
endlich über das Büfett her.
Immerhin hatte Johanna einen
ersten Einblick in und Ausblick auf die finnische Literatur erhalten.
Maailmaa on jos jonnekin päin,
sanoi akka, kun kepillä saunanluukusta
koitti, ein finnisches Sprichwort.
Wie ist die Welt doch groß und weit, sprach die Alte, als sie
einen Stock zur
Saunaluke hinaussteckte.
(2003)
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Die folgende Geschichte ist zu:
Mutmaßungen über Doris -
Romanfiguren aus "Das kunstseidene
Mädchen" von Irmgard Keun melden sich zu Wort und
"beglänzen" die 30er Jahre.
ferber-verlag, Köln
ISBN
3-931918-10-6 / 136 Seiten - 12 €, ferber Verlag, Köln
im Rahmen der Aktion: Ein
Buch für die Stadt (eine Initiative Kölner
Stadt-Anzeiger und Literaturhaus Köln)

Titelbild: kaeferböck
www.arte-kaeferboeck.de
Hullas Himmelfahrt
Fertig. Ich sitz auf der Bettkante, bück mich nach meinen
Strümpfen. Als ich mich aufrichte, ist er neben mich gerutscht. Was guckt er
mich so von der Seite an? Sieht aus wie ein Frettchen. Und wie nass er spricht.
“Zweifuffzig”, spuckt mir sein fieser kleiner Mund
entgegen.
“Drei Mark hatten wir aber
ausgemacht!” Ich roll die Seidenen hoch. Sie sind voller Löcher und
Laufmaschen, es ist Dezember, ich muss neue Strümpfe ... Kohlen hab ich auch
keine mehr.
Er springt aus dem Bett. “Ich lass
mich doch nicht neppen!”, ereifert er sich und setzt seinen Kneifer auf. “Mit
mir nicht, nicht mit mir, Frolleinchen!” So steht er vor mir, in Socken, den
Kneifer auf der Nase, mit erhobenem Zeigefinger.
“Neppen?!” Ich gerate außer mich.
Ich will doch nur drei Mark! Eine Wut kriecht in mir hoch. “Einer hat mal
vierzig gezahlt!” Dieser verdammte Rannowsky ... wenn man ihn braucht, ist er
nicht da. Und ich bin selbst daran schuld. Ich hab ihn angezeigt. Wegen mir ist
er im Knast, weil er mein Gesicht zerschlagen hat und nun hab ich keinen
Schutz.
Das Frettchen grapscht nach seiner
Unterhose, die auf dem Fußboden liegt. Zwischen den Schenkeln baumeln seine
lang gezogenen, behaarten Dinger. Er dreht sich zu mir um.
“Schau dich doch mal an, du ... du
... was hast du da im Gesicht unter dem Leukoplast? Bist du krank? Zweifuffzig
und keinen Pfennig mehr!”
Ich möchte ihn schlagen, aber ich
bin wie gelähmt und mir wird schlecht. Dann klaut er noch das Feuerzeug und
lässt mir seines hier. Das ist kaputt und ich muss die Zigarette an der Flamme
vom Gasherd anzünden. Meine Haare brennen! Ein Glück, nur ein paar sind
angesengt, was für ein Glück! Den Ansatz müsste ich mal wieder bleichen. Meine
Hände zittern, ich geh besser schlafen, mir reicht`s für heute.
“Sorge für die mir geliebten
Tiere, Weib, anderenfalls krache ich dir die Rippen im Leib kaputt, wenn ich
rauskomme”, hat er aus dem Knast geschrieben. Seine Goldfische, besonders der
Lolo, sein Liebling ... Warum ich? Warum nicht eine von den anderen drei
Pferdchen, wie er uns nennt, wenn er mal gut gelaunt ist, aber das ist schon
lange her. Immer mehr Arbeitslose auch unter den besser Gestellten, keiner hat
Geld dafür übrig oder sie drücken die Preise und wir müssen es ausbaden. Dabei
weiß er, dass ich ihm wirklich alles abliefere. Ich bin die Einzige, der er da
vertraut, hat er einmal gesagt. Ich war so stolz. Und dann hat er mir fünf Mark
extra in die Hand gedrückt. Er kann auch nett sein, der Rannowsky. Vielleicht
habe ich ihn zu sehr gereizt, als ich mich gewehrt hab gegen seine Vorwürfe,
ich würde ihn jetzt auch noch betrügen. So wenig hätte ich doch früher nie
verdient. Wüsste er, was ich jetzt einnehme, seitdem ich so aussehe, dann ...
Aber ist das meine Schuld? Er kann auch nett sein! Wie dusselig bin ich eigentlich?
“So dick wie dusselig”, hat er oft genug zu mir gesagt.
Die Wunde unter dem Leukoplast
juckt wenigstens nicht mehr. Furchtbar war das, wie soll man sich auf die
Arbeit konzentrieren, wenn man sich dabei heimlich kratzen muss? Und arbeiten
muss ich ja. Für das verdammte Fischfutter und dem Rannowsky seine Miete.
Lieber an was anderes denken, vielleicht an das Fräulein Doris?
Ich hab sie lange nicht gesehen,
aber vor ein paar Wochen ist sie wieder zurück zu den Scherers. Die landet
ebenfalls in der Gosse. Wovon lebt die nur? Na, wovon wohl. Arbeit hat sie
keine. Im Treppenhaus kam sie mir entgegen, ich sie nach Geld für Fischfutter
... Das war so erniedrigend, auch wenn sie freundlich tat. Übertrieben
freundlich, finde ich, als hätte sie Angst vor mir. Und so ein bisschen von
oben herab. Schließlich ist sie doch noch mit hochgegangen, um sich den Lolo
anzusehen. Eigentlich hat sie ein gutes Herz. In Rannowskys Wohnung bekam ich
wieder das Zittern, dass ich etwas falsch gemacht habe.
“Der ist nur fett und faul”, hat
sie mich beruhigt. “Vielleicht kippen Sie zu viel Futter hinein, Fräulein
Hulla”, womit sie den Lolo meinte.
Wenn ich bloß schlafen könnte! Es
wird hell, ich wälze mich sowieso nur herum, ich geh jetzt zum Arzt.
Er löst mir das Pflaster ab. Was
sieht jetzt schlimmer aus? Das wuchernde Fleisch kann weggeschnitten werden,
sagt er, aber die Narbe bleibt. Wie verzogen mein Mund dadurch ist, ich kann
gar nicht richtig sprechen! Dreckskerl von Rannowsky! Ich krieg so einen Hass!
Ich weiß nicht wie, da steh ich in
dem seiner Wohnung und starre ins Goldfischglas. Ich fische den Lolo mit der
Suppenkelle raus. Leg ihn auf den Fußboden. Unter ihm Zeitungspapier. Er
zappelt und windet sich, sein Maul klappt auf und zu, er glotzt mich an,
während das Papier die letzten Tropfen Wasser aufsaugt. “Schau her, Rannowsky”,
sag ich, “das mach ich mit deinem Lololiebling!” Der Lolo zuckt noch ein
bisschen und ist plötzlich ganz ruhig. Ich stupse ihn in die Seite, fängt er
doch wieder an zu zucken. “Verreck endlich, du Dreckfisch”, sage ich, nehme ihn
am Schwanz hoch und stehe auf. Ich sollte ihn lieber ins Glas zurück ..., denk
ich gerade, da glitscht er aus meinen Fingern, platscht auf die Erde, rührt
sich nicht mehr. Ich poltere die Treppen runter, haue an die Tür von den
Scherers und schrei nach Fräulein Doris.
“Der Lolo ist tot!”
Einen Augenblick später knien wir
vor ihm. “Tu ihn ins Wasser, mach ihn lebendig!”, flehe ich sie an.
Sie klaubt ihn auf, jetzt schwimmt
er wieder, nur umgekehrt, mit dem Bauch nach oben.
“Ich hab das nicht gewollt!”,
schrei ich vor Angst, denn bald wird der Rannowsky entlassen und ich hab so
lange ordentlich für seine Fische gesorgt und jetzt das! Da fängt auch Fräulein
Doris an zu heulen. Ich zittere am ganzen Leib, erzähle ihr von heute Nacht,
dem Frettchen, vom Arzt und wie ich den Rannowsky hasse. Dann liegen wir uns in
den Armen und heulen gemeinsam.
“Der arme Lolo”, schluchzt
Fräulein Doris. Dabei hat der es doch hinter sich. Die Angst schüttelt mich,
ich brech in die Knie, was hab ich bloß getan!
“Heilige Mutter Gottes, hilf mir,
wo soll ich nur hin!”
“Hulla, ich hol dir einen
Kognak!”, sagt Fräulein Doris.
Die Stille wird unerträglich, was
macht sie denn bloß so lange? Da, ich hör was, sie kommt ... nein, diesen
Schritt kenn ich! Lauf, sagt etwas in mir. Meine Haare sind wie elektrisch.
Rannowsky steht in der Tür.
Ich klettere aufs Fensterbrett.
Spring zum Fenster hinaus.
Es ist viel besser hier. Keine Rannowskys, keine
Frettchen. Ich arbeite nur für mich selbst, die Freier darf ich mir aussuchen.
Sie zahlen dreißig Mark, manche auch vierzig. Sobald ich genug zusammengespart
habe, kauf ich mir ein Häuschen im Grünen. Vielleicht finde ich dort sogar
einen netten Ehemann. “Hulla, wunderschöne Hulla”, haucht er mir ins Ohr, “dass
ich dich gefunden habe.” Dabei bin ich immer noch so dick und die Narbe
seitlich am Mund legt zwei Zähne frei. Doch hier ist das nicht wichtig, ich
werde geliebt wie ich bin. Alles ist und wird so, wie ich es mir in meinen
Träumen ausgemalt habe, damals, als ich noch am Anfang stand. Dorthin zu
kommen, wäre der Himmel auf Erden, hatte ich mir vorgestellt. Und jetzt hab ich
den genau so bekommen. Das darf ja wohl nicht wahr sein, habe ich zuerst
gelacht.
Aber nun entscheide ich mich gegen meinen
Himmel für einen besseren. Doris, du hast mir den Himmel gewünscht, in dem das
Gute in meinen Augen Verwendung findet.
Viel Schlimmes erwartet dich,
kleine Doris, und ein Glanz, wie du`s dir erhoffst, wirst du schon gar nicht.
Ich nehme also an, du brauchst mich. Du liegst auf einer Bank im Tiergarten,
die Beine eng an den Leib gezogen. Die Nacht ist sternenklar, es ist
Weihnachten. Der Pelzmantel schützt dich nicht auf Dauer, die Kälte kriecht
unter ihn und dein dünnes Kleid. Du bist in Gefahr zu erfrieren. Sieh mal, du
hast mir noch Flügel gewünscht ohne Leukoplast. Sie sind stark und daunenweich
und werden dich, jedes Mal sobald du einnickst, wärmen. Ich trage ein langes
Hemd aus echter Bembergseide, wie findest du das? Es spannt ein wenig an den
Hüften. Auch wenn ich immer noch wie Hulla, die Hure aussehe, jetzt bin ich
ein Glanz.
(2003)
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http://www.pieces-of-poetry.com
Diese Seite ist erst im Aufbau und wird für
Autoren interessant. Immerhin liegt schon einmal eine
ältere Kurzgeschichte von mir: Geburt
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Meine erste Kurzgeschichte:
Eine abgründige Kaffeefahrt
„Schreiben Sie einen Roman
an einem Wochenende“, flatterte mir ins Haus. Eine Kaffeefahrt in die Berge
versprach man mir – „für Verpflegung bitte selbst sorgen. Kaffee bis zum
Abwinken – kostenlos!“ hieß es salopp. „In einem achtundvierzigstündigen
Crash-Kurs erlernen Sie das Handwerk des Schreibens ...“ – der Kaffee war
wirklich nötig – „... nach einer in den USA entwickelten brandneuen
Ganzheitsmethode! Schreiben Sie Ihren Roman, noch während wir Ihnen Tipps geben, denn Schreiben lernt man nur durch
Schreiben!“
Um
auszuschließen, dass die Aspiranten füllerkauend fruchtlose achtundvierzig
Stunden über einer Romanidee brüten, war das Thema „mit viel Raum für eigene
Fantasie“ vorgegeben. Was für ein Thema könnte das sein? „Raten Sie! Wer es
richtig errät, gewinnt eine Rheumadecke. Die Auflösung erfolgt während der
Fahrt.“ Noch litt ich nicht an Rheuma, aber man weiß ja nie, was man noch alles
so vor sich hat ...
Dieselbe
Firma bot auch „Sticken nach Vorlage“ an. Die Vorlage war zu erraten. Ich
vermutete den Mann mit
dem Goldhelm. Verächtlich rümpfte ich die Nase: Das war mir nun doch zu
primitiv.
Die
Busfahrt kostete 19,95 DM. Billig. Wollte ich nicht immer schon schreiben?
Es war soweit! Im
Morgengrauen des Freitags wartete ich frierend an der im Nebel
versunkenen
Bushaltestelle. Der komfortable Reisebus fuhr nicht an mir vorbei, wie
befürchtet, sondern nahm mich in seine warmen Eingeweide auf wie der Wal den
Jonas. Fauchend schlug die Tür hinter mir zu.
Nachdem
wir alle vollzählig waren, wurden wir lebhaft begrüßt von einer Morgenlerche.
Wir
muffelten zurück.
„Achtundvierzig
Stunden sind sechsundneunzig halbe Stunden“, behauptete sie.
Kein
Mensch rechnete nach.
„Wer
täglich nur eine halbe Stunde schreibt, hat also ein gutes Vierteljahr Zeit für
seinen Roman. Jeden Tag nur eine Seite wären nach sechsundneunzig Tagen ebenso
viele Seiten. Wir aber schaffen das an einem Wochenende. Time is money, gelle?”
Diese
Rechnung schien mir logisch zu sein. Skeptische Stimmen meldeten sich. Ein
Roman von Handke habe immerhin über tausend Seiten und ... Stolz schnippte ich
mit dem Finger: „Hermann Hesses Gertrud hat etwas über hundert Seiten
und ist auch ein Roman.“
„Ift hier nicht der Ftickkurf? Bin
ich etwa im falfen Buf?“, rief mein Sitznachbar, der einer altjüngferlichen
Ausgabe Rudolpho Valentinos glich.
Verstohlen schaute ich nach, ob er
Gamaschen trug. Nein, Knickerbocker und rote, gestrickte Kniestrümpfe. Die auf
ihn einredende Lerche meinte, die Berglandschaft könne auch ohne Stickkurs
reizvoll sein. Das hat er dann auch eingesehen.
„Geftatten?
Herr Kurt ift mein Name“, stellte er sich vor und reichte mir seine Hand. Sie
fühlte sich an wie eine Nacktschnecke: weich und feucht. Herr Kurt spuckte beim
Sprechen und er konnte das
„S“ nicht aussprechen. Heraus kam ein Fffft-Laut. Wie der Pinguin Ping aus der Augsburger
Puppenkiste, dachte ich.
„Heute
geht aber auch allef fief! Erft habe ich meine vergoldete Fahnkrone verfluckt,
aufgerechnet den oberen Fneidefahn – und jetft fitfe ich auch noch im falfen
Buf!“ Kläglich verzog er sein Gesicht und zeigte mir seine Zahnlücke.
„Ich
bin Frau Helga“, sprach ich dort hinein. Der Sog des Schwarzen Lochs ließ mich
meinen Blick abwenden.
„Wie
foll ich jetft mein Brötchen effen? Haben Fie vielleicht etwaf Weichef für
mich?“
„Aber
nur zum Tauschen.“
„Ja,
bitte!“
Ich
kramte ein Ei hervor, für das er sich bedankte, nickte ihm zu und biss in sein
Brötchen.
Mein
schwergewichtiger Vordermann drückte sein Gesäß durch den Sitz und quetschte
schmerzhaft meine mittlerweile heißen, schweren Beine. Schweigend und dösend
litt ich vor mich hin.
Plötzlich
zuckte ich zusammen.
„Jaaa!
Richtig geraten! Ihre Schreibvorgabe ist dieses Foto mit dem niedlichen,
kleinen Jungen auf dem Berggipfel. Ist er nicht herzig mit seiner Zahnlücke und
dem lustigen Tirolerhut?“ Irgendwer freute sich lautstark über die gewonnene
Rheumadecke. Schließlich hielt auch ich ein ausgeteiltes Exemplar meiner
Schreibvorlage in den Händen – zu der mir etwas einfallen sollte. Ich konnte
ihn auf Anhieb nicht riechen, diesen grinsenden Balg.
„Die
erste Übung“, rief die Lerche. „Füühlen Sie sich nuun in dieses Kind ein,
entwickeln Sie Gedanken. Der Schriftsteller schreibt auch dann, wenn er nicht
schreibt. Tun Sie es ihm nach und wenn wir angekommen sind, dürfen Sie Ihre
ersten Worte gleich aufschreiben!“
Emsig
befolgten alle – außer Herr Kurt und ich – diesen Rat.
Er
schaute auf das Foto. „Putfig“, flötete er aufmunternd, „ob man den auch
fticken kann?“
Wort-
und Satzfetzen schwirrten durch den Bus: „Der Junge stand auf dem Berg
und...“
„...
was machte er dort eigentlich?“
Es
dichtete nur so. Musen kauerten verkrampft auf den Rückenlehnen und bliesen
ihren Denkern durch die Ohren ins Gehirn.
Wer
ein Dichter werden will, der muss auch durch entsetzliche Niederungen waten
können, belehrte ich mich selbst und bemühte mich um Gedanken.
Nichts.
Eine
unermessliche Wut stieg in mir hoch. Ich hasste ihn. Was hat der verfluchte
Idiot auf dem Gipfel zu suchen? Bemerkt er nicht den grausigen, tiefschwarzen
Abgrund hinter sich? Nee, der ist zu blöd dazu. Lacht auch noch so bescheuert.
Hähä! Mordgedanken bemächtigten sich meiner. Ihn einfach da runterzuschubsen,
das wär`s! Damit wäre das Problem gelöst und ich könnte von wunderbarer
Einsamkeit und Gipfelseligkeit schwärmen, von der eisklaren Luft und Nietzsche
zitieren! Das gäbe mehr her.
Wir sind da! Ich weckte
Herrn Kurt, der an meiner nassen Schulter schnarchte und
sabberte. Bald wird er
seine Zahnkrone wiederhaben, dachte ich und stellte mir vor, wie er sein
Häufchen mit einer Pinzette untersucht, was mir einen hysterischen Lachanfall
bescherte.
„Waf
lachen Fie denn fo?“, fragte Herr Kurt mit unsicher schwankender Stimme.
„Ich
freu mich so! Gucken Sie mal, wie schön unsere Schreibunterkunft ist! Diese riesigen
Panoramafenster! Hier lässt es sich doch doll träumen und sticken, äh,
dichten!“
Erwartungsvoll
betraten wir die große Halle. Auch die äußeren Umstände für das
Schreibenkönnen hatte man
berücksichtigt: Von drückend harten Schulbänken bis zu Wohnlandschaften – an
alle möglichen Vorlieben war gedacht worden. Sogar ein Himmelbett stand in
einer Ecke.
Mich
zog es ins Helle auf einen Liegestuhl. Endlich konnte ich meine geschwollenen
Beine hochlegen. Aah! Durch das Panoramafenster lockte der Gipfel.
Parnass, dachte ich,
Olymp, Eichenlaub.
Herr
Kurt verdrückte sich derweil und machte seinen ersten Spaziergang.
Nun
packten wir unsere Ranzen aus und zückten Papier und Schreibgeräte. Vor uns lag
unsere Schreibvorlage. Wo blieb eigentlich der Kaffee?
Vor
mir lag meine Schreibvorlage sowie das gähnende Nichts der Gedankenleere, der
Abgrund. Die Lerche zwitscherte.
Ich
starrte diesen Jungen an mit seinem lächerlichen Tirolerhut. ER, SIE, ES
bahnten sich gewaltsam einen Weg aus meinen tiefsten Tiefen heraus, hinaus. Der
Urmensch, die Mordlust, ein grauenvolles ES. Jetzt wusste ich, was Freud damit
gemeint hatte.
Genug! – Ich floh nach
draußen und beschloss, es Herrn Kurt nachzumachen. Alleine, endlich alleine
machte ich mich zum Gipfel auf, dem ich schnell näher kam.
NEIN! Bitte nicht! Da ist
wieder dieser Junge, er winkt mir von da oben mit seinem Stecken zu, er trägt
Knickerbocker und rote Kniestrümpfe. Seine komplette Sippschaft kommt mir
Volkslieder singend entgegen: der Alm-Öhi, Heidi, die Wilden Herzbuben, Karoline
Reibach und Heidis Großmutter. Diese singt nicht, sondern mümmelt an einem
weichen Rosinenbrötchen. „Jo, Grüezigottmiteinonder“, ruft sie mir mit vollem
Mund zu und verliert dabei ihr Gebiss.
Wieso
„miteinander“, frage ich mich. Bin ich zwei? Oder drei, vier ...?
Das
kann nur eine Luftspiegelung sein, eine Sinnestäuschung! Die Luft ist hier eben
anders geartet als dort, von woher ich komme. Aber wieso höre ich dann diese
Stimmen?
Beherzt
nehme ich die gepflasterte Straße zum Gipfelsturm.
ER
IST DA. - - - Grinst zahnlückenhaft. - - - Hähä.
Dann
– jodelt er.
Ich
setze ein liebreizendes Lächeln auf, er lächelt arglos zurück. Arglos, wie
Kinder nun einmal sind.
Ich nähere mich ihm.
Und schubse ihn in den Abgrund.
Jetzt bin ich hier. Es ist sehr schön hier. Ich
sitze auf einer Bank in einem parkähnlichen Garten. Der Pfleger ist sehr nett.
Er hat mir mein Taschentuch wiedergegeben, das ich auf dem Berggipfel verloren
hatte. Es ist ein sehr schönes Taschentuch. Der Mann mit dem Goldhelm
ist darauf gestickt. Ich sticke gerne nach Vorlagen.
(19..?)
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Himmelfahrt
„Ach,
das Meer - - - und wie scheint der Mond so schön!“, seufzte Almut. „Und schau
mal, die Sterne!“ Ihr Alf stand wie ein Gondoliere im Schlauchboot und sang
etwas, das italienisch klang. Fünfzehn Jahre waren sie nun schon verheiratet
und er sang trotzdem noch für sie. Alf derweil hatte die Schöne von gestern vor
Augen. Was für ein tolles Weib!
Auch das Haiweibchen genoss das romantische
Schauspiel. Versonnen drückte es sich an das Boot, das sich wie ein großer
starker Hai anfühlte.
„Oh, Alf, ich muss dich einfach küssen!“, hauchte
Almut, stand auf und schwankte auf ihn zu.
Mit der Wucht eines Zentners fiel sie der Haiin auf
den Kopf. Reflexartig verbiss sie sich in Almuts knirschendes Bein. Almut
tauchte – jetzt schwerer mit dem Fisch am Bein – mühsam auf und schrie das
ganze Meer zusammen. Quallen und Muränen kuschelten sich schutzsuchend
aneinander, solch ein Grausen überkam sie. Dabei hatte es die Haiin gar nicht
böse gemeint. Könnte sie sprechen, hätte sie sich entschuldigt für ihren Fehlbiss,
wenn auch etwas später, denn nun hatte sie das Maul voll. Glücklicherweise
wusste sie nicht, dass Almut gestern Abend Haifischflossensuppe nicht nur
gegessen, sondern sogar genossen hatte!
Almut schrie noch immer und schrie und schrie und
schrie.
Sie spürte keinen Schmerz mehr, sondern schrie nur
noch aus Gewohnheit.
Alf hielt es jetzt doch nicht mehr aus. Wenn auch
mit Bedauern, legte er seine Videokamera beiseite und trat in Aktion.
„War
das aufregend mit dem Hai, was Almut?“, schwärmte Alf anderntags, als sie am
Swimmingpool lagen. „Fast wie Abenteuerurlaub! Endlich ist mal was passiert! Da
warten wir wochenlang auf den angekündigten Tsunami ... aber nichts! Ich werde
das Reisebüro deswegen verklagen!“ Er rückte seinen Liegestuhl näher an seine
Frau heran und wischte sich mit ihrem Handtuch tropfendes Sonnenöl von der
Nase.
„Aber das Bein schlenkert jetzt so!“
„Na, was willste noch? War doch billig! Wie gut,
dass wir diesen tongalesischen Flickschuster gefunden haben! Hat er`s etwa
nicht gut angenäht? Und dann noch für so wenig Geld! Hab ihn ordentlich
heruntergehandelt, was?“
„Aber es schlenkert!!“, kreischte Almut.
„Nu, was willste denn? Dafür steht`s dir doch gut!
Gibt dir ´ne eigenwillige Note. Jetzt kann ichs dir ja sagen ... So`n bisschen
haste schon nach grauer Maus ausgesehen.“
„Eigenwillig war ich schon vorher!“, greinte Almut,
drehte sich auf den Rücken und bräunte ihre vordere Seite. „Und jetzt sehe ich
interessanter aus?“, fragte sie nach einer Weile mit koketter Stimme, obwohl
sie das mit der grauen Maus doch gewurmt hatte.
„Na klar!“ antwortete er, rieb sich den öligen
Bauch ein und blinzelte ihr zu.
„Wie haben Sie denn das Bein wiederbekommen?“,
fragte der neue, noch engerlingfarbene Gast, Bruno, der die Nachbarliege
besetzt hielt.
„Na, wenn Almut schreit, dann lässt auch ein Hai
alles fahren vor Schreck! Ich hab`s dann mit dem Paddel ins Schlauchboot
gehievt. Zum Teil hing Almut noch dran und so hab ich sie gleich mit ins Boot
zerren können.“
„Ah. – Aha.
– Bein ab, aber Hauptsache braun,
was?“, keckerte Bruno und starrte Almuts birnenförmige Brüste an, auf denen das
Sonnenöl brutzelte.
„Jaha“, erwiderte Alf mit drohendem Unterton, „kann
man –
so sagen ...“
„Hoffentlich nicht vom verdreckten Meer“, entfuhr
es Bruno und er setzte hastig hinzu: „Das war nur ein Spaß, nichts für ungut.
Selbst in der Südsee ist nicht mehr alles wie es war …“
„Alles Sonnenbräune pur!“, spreizte sich Alf. „Wir
geh`n nur in den Pool, denn – haben Sie die Quallenschwärme nicht gesehen? Mehr
Quallen als Meer!“
„Igitt“, schüttelte sich Almut und blinzelte dem
Nachbarn über ihre Sonnenbrille zu. „Aber wir sind schon auf dem Meer gepaddelt
...“
„... in das du reingefallen bist und der Hai ...“,
unterbrach Alf sie.
„... im Vollmond über das Meer! So romantisch! Das
ist ein Erlebnis!“ Sie sah Bruno tief in die von ihr vermuteten Augen, die sich
hinter Spiegelglas verkrochen und schlenkerte ein wenig mit dem Bein.
Bruno nahm seine rutschende Brille ab und rieb sich
die Augen. „Hatten Sie anfangs auch solche Darmfisimatenten? Die kochen hier
nur mit Öl!“
Almut überhörte diese unziemliche Frage, rollte
sich zur Seite und zeigte ihm ihren Rücken. „Aah! Diese Ruhe!“, seufzte sie und
räkelte sich wohlig. Nur der Presslufthammer der nahen Baustelle stampfte
monoton vor sich hin. Der begehrliche Blick des Kranführers verhakte sich in
ihren Hintern.
„Fiesi-was? Ja, meine Frau hatte furchtbaren
Dur...“ Almuts drohender Blick zerhackte ihm das beabsichtigte Wort in der
Kehle. „D...ie Preise sind bald doppelt so hoch wie im letzten Jahr, dafür ist
der Service gesunken.“ Erleichtert lachte er, dass ihm dieser ausgelutschte
Witz eingefallen war. „Die Ober schmeißen einem das Essen auf den Tisch, als
wär`s ´ne eklige Qualle.“
Obwohl Bruno kaum zugehört hatte, lächelte sein
Mund gequält mit, während seine Augen ungläubiges Entsetzen ausdrückten. „NEIN!
Nicht das schon wieder!“, keuchte er. Sein schweißnasses Gesicht verfärbte sich
grünlich.
„Und unsere Urlaubskarten sind noch immer nicht
angekommen, hat Mutter am Telefon gesagt“, beklagte sich Almut und wandte sich
Bruno zu, der ruckartig aufstand.
„Was hat er`s denn so eilig, Alf? Guck nur, wie er
zum Pool stakst mit seinen zusammengekniffenen Pobacken. Der läuft so komisch!
Hat er was an der Hüfte? Oh! Jetzt hat er einen Bauchplatscher gemacht!“
Huhu, winkte sie den Holländern zu, die im
Swimmingpool Ball spielten. „Wovon sind die bloß so braun, wenn sie erst
gestern angekommen sind?“, fragte sie sich.
Aus Strandrichtung durchbrach plötzlich einsetzende
Techno-Musik, die wunderbar zum Geräusch des Presslufthammers passte, die
ungewohnte Ruhe. Der gleichförmige, blecherne Rhythmus im Verbund mit dem
Stampfen des Presslufthammers versetzte Almut in belämmernde Trance.
„Ansichtskarten sind nicht so wichtig!“, brüllte
Alf. „Wozu haben wir diese Unmengen von Dias gemacht? Die können wir ja dann
vorzeigen. Und erst unsere Wiedeofilme! Na, die werden sie erst vom Hocker
reißen!“
Seine Schläfenader schwoll blauviolett an. Die
grellgelbe Sonne stach ihm in die tränenden Augen. Verschwommen nahm er wahr,
wie die Holländer in Handschellen abgeführt wurden. „Hatten die nicht gestern
noch Ärger mit der Hotelleitung gehabt? Und jetzt verhaftet man sie?
Völkerverständigung! Pah!“
„Was – für
– Holländer?“, lallte Almut.
„Da bin ich wieder“, rief Tochter Addi, ein
speckiger Teenager auf Klumpschuhen. Sie ließ sich auf die Liege neben ihrem
Vater fallen. „Uff! Das war eine Monster-Tour! Diese Eingeborenendörfer sind ja
so was von schnuckelig! Und so freundliche Menschen! Die haben sich extra hingestellt,
damit wir sie knipsen können.“
Schlagartig setzte die Musik aus und auch der
Presslufthammer war nicht mehr zu hören. Oder schien es Alf nur so? Addis
Stimme hallte wie aus der Ferne.
„Addi? Addi?“, stammelte er. „Bist du hier oder auf
unser`m Balkon im siebn`nzwanzigsten Stockwerk?“
„Doch dann wollten sie Geld dafür, Papa! Hab aber
nichts rausgerückt, denn das verdirbt sie nur. Die sind ja noch so irre
naturbelassen! Ist was mit dir?“
Alf sirrte der Kopf, als schabten tausend Grillen
ihre Flügel aneinander. Seine Tochter bewegte die Lippen, doch die Schallwellen
erreichten ihn seltsamerweise nicht.
Im
selben Augenblick ging die Bombe hoch.
Die
Terrorgruppe „Leuchtende Blutspur“ hatte das Kommando übernommen.
„Aber
schön, aber schön war`s ja doch!“, jubelten alle im Himmel und flatterten
braungebrannt und erholt der Sonne entgegen. Nur Bruno war noch etwas grün im
Gesicht.
(19..?)
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