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Kurztexte


Zwiegespräch
Vera am Mittag 
Ein Kloß im Winterloch
Experimentelle Prosa

Aus der Anthologie: Schreiben. Ich schreibe, weil ...(2003)

 

                                                        Zwiegespräch

Als ehemals notorische Briefschreiberin mit gefürchteten Schachtelsätzen, – als alle Aspekte eines Themas exzessiv und ausufernd betrachtende “Romancierge”, die nur über kilometerlange verschlungene Umwege – wenn überhaupt! – zum Wesentlichen kam, – sah ich es eines glorreichen Tages als einen Akt der Selbst- und Nächstenliebe an, ab sofort und so lange wie nötig möglichst nur noch zu schreiben, um das Schreiben zu lernen. Punkt.

    So fing alles an.

    Wenn bloß dies der erste Anstoß gewesen wäre! Es war aber noch schlimmer. Jahrelang war Schreiben für mich nicht nur Kommunikationsersatz. Ich lebte weitab auf dem Land. Besuch bekam ich nur vom Eiermann, wohingegen ich tagtäglich wie eh und je viele Bücher besuchte, die einiges in meinem Kopf in Gang setzten. Schreiben wurde auch zum Ventil für manche Gedankenflut, in der ich ohne Schreiben ersoffen wäre.

    Vor allem schrieb ich, damit ich klarer denken konnte. Extrem gesagt war ich nur fähig zu denken, während ich schrieb. Da das Denken lebensnotwendig ist, kann ich behaupten, dass ich in diesem Sinne schreiben musste, damit ich nicht völlig verblödete.

    Sollte ich etwa so weitermachen? Nein! Also lernte ich auf professionelle Weise zu schreiben. Ohne klares Denken vor der Niederschrift war das nicht zu bewerkstelligen. Ich musste damit verbundene handwerkliche Regeln akzeptieren und anwenden und dies wiederum schulte indirekt mein Denken. Zudem stellte ich mir einen imaginären Leser vor, der mich nicht kannte und mich nicht fragen konnte, wenn er etwas nicht verstand. Von einem privaten Monolog wechselte ich über in einen persönlichen Dialog.

    Eines Nachts erschien mir im Traum der Liebe Gott. Er sah tatsächlich so aus, wie ich ihn mir als Kind vorgestellt hatte! Gott trug ein langes Nachthemd und einen weißen Rauschebart. Nachdenklich musterte er mich über den Rand seiner Lesebrille. Die war vermutlich von Aldi. Bevor ich vor Lachen losprusten konnte, sagte er: “Deine Zeit ist um, du wirst nun mit mir gehen!”

    Ich erschrak. “Wieso schon jetzt?”, fragte ich.

    “Das steht in meinem Goldenen Buch!”, erwiderte er und lächelte mich an. “Keine Angst ...”

Ich dachte nach. Das hatte ich ja bereits geübt, ohne vorher schreiben zu müssen. “Du bist doch ziemlich alt ... und vielleicht ... schon ein wenig tüddelig”, sagte ich, “könnte es nicht sein, dass du dich im Datum geirrt hast?”

    “Hmmm.” Gott kratzte sich hinterm Ohr. “Möglich ist alles.”

    “Fast alles”, entrutschte mir. Sofort schlug ich mir auf den Mund, doch zu spät.

    “Alles!”, widersprach Gott.

Das gab mir etwas Auftrieb. “Vielleicht schaust du lieber noch mal nach in deinem goldenen ...”

    “Genau!”, sagte er. “Sicher ist sicher. In der letzten Zeit hat es wieder ziemlich viele Scheintote gegeben.”

    “Geirrt?”, fragte ich.

    “Musste ich rückgängig machen”, sagte er. “Nutze die Zeit solange”, rief er, ehe er aus meinem Traum verschwand, “dein Talent zum Schreiben ist ein Geschenk von mir. Das kann sich nicht weiterentwickeln, wenn es im privaten Bereich versumpft. Mancherlei Sumpfblüten mögen daraus entstanden sein, die vielleicht für dich interessant sind, aber nicht für andere. Missachte mein Geschenk nicht! Pack es aus! Auch Schreiben ist Schöpfung und ebenso wie das Leben selbst ein Entwicklungsprozess. Du hast lange genug eingeatmet, atme endlich aus! Geh hinaus, überschreite deine Grenze und schreib nicht für dich, sondern für andere! Mach auch ihnen ein Geschenk, so wie ich dich beschenkt habe.”

    “Es gibt schon genug Bücher”, jammerte ich. “Die Leser zappeln doch bereits, nach Luft schnappend, unter dem Bücherberg! Warum sollte ich noch eines schreiben?”

    “Es gibt auch genug Menschen”, entgegnete er. “Findest du dich deswegen überflüssig?”

Lohnt sich das alles denn noch, hätte ich fast gefragt, ängstlich und frohlockend; wer weiß, wann er wiederkommt, um mich zu holen. Schlimmstenfalls hatte ich mir nur einen kurzen Aufschub erschlichen.

    “Jeder Tag lohnt sich!”, rief Gott.

    Seiner ist wahrscheinlich ziemlich lang ...

 

Ich lernte meine Fähigkeiten kennen und stieß auf ihre Grenzen, staunte über das, was ich schuf, war manchmal begeistert und dann wieder enttäuscht von mir. Sogar grundsätzlich, aber heilsam enttäuscht. Ich hatte mir meine Texte auf einer bestimmten Stufe vorgestellt, natürlich ziemlich weit oben in der Hierarchie. Typischer Anfängerfehler, den Gott wohl auch einst mit uns gemacht hatte. Die Buchstaben auf dem Papier können – nicht anders als wir – auch grausam sein! Einzeln sind sie harmlos. Sobald sie Wörter und Sätze bilden, zeigen sie mir klar, was ist – und was nicht ist. Erfolg habe ich immer dann, wenn ich meine Grenzen ausweite und die Texte an Qualität gewinnen. Diese Spannung treibt mich voran.

 

Schreiben ist Heimat. Vor vielen Jahren setzten mich meine Eltern auf einer einsamen Insel aus, da war ich fünf gewesen. Erst drei Jahre später holten sie mich wieder ab. Die Zeit auf der Insel war wunderbar! Ich hatte alle Freiheit der Welt! Es war die glücklichste Zeit meines Lebens. Ich fühlte keinen Schmerz. Heimweh? Ich doch nicht! Im Gegenteil! Wer‘s glaubt wird selig!

    Selig rutschte ich über die Eisschollen der Nordsee, watete über die überschwemmte Insel, ließ mich vom Wind wegblasen, versteckte mich in den sonnenwarmen Dünen und war endlich bei mir. Nur so war ich zu Hause und ganz bei mir.

    Mit anderen, in der Fremde, existierte ich nur halb, verlernte ich das Sprechen. Mündlich konnte ich mich nie sonderlich ausdrücken und blieb weit unter meinen Möglichkeiten, es sei denn, die Fremde wurde mir zu einem Stück Heimat, die mich nicht zurückstieß. Schreiben ist insofern auch immer eine Sache der Rehabilitation für mich gewesen.

    Heute ist das Schreiben mein Zuhause. Und ich mittendrin. Und von dort kann ich hinausgehen und andere besuchen.

    Noch Fragen?

 

 

 

Anthologie
Schreiben. Ich schreibe, weil ...
Hrsg. Elmar Ferber, Kölns einst "glücklichstem Kleinverleger".
ISBN 3-931918-08-4
ca. 136 Seiten / CHF 20,- / EUR 13,-

Über das Buch: In dem Wort schreiben finden sich zwei weitere: Schrei und reiben. Wir wollten es genau wissen und haben Schriftstellerinnen und Schriftsteller gefragt: „Warum schreiben Sie?“ Die Antworten sind so vielfältig wie das Leben und deshalb haben wir dieses Buch über das Schreiben gemacht. „Ich kann sagen, was ich will, ich werde nie herausfinden, warum man schreibt und wie man nicht schreibt.“ (Marguerite Duras)

Autorinnen und Autoren: Swantje Baumgart / Monika Demange / Eva Duwe / Karl Feldkamp / Marita Franken / Jörg Frohn / Pam Goldie / Wilhelmina Heinemann / Patric Hemgesberg / Dörte Hermann / Vera Hesse / Heike Hübsch / Sarah Ines / Katharina Jäschke / Marion Johanning / Wilfried Kapteina / Helga Karl / Claudia Kölbl / Dieter König / Erika Maaßen / Ruth Meier / Hagen Myller / Manfred Peringer / Monika Rausch / Herta Rauscher-Emge / Marianne Riefert-Miethke / Waltraud Rohrmoser / Karl Rovers / Albrecht Schau / Ilka Scheidgen / Vera Schottleitner / Sonja Viola Senghaus / Monika von Starck / Walter M. Stütz / An-Ya Tse / Willi Volka / Waltraud Weiß / Gerrit Wustmann / Armin Zastrow / Jochen Zierau / Barbara Zipfel / Hrsg. Elmar Ferber

Aus ersten Kritiken:
“... die Beiträge sind spannend zu lesen. Vor allem auch die Mischung zwischen lyrischen, erzählerischen und essayistischen Antworten auf die Frage: Warum schreiben ...?”

   “...für das Thema erstaunlich klischeefrei, ernst, humorvoll und niemals seicht. Mit der notwendigen Distanz zum eigenen Tun wird da Schreiben als Sinnsuche zwar, aber nirgendwo als andachtsheischende Kulthandlung dargestellt. In dieser Anthologie beweihräuchern sich die AutorInnen nicht selbst, sondern lassen allein ihre Texte sprechen. Und deren Sprache ist in vielen Fällen durchaus eine Werbung für die Schreiberei.”


Meine erste Lesung im Kölner Café Libresso
http://www.cafelibresso.de habe ich trotz Geschlotters prima überstanden, und das sogar im MorgenGrauen um 11:00. (Wer hat nur Matinees erfunden? Ich drehe ihm oder ihr den Hals um!) Ich konnte sogar "rehabilitieren" sagen, ohne zu stottern! Gerade umgezogen, musste ich aus dem Westerwald anreisen und verfluchte mich wegen dieses Zungenbrechers, der mich auf der Hinfahrt beim lauten Üben immer wieder neu und herrlich stolpern ließ. 

 

BoD-Aktuell - Das Magazin von BoD - Ausgabe 9 - Mai / Juni 2003:

Schönstes Cover:

Fast unausweichlich wird jeder Autor im Laufe der Zeit mit der „einen“ Frage konfrontiert, sei es auf Lesungen oder im Interview - ja , alle wollen wissen: „Warum schreiben Sie?“ In vorliegender Anthologie haben 41 Autoren bereitwillig Auskunft gegeben und vom Erzählen erzählt. So vielfältig wie die Motive sind die Stile: Von lyrisch bis essayistisch reicht die Bandbreite. Ein Blickfang ist das Cover des Buches allein durch seine klaren Linien und Formen und die akzentuierte Farbgebung. Besonders aber das Motiv, gestaltet durch den Air-Brush-Künstler Kaeferböck, gibt Raum für Assoziationen. Augenfällig ist etwa die Geste der Nachdenklichkeit. Das Cover-Gesicht mag an eine schön geschminkte Maske erinnern, die der Autor für den Leser trägt. Unverkennbar auch die erotische Ausstrahlung. Elmar Ferber, Verleger und Herausgeber des Bandes, kann von einer Vielzahl positiver Reaktionen auf die Covergestaltung berichten - und auf die Texte der neuen und jungen Autoren, die sich dahinter verbergen.

Naja... das freut einen dann ja auch! Ich habe mit dem Titelbild gehadert, weil es mir gar nicht zum Thema zu passen schien. Der Dame brechen doch die Fingernägel ab, wenn sie auf die Tasten haut, Herr Kaeferböck!

 

 

Die folgenden zwei Texte waren nie zum Veröffentlichen gedacht, die habe ich mal vor Jahren (19..?) aus Jux und Dollerei geschrieben, als ich morgens Probleme mit dem Aufstehen hatte und überhaupt ziemlich daneben war. Na, jetzt sind wenigstens  s i e  aus der Schublade gekrochen und blinzeln, noch ein wenig verschlafen, ins Licht.

                                                                Vera am Mittag

Jeden Morgen verschlafe ich. „Morgen“ ist noch gnädig ausgedrückt. Kaum habe ich gefrühstückt, wird es bereits wieder dunkel. Wer aber möchte schon in ewigem Dunkel leben? Bin ich etwa ein Maulwurf? Nein, noch ein Mensch, doch wenn es so weitergeht, werde ich zum Grottenolm mutieren, dessen Augen sich zurückentwickelt haben. Wo nichts mehr zu sehen ist wegen der Dunkelheit, sind Augen überflüssig geworden. Da ist die Natur knallhart.
    Weil aber die Kultur uns die Glühbirne beschert hat, wird mich das Schicksal nicht ganz so hart treffen wie den Olm. Mit der Zeit wird mir Brille mit dicken Gläsern wachsen, um meine durch Kunstlicht verursachte fortgeschrittene Sehschwäche – auch ein Fortschritt! – auszugleichen.
    Der arme Olm! Eine kleine Glühbirne hätte seine Entwicklung in eine andere
Richtung treiben können. Leider fand sich kein Edisolm innerhalb seiner Spezies.
    Es gibt sogar Tiefseefische, die sich selbst heimleuchten können! Aus ihrem Kopf wächst eine Laterne. Hat Mutter Natur vielleicht auch mal verpennt und hatte deshalb keine Zeit mehr, dem Grottenolm wenigstens eine kleine Taschenlampe aus der Stirn wachsen zu lassen? Augen einfach wegmachen, ist ja ein fantasieloser Einfall. Brauchste nicht? Also weg damit. Blöd.
    Der Mensch denkt: „Der arme blinde Grottenolm, was alles mag ihm entgehen! Er kann die Grottenwelt nicht bewundern, nicht die Grottenmalereien – und seiner Mitolmin nicht romantisch in die Augen blicken! Fernsehen kann er auch nie. Kann nie Vera am Mittag gucken.“ Und ist deswegen auch nicht so verblödet wie er. Der Mensch. Der das guckt.
    Soll der Mensch ruhig mal versuchen, zu denken – die Natur denkt oft anders und besser. Der Grottenolm sowieso: „So ein bedauernswerter Mensch! Der muss so viel sehen, dass ihm ein wesentlicher Teil des Lebens entgeht. Lieber nicht laut aussprechen, was ihm alles entgeht, es könnte jemand hören und ganz depressiv darüber werden. Will er es partout – der Olm kann auch Französisch – wissen, braucht er nur die Blinden zu fragen.“
    Mehr sagt er nicht dazu, weil er jetzt Feierabend hat und nun lieber liest, statt Glotze zu gucken, und so liest er, wie jeden Abend, weiter in den unendlichen Annalen der Natur: „Einst war die Erde schön kühl und dunkel und den Menschen wuchsen nicht nur gemütliche Pelze, nein, sie hatten auch noch keine Augen ...“ Er überflog einige Passagen, weil sie ihm nichts Neues sagten und las weiter: „Eines Nachts aber wurde ein neuer Stern geboren, der die Erde in ein unerträglich grelles Licht badete. Die Mutationen hoppelten nur so und nach Hunderttausenden von Jahren sind den Menschen Augen gewachsen.“
    „Der arme Mensch“, denkt der Olm und: „HOPPELTEN? Ob die Natur wirklich ´hoppeln` schreiben würde? Hatte da vielleicht ein anderer Olm, eine andere Olmin an diesem Heiligen Buch mitgemischt?“
    Wenn jetzt jemand meckert von wegen, wie der augenlose Olm wohl lesen mag: Noch nie was von Blindenschrift gehört?
    Nun aber geht der Olm in seine Schlafgrotte, denn es ist schon spät und er ist müde. Wohlig kuschelt er sich an das Flauschfell seiner Olmin und tut das mit ihr, wobei auch die Menschen meistens die Augen – aus guten Gründen! – schließen. Jedenfalls dann, wenn sie genug geguckt haben.
    Wäre es wirklich so bedrohlich, wenn ich auch in Zukunft so verschlafen würde, dass ich die Sonne nie mehr zu Gesicht bekäme?
    Zweifel befallen mich wie Fußpilz. 
    Pilze wachsen gern in Grotten und in einem alten Kinderlied heißt es auch: Ein Männlein steht im Walde auf einem Bein. Wo ein Bein ist, da auch ein Fuß. Wenn mit dem Männlein ein Pilz gemeint ist, dann ist es logischerweise ein Fußpilz.
    Viele Männlein auf einem Bein fallen mich an oder locken mich herbei wie die Loreley. Nur dass ich nicht am Felsen zerschellen, sondern es dem Grottenolm nachmachen soll. Es gäbe auch viele kuschelige einbeinige Männlein, die mein dunkles Lager mit mir teilen wollten. Alle gleichzeitig! Noch bin ich unentschlossen.
    Mir kommen die kleinen Weckmännchen in den Sinn. Nicht die zu Sankt Martin zum Vernaschen angebotenen aus der Bäckerei, sondern Weckmännchen, die mir zu einer neuen Art Wirklichkeit verhelfen könnten. Indem sie die Rollläden rechtzeitig hochziehen, damit Eos` rosiger Finger auch meine Augenlider streift und ich gebadet in den warmen Farben der Morgenröte meinem Federbett entsteige ... Das jedoch wäre eine andere Geschichte und ich bin noch nicht sicher, ob ich die jemals erzählen werde. Sehe ich nicht mit geschlossenen Augen die fantastischsten Traumwelten? Erlebe ich in ihnen nicht die aufregendsten Abenteuer und male ich dort nicht die farbenglühendsten Bilder?
    Jeden Morgen verschläft mein Wecker.
    Ich kann noch so laut schnarchen – er wird davon nicht wach.

    Was soll bloß aus ihm werden?

 

     © Johanna Hesse (im Original ist das Bild viel kleiner).

 

                                    

                                                       Ein Kloß im Winterloch

Matt schleppe ich mich durch den Tag. Nie wird es richtig hell und ewig währt meine Schläfrigkeit.
    Winter.
    Regenwinter, eklig nass und niederdrückend.
    Abendstimmung ...
    Im Winter ist der Abend schon morgens da und ich werde nie richtig wach. Tage und Nächte erscheinen mir als konturlose, dunkelgraue Masse. Ich fühle mich wie ein Kloß in einer kalt erstarrten, faden Suppe.
    Wie anders ist meine Abendstimmung im Sommer! Eins mit der Welt beim Anblick des Sonnenuntergangs, wenn der Tag ausklingt, friedlich und still.
    Genug des Lamentierens! Wer dermaßen dumpf und träge ist, wie ich zurzeit, bekommt auch nichts mit von dem, was um ihn herum geschieht, sage ich mir. Vielleicht könnte ich auch eine besondere Abendstimmung im Winter erleben, die meiner täglichen Müdigkeit nicht gleicht? Wenn ich den Übergang zwischen Tag und Nacht erhasche, erfahre ich auch den Unterschied zwischen ihnen und ich kann den winterlichen Tag endlich wahrnehmen?
    Schon sinke ich wieder in mich zusammen, schließlich schlurfe ich doch ins Schlafzimmer und hole den Wecker. So. Wann wird es richtig dunkel? So gegen halb Fünf Uhr ... nachmittags, empöre ich mich, während ich den Wecker stelle. Dann habe ich doch gerade mal gefrühstückt, so kommt es mir vor!
    Auf dem Sofa sitzend beobachte ich meinen vor sich hindämmernden Geist. Sauerstoff! Mein Hirn braucht Sauerstoff! Vor der offenen Balkontür bemühe ich mich, indem ich tief einatme, um ein paar gymnastische Verrenkungen, kugle mir dabei fast das Hüftgelenk aus und sinke ermattet auf den Stuhl.
    Dann durchfährt mich ein Geistesblitz. Lichttherapie! Ich lege mich unter die Fünfhundert-Watt-Stehlampe und stelle mir vor, ich läge bratend am Strand.
    Ich muss eingeschlafen sein. Unerbittlich schrillt der Wecker. Hatte ich mich nicht dazu verdonnert, die Abendstimmung zu genießen, so es sie gibt?
    Ich reiße die Augen weit auf und rede mir ein, das würde mich wach machen – und nicht nur mich, sondern auch meine laut Lexikon elf Sinne, die seit Monaten im Winterschlaf sind. Ach, Sinnlichkeit! Was war das noch? Mir ist nur nach Verkriechen unter`m Plumeau zumute.
    Ich setze mich an den Esstisch und starre in den Garten. Verschwimmende Konturen, die Tannen im weichen Licht – Licht!? – wiegen sich sanft in den Schlaf. Nur ungenau kann ich die einzelnen Büsche und Bäume erkennen, eher ein dämmriges Grün, zart hingehaucht, wie durch Nebel gesehen. Habe ich meine Brille auf? Tatsächlich! Dennoch sieht der Garten so aus, wie ich ihn sehe, mehr ahne, wenn ich mal wieder meine Brille verlegt habe.
    Die Schummrigkeit draußen stimmt mit meiner Sehunschärfe überein.
    Es ist so ruhig! Ich dusele weg. Damit ich mich nicht dem Schlaf der Tannen anschließe, wuchte ich mich hoch und humple in den Garten. Mein Hüftgelenk knarzt. Sport ist eben doch Mord an meinen Knöchelchen.
    Brrr! Es ist nicht kühl, es ist frostig.
    Und es stinkt.
    Nicht nach heimeligem Kaminfeuer.
    Verbrennt die Nachbarin wieder ihren Sondermüll? Plaste und Elaste?
    Polyvinylchlorid?
    Seveso ist überall.
    Wo ist die untergehende Sonne?
    Der Himmel ist mit graupengrauem Tuch vernagelt.
    Jetzt im Flugzeug zehntausend Meter hoch aufsteigen! Dann könnte ich das Farbenspiel des Sonnenuntergangs bewundern.
    Ich lebe in einem düsteren Loch. Düster und lautlos wie zehntausend Meter unter der Erde! Wenn es dort einmal nicht blubbert.
    Plötzlich und unerwartet wie in einem alten Durbridge-Krimi schreit ein Käuzchen aus dem nahen Wald. Huhuuu!
    Hilfe! Gleich kommt der Werwolf!
    Da, raschelt nicht etwas schräg hinter mir im Gebüsch?!
    Herzrasen, Schweißausbruch, meine Gelenke funktionieren wie geschmiert, als ich zurück ins Haus rase, Tür zuknalle, Schlüssel zweimal umdrehe und mich in den Sessel werfe.
    Ich greife zum Telefon und wähle ihre Nummer. „Mama, bist du es?“
    „Ja. Kind, wer soll`s denn sonst sein?“
    „Mama, gibt es Werwölfe? Mama, warum ist es immer so dunkel? Mama, ich bin so allei-hei-ne, huhu!“
    Hatte sie „du armes Rotkäppchen“ zu mir gesagt?
    „Mama? Mamaaa!“
    Warum antwortet sie mir nicht?
    Die Leitung ist tot; wann bin ich dran?
    Jemand muss das Kabel gekappt haben! Durchgebissen ... Der Werwolf!
    Dann ein Splittern – Oh Gott, das Küchenfenster! – ein Rums, ein näher kommendes Knurren, ein gewaltiger Satz, ein aufgerissener Wolfsrachen direkt über mir, diese riesigen gefletschten Reißzähne ...

Vergnügt plätschere ich im heißen Badewasser.
    Was ich mir da wieder ausgedacht habe, ts, ts.
    - - - Wer kratzt da an der Tür?! - - -
    „Guten Abend“, wispert das Eichhörnchen und macht einen Knicks. „Willst du ein Nüsschen?“
    Jetzt hör ich aber auf!

 

 

 

Der folgende Text aus 2004 war eine E-Mail an einen meiner Autoren/Kunden (Lektorat). Angeschickert von meinem Nachbarn kommend, der mir nur ein Glas Himbeergeist (das reichte ...) kredenzt hatte, wollte ich dem Autor unbedingt noch Trost zusprechen, weil sein Manuskript vor roten Korrekturen wimmelte. Die Tastatur war nach diesem Konvolut ebenfalls betrunken. Die Buchstaben befanden sich nicht mehr unter den zu ihnen gehörenden Tasten. Sie hat sich aber auch wieder erholt. Erstaunlich, dass ich manche Wörter, sogar Sätze dann doch (in lichten Momenten) fehlerfrei schreiben konnte.

 

                                                   Experimentelle Prosa:

Hallo,.li4ber Gerhqrd,

ups. >Ich komme gerade von meinem Nachb  arn wieder, der hat mire einen selbst gemachten ROTEN Himbneergeist kredenzt. Leider hatte ich vorher noch nichts gegessen.Ich bi  aber noch gut nach Hause gelomme, wie Di sheihst.

Das TOT, nee, ROT istz nor deshalb entstanden, weil. Vorher hatte ich die texcte immer mit einem weichen Belsistifgt korrigiert. Nur bei Disertatiomnen haben sich die , nee, doch, ganeu, Buer bei Disertatinenen, also bei unegübten Schreiberlingen waren die Korekturen immer so vieler, dass ein roter >Stuft eunfach besser auffiel. Da ich mich füher vielm, besonders mit Lejhrerinnen gekloppt habe, wollte ich zurvor keinem armen Autor o´zumuten, seinen Text abenfalls Rot korrigiert zu sehen, damit der sich nicht aun die Schule erinnert. Jetzr auber fiodn eich, dasss dfas einfach deutlicher ist und man dadurch weniger beuim Mkorrigioerzeonbau ünersieht. Uff. Lannst Du das überhaupt entziffern?

Tut mir leid, miorgen bin ich wiedr sdaaaa.

Übrigens, heute habe ich eine Menge geschfft und es war gar nicht so schrecklich! Im Gegenteil.

Und ann wol.lte ich Dir nocjh sagen, dasss Du einen prima Eropmanm geschrieben hast!“

Das musste jetzt einfach  mal sein.

Das rOTlässt sich schließlich leicht aus der >We3lt schaffen.

Schließlich geht es hier größtenteils nicht um Fehler, sondern um  handweerklcihes >Zweutg.

Also tröste Duch bkloß, das sond alles Korrekturen auf höherem Niveau. Oh, immerhin kann ich schon wieder >Nivau schreiben.

Das wird schon,m wist Du sehen.

Das ist der erste Briefg, denn ichbbesoffen geschrieben habe. Wenn ich den motgen lesem, o gGott!

Sowieso bin ich noch nie besoffen gewesen, wlorher wirde mit immer schlecht..

Das ist halt so, die eigentkciechwe Arbeit fängt er st  nach dem Schreiben an. Besonder, wenn man zuvor mehr mit dem Inhalt beschäftigtvwar.

Sieh es so: Jew mehr ich gefunden ah´habe, umso weniger wird noch zu finden sein, isofern POSITIV!“

Insofer,mn: hast Du einenForttschritt erreicht.

Jewtyt h;rte ich aber au,

Heryliche Gr[-0e

Veraf