Vera Hesse: Autorenhomepage

 

 

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Kolumnen

 

Diese Kolumnen habe ich 2005-2008 für eine Literaturseite geschrieben. Auftrag: als Lektorin aus dem Nähkästchen zu plaudern. Titel: Vera trifft Hesse, womit er auch meinem "schizophrenen" Dasein als Lektorin  u n d  Autorin entsprach: Wer bin ich und wenn ja, wie viele?

Leider existiert die Seite nicht mehr, deshalb setze ich die Kolumnen hier hinein:

   

Warum hat Konsalik eigentlich nur einen Roman im Jahr geschafft?

Einen Roman kann man in drei Monaten heruntertippen. Das wären im Jahr vier Romane, in zwei Jahren acht. Bereits jetzt hätte man den Verlagen eine Menge Manuskripte zur Auswahl anzubieten. Denn weiß man, ob die Lektorin sich vor ihrem Arbeitsantritt mit ihrem Lebensabschnittsgefährten gestritten hat und ausgerechnet heute der von Ihnen wirklich herzzerreißend geschriebene Liebesroman keine Gnade unter ihren wutverheulten, zugeschwollenen Augen findet? Während es gestern anders gewesen wäre. Je mehr verschiedene Manuskripte Sie also anbieten können, umso besser; jedes weitere steigert die Chancen, dass eins von ihnen angenommen und gedruckt wird. Zum Beispiel der Krimi, in dem eine Frau ihren Mann in die Waschmaschine steckt und den Kochgang einschaltet.

Mit einem dicken Paket Manuskripte landen Sie mit einem Schlag zwei weitere Treffer: Erstens schicken die meisten Autoren den Verlagen, weil sie möglichst professionell auftreten wollen, nur ein Anschreiben mit literarischem Lebenslauf, ein Exposé sowie das erste Kapitel als Leseprobe, natürlich in Normseiten, das alles in einem ebenfalls genormten DIN-A-4-Umschlag. Stapel solcher Umschläge trudeln täglich dort ein. Wie wollen Sie da noch auffallen? Auch andere sind schon auf die Idee gekommen, den Umschlag mit allerlei Glitzerzeug oder schrillen Farben aufzumotzen, passend zum Inhalt mit echtem Hamsterfell (bei Tierbüchern), mit Schleifchen, an denen Häschen, Bärchen und Herzchen baumeln (Liebesromane), mit Schusslöchern (Krimis) oder wie ich mit einem Pfund Kakerlaken im Umschlag (mal was anderes) wegen meines Kakerlakenromans.
   Ihr wuchtiges Paket jedoch fällt auf, da dürfen Sie sicher sein, schlimmstenfalls dem Lektor empfindlich auf die Zehen. Selbst in diesem Fall: Er wird Sie und Ihr Werk nie vergessen. Sogar schlechte Werbung ist Werbung, sagt der Werbefachmensch. (Nebenbei: Rückporto beilegen, wenn Sie Ihre restlichen Manuskripte – so nicht doch alle gedruckt werden – auch anderen Verlagen anbieten wollen!)

Zweitens, und das ist nicht zu unterschätzen, können Sie damit als unbekannter Autor eine literarische Vita vorweisen, denn auf diese kommt es besonders an. Die Verlage tun sich schwer mit so genannten Nobodys, heißt Erstlingsautoren, die bisher nichts veröffentlicht haben oder nur unwesentlichen Kleckerkram. Was sollen die in ihre Vita schreiben? Geboren, noch nicht gestorben, seit seiner Geburt vom Romanschreiben träumender Friseur, dreizehn Kinder für des Lektors Rentensicherung, oder was? Indem Sie Ihre sämtlichen, immerhin gewichtigen Romane in Ihrer Vita auflisten, haben Sie – im Gegensatz zu dem bedauerlichen Friseur – etwas vorzuweisen. Sie müssen den Lektor nicht extra darauf stoßen: Er sieht sofort, dass Sie als disziplinierter, fleißiger Autor bislang einfach keine Zeit hatten, sich um Veröffentlichungen zu kümmern. Jetzt wird er Ihnen diese Arbeit abnehmen.

Eigentlich wollte ich etwas zur Text-Überarbeitung sagen: Einen Roman kann man in drei Monaten heruntertippen, aaaber …

Jetzt bin ich wohl doch etwas absurd abgedriftet. Etwas? Absurd?!

Menschen, von denen ich nie mehr etwas gehört habe: Wo seid Ihr?

Die amerikanische Autorin aus Köln, cirka 1,50 m groß wie Napoleon, ebenso breit wie hoch, unter drei dicken, übereinander gezogenen Lederjacken ächzend, weil es ihr so kalt war in der rheinisch-milden Stadt. So schwer bepackt, kam sie auf der Straße kaum voran. Damals, vor vielen Jahren auf dem Weg zum Autoren-Stammtisch, verloren wir sie andauernd aus den Augen und mussten sie laufend suchen gehen und wieder einfangen.
Sie schreibt sicher immer noch an ihrem 5000-Seiten-Roman. Übrigens, mit der Hand!

Der Viel- und Schnellschreiber, der – nachdem er mindestens zwanzig Romane aller Genres heruntergeschrieben hatte und einen Romankurzwarenhandel gründete: Was suchen Sie? Ich habe von allem etwas! – endlich auf die Idee kam, einen Roman aus seinem Vorrat den Verlagen anzubieten. Oder besser gleich alle zwanzig auf einmal? Denn bis heute scheint er sich nicht entschieden zu haben, welchen er nehmen könnte. Die Wahl wird ihm mit der Zeit immer schwerer fallen. Mittlerweile, nehme ich an, hat er bereits siebenunddreißig Romane verbrochen, nein, erstellt, sagt man heute dazu.

Der religiös verzückte Mann, der seine heiligen Heimsuchungen oder Eingebungen lektoriert haben wollte, um sie dann auf Pergament zu übertragen, hat sich auch nie wieder bei mir gemeldet. Vermutlich redet der Heilige Geist dermaßen heftig auf sein Medium ein, dass es nicht mehr mit Aufschreiben nachkommt.

Absurd? Nein, bloß das alltägliche Leben.

Jaja, ich komme schon noch zu meinem eigentlichen Thema, dem der Überarbeitung! Man wird sich ja noch warmschreiben dürfen …
 
Ihre Vera Hesse

 

 

Irrungen und Wirrungen des Schreibens

Einen Roman können Sie in drei Monaten heruntertippen, sobald Sie davon überzeugt sind, dass Sie eine Geschichte zu erzählen haben, die auch für andere lesenswert ist. Eigentlich … ist es doch gar nicht so schwer, einen Roman zu schreiben, denken Sie, im Gegenteil, es macht höllisch Spaß. Zwar müssen Sie vorher mehr oder weniger recherchieren und den Aufbau des Romans wenigstens in den Grundzügen planen; während des Schreibens mithilfe von Notizen auf viele Kleinigkeiten achten, damit Sie nichts vergessen und alles inhaltlich zusammenpasst.

Sie müssen ab und zu Passagen umstellen, neue Übergänge schaffen, dies und jenes, was sich im Nachhinein als überflüssig herausstellt, kürzen oder ganz aus dem Text werfen, immer wieder Teile ausdrucken und erneut lesen. Dazu soll noch alles wie aus einem Guss wirken, spannend sein, keine Durchhänger aufweisen, nichts die zukünftigen Leser unnötig verwirren … Ja schon, sagen Sie sich, oft ist es eine richtige Plackerei, bis man die Einzelteile endlich zusammengenagelt hat und daraus ein Ganzes geworden ist. 

Doch eigentlich … braucht man nur eine gute, möglichst spannende Story, um einen Roman schreiben zu können, glauben Sie.
   Endlich haben Sie Ihren Roman fertig geschrieben.
   Fertig ist er trotzdem nicht. 

Zunächst aber – Sie greifen zum Wein und stoßen euphorisch mit sich an – drucken Sie Ihren Roman komplett aus. Nun halten Sie ihn zum ersten Mal in den Händen: Wie schön du bist, flüstern Sie, wie perfekt und wie, wie –  umfangreich, wuchtig, gewichtig (heißt: wichtig?), um nicht zu sagen, dick!
   Jetzt wollen Sie ihn endlich einmal in einem Rutsch lesen? Nein, Sie beherrschen sich, vorher müssen Sie ihn korrigieren. Also lesen Sie ihn langsam und aufmerksam, und kritzeln Ihre Korrekturen zaghaft hinein in den ach, einst so perfekt wirkenden Text; mit der Zeit jedoch streichen Sie alles deutlich sichtbar an, damit Sie später nichts übersehen.
   Wie viele Flüchtigkeitsfehler und Schnitzer Sie da noch finden, die Sie am Bildschirm trotz Word-Rechtschreibprogramm übersehen haben! Und mancher Satz hat dort besser gewirkt als auf dem Papier. Dieses und jenes im Text wird vor Ihren Augen keinen Bestand mehr haben, also raus damit oder umschreiben. Neu Eingefügtes wird sich allerdings erneut bewähren müssen. Schließlich übertragen Sie Ihre Korrekturen in den Bildschirmtext. Es sind so viele gewesen, dass sich ein kompletter Neuausdruck lohnt.
   Fertig sind Sie aber noch immer nicht.

Sie wissen natürlich längst, dass jeder bei eigenen Texten betriebsblind ist und deshalb vieles übersieht. Deshalb bändigen Sie Ihre Neugierde darauf, wie sich der Roman jetzt wohl lesen mag. Lassen Sie ihn für längere Zeit liegen, um ihn sich später, mit frischem Blick, ein weiteres Mal vorzuknöpfen.
   In der Zwischenzeit könnten Sie ihn anderen zu lesen geben: Familienmitglieder, Freunde und Bekannte finden sicher noch Fehler, über die Sie mehrmals hinweggelesen haben, weil Sie diese raffinierten Biester im Kopf längst korrigiert hatten. Doch schreibhandwerkliche oder stilistische Mankos werden Ihre Testleser dabei nicht oder kaum beachten. Zudem sind sie nicht in der Lage, ein neutrales Urteil abzugeben, weil sie immer befangen sind – oder sie behalten ihre Kritik lieber für sich, um es sich mit Ihnen nicht zu verderben oder um Sie nicht zu entmutigen. Vor allem aber: Sie lesen Ihren Roman als Leser, bestenfalls zusätzlich als Kritiker, somit beide Male auf völlig andere Weise als ein Lektor, denn seine Arbeit ist eine andere als die eines Lesers. Kein Leser wird sich dermaßen intensiv mit Ihrem Roman befassen wollen und können wie er oder sie. (In der Folge spreche ich von einer Lektorin, da ich aus dem eigenen Nähkästchen plaudere).

Der Roman hängt Ihnen mittlerweile schon zum Hals heraus, oft genug haben Sie ihn überarbeitet – wie Sie glauben. Trotzdem, solange Sie immer wieder nicht nur Fehler, sondern neuerdings sogar Verbesserungswürdiges finden, arbeiten Sie tapfer weiter an ihm, weil Ihnen sehr viel an ihm liegt. Sie wollen erst dann einen Punkt machen, wenn Sie wirklich zufrieden sind. Gut so!

Endlich ist der Roman fertig! War das eine Schinderei! Erschöpfung und Hochstimmung! Nun heißt es feiern und auf Ihren ersten Roman anstoßen.
    Tun Sie das, Sie haben sich diese Pause verdient. Wieso Pause, werden Sie jetzt vielleicht fragen, während Sie auf Ihr neu ausgedrucktes Manuskript blicken. Es sieht nicht nur perfekt aus, es ist perfekt. Somit fertig. Basta.

Kurz darauf lesen Sie die vorerst letzte Version Ihres Romans nicht mehr sorgfältig durch, sondern endlich lustvoll, als Leser. Auf die paar Tipp-Fehlerchen, die sich anscheinend neu eingeschlichen haben, kommt es nun wirklich nicht mehr an. Recht haben Sie. Schließlich sind Sie kein piefiger Buchhalter, sondern Künstler.

Jetzt müssen Sie noch Anschreiben, Exposé und Leseprobe an Literaturagenten oder Verlage schicken – und warten. Auf Resonanz. Auf hoffentlich positive Resonanz! In der Regel müssen Sie sehr lange warten. Drei Wochen, vier Monate … Eine lange Durststrecke liegt vor Ihnen, bis sich jemand mal meldet.

Oder Ihr Roman geht zunächst einmal ab in ein freies Lektorat, bevor Sie ihn anbieten, um die Chancen bei Verlagen zu erhöhen. Also gut, sagen Sie sich, Ihr Roman sollte doch lieber den letzten Schliff bekommen, aber viel wird die Lektorin vermutlich nicht mehr finden, was korrigiert werden müsste – bei Ihrer Vorarbeit! Womöglich kämen sogar ein paar Insider-Tipps hinzu? Die zusätzlichen Korrekturen sowie hier und da eine Verbesserung hätten Sie sicher schnell erledigt, nehmen Sie an. Das Urteil eines Profis einzuholen, kann zudem hilfreich sein, denn auch Sie sind zuweilen von heftigen Selbstzweifeln überfallen worden, die nach wie vor untergründig an Ihnen nagen - krrk, krrk, hören Sie`s? Oder Sie haben größenwahnsinnige Himmelsflüge unternommen und sind erst danach abgestürzt, immer wieder, immer wieder neu, was aufs Gleiche herauskommt. Nach dem Lektorat werden Sie Verlagen gegenüber selbstbewusster auftreten können, glauben Sie – nicht zu Unrecht.

Guten Gewissens dürfen Sie wenigstens sagen, dass Sie Ihren Roman nicht nur in drei Monaten heruntergetippt haben, fleißig, der Reihe nach, wie Ihnen die Geschichte gerade zugeflossen ist, vielleicht noch mit der Gliederung Anfang, Mittelteil und Schluss.
   Dazu nämlich ist wirklich jeder imstande, der sich schriftlich äußern kann, denn so haben wir es einst in der Schule gelernt.

Aber auch mit Ihrer bisherigen Vorarbeit ist es nicht getan.

Schlimmstenfalls ist die Lektorin großmütig und unendlich tolerant. Natürlich findet sie als Außenstehende, mit mehr Distanz zum Text, immer noch etwas zu korrigieren. Und wie schnell das korrigierte Manuskript wieder bei Ihnen eingetrudelt ist --- wohl etwas zu schnell, hat die Lektorin doch einiges nicht verstanden und verschlimmbessert. Nun gut, das können Sie ja rückgängig machen. Manche sprachlichen Schnitzer allerdings, die Ihnen plötzlich – während Sie die Korrekturen in Ihren Bildschirmtext einarbeiten – nach der Pause durch das Lektorat auffallen, verbucht die Lektorin, nachdem Sie mehrmals nachgefragt haben, unter dichterische Freiheit. Mit dieser Schutzbehauptung können Sie sich jedoch nicht anfreunden, also ändern Sie diese Stellen selber. Eigentlich war es hinausgeworfenes Geld, denken Sie, während Sie die spärlichen Korrekturen betrachten. Im Großen und Ganzen hat die Lektorin Sie nur in Ihrer Einschätzung bestätigt: Das Manuskript ist druckreif. Das hatten Sie schon vorher geahnt, jetzt wissen Sie es wenigstens.

Bestenfalls wird die Lektorin Ihren Roman noch schneller zurückschicken --- mit der Bemerkung, dass Sie ihn vermutlich kaum überarbeitet haben; der Roman somit noch nicht reif für`s Lektorat sei.

Den hätten Sie wohl einfach nur so heruntergetippt!

Jetzt brauchen Sie keinen Wein, sondern erst mal einen Schnaps. Während Sie ihn kippen, fragen Sie sich, warum manche Autoren Alkoholiker sind.

Ihre Vera Hesse

 

 

Tausend Kleinigkeiten aus dem Text schaufeln

Die Lektorin hat Ihr vermeintlich fertiges Manuskript zurückgeschickt mit der Bemerkung, dies sei höchstens eine korrigierte Rohform des Romans, im Grunde Rohmaterial, aus dem Sie Ihren Roman wie eine Skulptur erst noch heraushämmern, also befreien müssten. Geübte Augen erkennen das bereits an der Schreibe, deshalb reicht ihr eine Leseprobe. Bestenfalls hat sie ein paar Seiten, vielleicht sogar ein ganzes Kapitel lektoriert, mit Erklärungen am Seitenrand und einer ausführlicheren Anleitung, wie Sie weiterhin vorgehen sollten.

Sie sind entsetzt über das viele ROT oder je nach Lektor in Schwarz, Blau oder zaghaft mit Bleistift. In fast jeder Zeile ist Korrekturbedürftiges, wobei es sich meistens nicht etwa um orthografische oder grammatische Fehler handelt, sondern um stilistische und schreibhandwerkliche, die sich zudem in ihrer Art laufend wiederholen: z.B. Wort-Wiederholungen, falsch gesetzte Anführungszeichen und Absätze, überflüssige Adjektive und andere "Füllwörter", umständlich Ausgedrücktes, Wiederholtes, breitgetretener Wortbrei, unnatürlich klingende Dialoge ... Das können Sie als Autor auch ohne weitere Hilfe schaffen, wenn Sie erst einmal jemand darauf gestoßen und Ihnen somit ein drittes Auge geöffnet hat.

Damit stehen Sie aber nicht allein, diese Erfahrung macht fast jeder Autor mit seinen ersten Texten.

Eigentlich könnten Sie diese tausend Kleinigkeiten erst im zweiten Schritt aus dem Text schaufeln, nachdem Sie die große Form, den Aufbau des Romans überarbeitet haben. Das schließt aber nicht aus, dass Sie Ihren Text zwischendurch auch sprachlich überprüfen sollten, denn schon dadurch wird er wieder kürzer, klarer und überschaubarer: Ohne dass Sie vorher jemand darauf hingewiesen hat, wird Ihnen plötzlich vieles überflüssig vorkommen, zudem gewinnen Sie dabei einen neuen Blick, Ihnen fallen immer mehr sprachliche Schwächen auf.

Ein Text, in dem es vor Korrekturen wimmelt, ist nicht mehr flüssig zu lesen, geschweige denn zu lektorieren, weil die Lektorin andauernd über diese extrem störenden Kleinigkeiten stolpert und vom Wesentlichen abgelenkt ist. Als Autor würden Sie sich gar nicht mehr zurechtfinden in diesem Korrekturendschungel. Wenn die Lektorin Ihr Manuskript in diesem Zustand lektorieren wollte, müsste sie es zuerst überarbeiten und neu ausdrucken. Das ist aber nicht ihr Job, sondern der des Autors. Die Lektorin wird danach trotzdem noch jede Menge finden.

Die Hauptarbeit eines Autors ist die Überarbeitung besonders nach dem eigentlichen Schreiben. Und zwar das, was man tatsächlich unter einer Überarbeitung versteht. Darüber haben sich nur die wenigsten informiert. Ich meine damit das ganze Spektrum: von der Struktur – immer mit der Frage im Hinterkopf: was tut dem Text/Roman insgesamt gut? (meistens kürzen, verdichten, streichen) – bis zur stilistischen Überarbeitung, Wort für Wort, damit ein tatsächlich literarischer Text daraus wird.

Obwohl Autoren durch ein Lektorat eine Menge hinzulernen werden: Lektoren können und wollen keine Schreibschule ersetzen, Ihnen nicht das Schreibhandwerk beibringen. Sie als Autor müssen auch nicht unbedingt einer Schreibgruppe beitreten. Sie sollten sich nur vorher darüber informieren, was es heißt, einen literarischen Text, gar einen Roman zu überarbeiten. Dazu gibt es viele Bücher. Eins davon:

David Michael Kaplan, Die Überarbeitung. Wie Geschichten packender, Charaktere plastischer, Dialoge stärker und Beschreibungen anschaulicher werden. Ein Lehrbuch für Autoren. Zweitausendeins, ISBN 3-86150-443-x

Dieses Buch (gibt es mittlerweile antiquarisch) handelt von der Kunst, eigene literarische Texte zu überarbeiten, der Tätigkeit, die nach dem ersten Entwurf mit all seinen verschwommenen Verheißungen folgt. Es ist der letzte Arbeitsschritt eines Schriftstellers. Unglücklicherweise ist jedoch gerade dieser Schritt häufig auch das Letzte, woran Schriftsteller denken.

... Ist das Manuskript einmal fertig, glauben Autoren –  besonders Anfänger –  nur zu oft, dass sie die harte Arbeit hinter sich haben. Vielleicht noch hier und da etwas Schliff, die Überprüfung von Zeichensetzung, Rechtschreibung und Formatierung -  und voilà: Fertig ist das Werk!

... solche Korrekturen sind auch keine echte Überarbeitung.

... Überarbeitung ist der entscheidende Arbeitsgang des Schreibens. Erst hier entsteht eine Geschichte wirklich.

... Die Überarbeitung literarischer Entwürfe ist die weniger glamouröse Seite des Schreibens.

... Es ist wie nach den Dreharbeiten eines Films, wenn die Arbeit im Schneideraum weitergeht, um die kinoreife Fassung herzustellen.

... Die Überarbeitung literarischer Entwürfe erörtere ich hier unter drei Aspekten: erstens der Überarbeitung des Stils – was Anfänger oft schon mit der ganzen Überarbeitung gleichsetzen –, zweitens der Überarbeitung der Struktur, der Kern der Überarbeitung; und schließlich der Überarbeitung der Bedeutung, des Sinngehalts.

Jetzt ist Frau Hesse, Vera aber ernst geworden!

Darauf wollen Sie jetzt gar keinen Schnaps mehr trinken!

Anstoßen auf sich selbst wollen Sie aber auch nicht mehr!

Es sei denn, Sie wären immer noch von sich selbst besoffen.

Doch Euphorie und Selbstzweifel sind Zwillinge, die verkleiden sich nur gerne mal.

Jetzt geht es ans profane (Über-)Arbeiten.

Also, Augen auf und durch!

Kopf hoch, wenn einem die Korrekturen bis an den Hals stehen, sagt (hier leicht abgewandelt) Stanisław Jerzy Lec.

Ihre Vera Hesse

 

 

Kuriosa aus dem Lektoratsalltag

Die kurioseste Anfrage war bisher, dass ein Mann vom Lande, der nicht krank zu sein schien, aber in Zungen reden könne, wie er behauptete (ich dagegen kann nur mithilfe einer Zunge reden), die Stimme Gottes hörte, die zu ihm sprach. Sie flößte ihm, der nie zuvor geschriftstellert hatte, die wundersamsten Predigten ein, die er – dem HERRN gemäß – nun auf würdevolles Pergament gemalt habe. Ob ich so etwas auch lektorieren könnte …?

Ich und Gottes Text lektorieren? Aber ja … Auch GOTT (schon etwas alt und somit etwas tüddelig?) wird seine Aussetzer haben …

Zudem war Gottes Medium vielleicht nicht immer auf der Höhe seiner Möglichkeiten beim Diktat.

Leider ließ der Mann nichts mehr von sich hören, nachdem ich ihn darum bat, mir den Text, wenn schon nicht in Form einer Normseite, so doch 1 ½-zeilig mit breitem Rand für die Korrekturen, zuzusenden. Und zukünftige Predigten solle er besser erst nach dem Lektorat auf Pergament schreiben, gab ich ihm noch als Tipp. Ob Gott ihm wohl gerade eine neue Bibel diktiert?

Vor einiger Zeit erreichte mich folgende Anfrage einer Autorin, die den Anstoß dazu gab, mich an Kuriosa zu erinnern:

Sehr geehrte Frau Hesse,
 
ich habe einen Roman geschrieben der Korrektiert und Lektoriert werden müsste. Ich möchte jetzt im vorfeld klar stellen das es nur ein Kostenvoranschlag sein soll.
    Der Roman hat mit Leerzeichen: 96,265 zeichen.
Möchte nur die Kosten der angegebenen Zeichen!
   
Ja, für welche denn sonst, fragte ich mich  ... 

Wenn ein Vertrag zustande kommt über nehme ich Porto für hin und Zurück sowie den Ausdruck.
Sogar das Porto für hin … zu mir … statt dass ich ihr die Briefmarken erst noch schicken muss.

 Mit freundlichen Gruessen
 
Brammel Trudchen
(von mir so genannt, nur die Wortstellung habe ich beibehalten)
 
Sie können mich Telefonisch erreichen unter: 1234567 Bitte erst gegen 16:30 Uhr anrufen. Da Nebenberuflich beschäftigt.

Am liebsten hätte ich ihr die Mail mit ihren 18 Fehlern kommentarlos, dafür korrigiert, als Antwort zurückgeschickt. Entweder war die Autorin besoffen/bekifft oder hat fünf Nächte hintereinander nicht geschlafen. Wieso oder? Alles zusammen! Ich frage mich, wie der so genannte Roman dann wohl aussieht ...

Ein paar Tage später: Der Kelch ist an mir vorübergegangen – besser, ich aktiv an ihm. Ich schrieb Brammel Trudchen, dass ihr Roman noch gar keiner ist, da er anhand der Zeichenzahl nur an die 66 Normseiten hätte, das wäre ja gerade mal ein Anfang und sie sollte ihn doch erst mal zu Ende schreiben. Ich würde eine Autorin kennen, deren noch unfertiger Roman bereits 5000 Seiten hätte, DAS könnte man einen Roman nennen. Das hat sie dann wohl beherzigt und schreibt immer noch daran. Und deshalb hatte sie auch keine Zeit mehr, mir auf meine Mail zu antworten.

(Jetzt habe ich aber gelogen! Eine solche Mail hatte ich ihr nicht geschrieben. Ich weiß es einfach nicht mehr, warum das Lektorat dann doch nicht zustande kam. Aber das war mir zu langweilig zu schreiben).

Heute erreichte mich folgende Nachricht:

Sehr geehrte Frau Hesse,
ich möchte den Preis für den Lektorat erfragen. Wan könnten Sie es zurück schicken?
Im voraus dankbar
Mit Besten Grüßen
Nudel

Meine Antwort (und die ist nicht erlogen):

Sehr geehrter Herr Nudel,
der Lektorat gehört mir, ich werde den Teufel tun und ihn Ihnen zuschicken! ;-))
Bevor Sie sich im Schreiben versuchen, sollten Sie erst einmal lesen können: Es steht alles sehr ausführlich auf meiner Homepage.

Woher soll denn ich wissen, ob Sie einen 1000-Seiten-Roman verbrochen haben oder nur eine Kurzgeschichte? Für eine Kurzgeschichte von Ihnen würde ich, so über`n Daumen gepeilt, etwa ein halbes Jahr brauchen. Für einen 1000-Seiten-Roman aus Ihrer Feder – wenn Sie das mal hochrechnen – mindestens 100 Jahre. Das wäre für mich kein Problem, aber vielleicht für Sie?

Mit froindlichen Grießen
Vera Hesse

Dennoch überlege ich, ob ich dem Herrn Nudel, der wirklich so heißt, mein Lektorat überlassen sollte.

Ich hätte nicht ühbäl lusst, inn`n Uhrlaup tzu vaahränn ohdär vliegn.

Ihre Vera Hesse

 

Vliegn:

© Johanna Hesse (im Original ist das Bild viel kleiner, geradezu winzig).

 

Und damit endete meine Kolumnen-Tätigkeit. Schade, ich hätte gerne noch von weiteren Trudchen Brammels und Herren Nudel berichtet! Und damit meine ich keine Legastheniker, denn die gibt es unter den besten Autoren.