Vera Hesse: Autorenhomepage

 

 

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                                           Die Rache der Muse                                

 

In der Bücherabteilung eines Dortmunder Kaufhauses thronte Kathrin Müller zwischen Stapeln ihres achten Romans und signierte im Akkord. „Daniela Day“, schrieb sie schwungvoll aufs Deckblatt, und – falls erwünscht – „alles Liebe für Elfriede“. Vor allem Hausfrauen schienen ihre Bücher zu lieben. Das behaupteten jedenfalls die Kritiker, diese schütterhaarigen Mickerlinge, die vermutlich nur verdrossen waren, weil sie Kathrins Romanproduktion nicht mehr ignorieren konnten. Aber auch sie lobten Frau Day für manche stilistisch gelungene, überraschend gedankenvolle Passage, ihre sinnenfrohe Schilderung der Natur und die Originalität einiger ihrer Protagonisten, wenngleich sie den Rest – unsägliche Liebesschmonzetten in immer gleicher Machart – größtenteils verwarfen. Ein Gutmeinender bescheinigte ihr sogar, angesichts dieser in einem seltsamen Kontrast zum Ganzen stehenden Abschnitte, noch ungehobenes, literarisches Potenzial.
     „Sie könnte es besser, wenn sie wollte“, schrieb er.
     Doch sie wollte gar nicht. Sie war rundum zufrieden mit ihrer Arbeit.
     Und dass die Lokalredakteurin des Käsblattes ihrer Heimatstadt zuweilen Falsches über sie verbreitete, tangierte sie nicht mehr, seit sie in Frankreich lebte. Die ginge recht frei mit der Wahrheit um, hörte sie, recherchiere ungenau; als Liebchen des Chefredakteurs könne sie sich das leisten.
     Autorin zu werden, hatte Kathrin nie vorgehabt. Sie war unverhofft, dann jedoch zügig, in diesen prima Job, wie sie bald feststellte, hineingerutscht. Ein bisschen Handwerk eignete sie sich in einem Fernkurs an, während ihre Zettelkästen bereits mit Ideen und Notizen zu Schauplätzen und Personen überquollen. Besonders mit tiefgründigen Betrachtungen, die gut dosiert in den Dialogen verbraten wurden. Die meisten dieser Gedanken fand sie noch zu abstrakt und blutleer, doch sie würde ihnen Leben einhauchen, dessen war sie sich gewiss.
     Gleich ihr erstes Manuskript hatte sie in einem großen Publikumsverlag untergebracht und nun rührte sie jedes halbe Jahr aus leicht veränderten Zutaten einen dicken Roman zusammen. Nach Art des Gugelhupfs, sagte sie dazu, da konnte man nie etwas falsch machen. Die Gugelhupfe gingen weg wie warme Semmeln, derweil Kathrin in ihrem Häuschen im schönen Périgord Noir ihre Zettelkästen nach neuen Inspirationen für den nächsten Roman durchforstete.
     Von der lästigen Signierreise zurückgekehrt, saß sie am Ufer der Dordogne, schaute dem trägen Fließen des dunklen Wassers zu, sog den Duft der blühenden Linden ein und ließ sich die Frühlingssonne auf den Nacken brennen. Wenn sie bedachte, dass sie noch vor einigen Jahren in einer Papiersackfabrik gearbeitet hatte ... Sie legte sich auf den ausgebreiteten Anorak, räkelte sich und lachte.

Zuerst hatte sie an der Maschine ... tacktacktacktacktack ... stundenlang die an der Längsseite geklebten Säcke unten zugenäht. Danach stand sie an einem breiten, freischwingenden Brett, über das ihre Kollegin eine Plastikhülle zog, der Kathrin den kürzeren Papiersack folgen ließ. Anschließend schlugen sie das überstehende Ende um, zogen den fertigen Sack ab und warfen ihn zu den anderen auf die Palette. Und noch einmal und nocheinmal undnocheinmal, was Kathrin durchaus nicht als geisttötend empfand, – im Gegenteil.    
  
  Die Arbeit, die sie nach Beendigung der Schulzeit erst einmal angenommen hatte, beschäftigte ihr Hirn dermaßen wenig, dass sie sich nahezu ungestört in eine imaginäre Zukunft hinwegträumen oder mithilfe eines in ihrer Kitteltasche verborgenen Spickzettels französische Vokabeln lernen konnte. Dies verdankte sie auch dem greisen Chef, der im Vorgestern klebte, sich weigerte, neumodische Maschinen in die Halle zu stellen und einen Teil der Belegschaft zu entlassen, inklusive sich selbst. Lange würde er sich nicht mehr am Markt halten.
     In diesem Wartezustand malte sie sich ein anderes Leben aus. Eins in Südfrankreich oder Italien statt in der oft regengrauen Stadt.
     In ihrer freien Zeit verschlang sie, in ihrem tiefen Sessel vergraben, wahllos Bücher, darunter Schinken, aber auch Austern, in denen sie immer wieder eine Perle fand. Schriftsteller kamen ihr wie außerordentlich begabte Wesen von einem anderen Stern vor, denn gewöhnliche Menschen lebten nur, während Schriftsteller zudem Leben schufen.
     Oder sie wanderte durch ihr unbekannte Gegenden am Stadtrand und fühlte sich wie eine Entdeckerin auf einer Expedition. Sie lief auf feuchten Wiesen mit Kaninchen um die Wette, kletterte auf sonnenwarme Bäume, lauschte den Vögeln, stromerte durch die Wälder und kühlte ihre vom Gestrüpp zerkratzten Beine in einem Bach.
     Dann lebte sie den Augenblick, wie Joss, der eigentlich Hermann-Josef hieß, bewundernd sagte, weil ihm das völlig abging. Nur in der Fabrik hielt sie sich nicht im Hier und Jetzt auf, sondern im Dort und Irgendwann.

Sie hatte Joss auf einer Party kennengelernt. Sie tanzte sich die bloßen Füße heiß, während er sie von Weitem beobachtete. Der Herr in Beige mit beginnender Stirnglatze wäre ihr nicht aufgefallen, aber hier, unter den bunt gekleideten Menschen. In einer Tanzpause sprach er sie an. Er war zwölf Jahre älter als sie, studiert und Schriftsteller, wie er sagte, während sie – besser nicht – nur ihre Pflichtschuljahre vorweisen konnte. Er hörte ihr aufmerksam zu – und so gab sie mehr von sich preis, als sie wollte. Verdutzt hielt sie inne. Dass sich so einer für sie interessierte! Und wie liebevoll er sie anblickte ... „Du denkst in Vielem wie ich“, behauptete er sogar, „nur auf andere Weise, konkreter. Wie nah du dem Leben bist, wie sehr mit der Erde verbunden …“
     Sie fand sich bestätigt. Solche Leute kamen von einem anderen Stern.
    
„… Ich dagegen ... bin nicht verwurzelt, sondern schwirre wie ein Kolibri unentwegt durch die Lüfte des Geistes. Naja, diese Einseitigkeit ist auch ein Manko … Die Musik scheint immer lauter zu werden“, unterbrach er sich und schlug Kathrin vor, ihr Gespräch bei ihm zu Hause fortzusetzen.
     Was dachte er nur von ihr?
     Er wackelte mit den Ohren. „Sei unbesorgt, ich tu dir nichts.“
     Sie lachte. Gleichzeitig stieg eine süße Lähmung in ihr auf.
     Joss wohnte nur ein paar Straßenzüge weiter und so liefen sie zu Fuß durch die laue Vollmondnacht. Er sprach von Keplerschen Ellipsen, Eklipsen und Ekliptik, wovon Kathrin nichts verstand.
     „Hör nur.“ Sie blieb stehen. „Diese Stille! Und das mitten in der Stadt!“ Das entfernte, gleichmäßige Rauschen des Verkehrs erzeugte in Kathrin die Vision eines breit und träge durch eine unbewohnte Landschaft dahinfließenden Stromes. Eine plötzliche Windböe durchbrauste die Laubkronen der Straßenbäume.
     Um ihre Bildungslücken zu vertuschen, erzählte Kathrin von Ödön von Horváth, den auf dem Heimweg ein Kastanienast erschlagen hatte, in Paris.
     „Wer war Ödo...?“, fragte Joss zu Kathrins Freude.
     „Ein österreich-ungarischer Dramatiker.“ Dass sie ihn nie gelesen hatte, verschwieg sie wohlweislich.
     „Aha“, sagte er und schwenkte um auf Nietzsche und wie der gestorben sei. „Er war ein großer Einsamer ...“ Ein vorbeiknatterndes Moped verschluckte seine Worte. „... So ist das, wenn man sich ins Gebirge der reinen Gedanken begibt ... einen Weggenossen nach dem anderen lässt man hinter sich und steht eines Tages allein da in der dünnen Höhenluft des Gipf...“
     
     „Ich dachte, du schreibst an einen Roman“, wunderte sich Kathrin, bückte sich und hob eine Kastanienblüte auf. „Riech mal!“, forderte sie ihn auf und hielt sie ihm unter die Nase.
     Die Blüte roch eindeutig nach Sperma ...
    
„Du bist so sinnenfroh und erdverhaftet“, schwärmte er.
     Wollte er sie etwa darauf reduzieren? Und sich selbst als geistigen Gegenpol aufblasen? „Trotzdem bin auch ich des Denkens mächtig“, erwiderte sie mit ironischem Unterton.
     „Aber ja“, lenkte er ein, „doch Männer denken eher abstrakt, Frauen konkret. Männer heben ab, gewinnen von hoch oben einen allgemeinen Überblick, Frauen ...“
     „… kleben am Boden, willst du wohl sagen, und pusseln da unten rum ...“
     „… an tausend konkreten Einzelheiten. Da ist was Wahres dran.“
     In seinem mit Büchern zugestopften Zimmer sprach er, kaum saßen sie mit einem Glas Rotwein auf dem Sofa, von seinem ersten Romanprojekt, auf das er sich seit Jahren vorbereite. „Ich stelle da höchste Ansprüche an mich“, betonte er und seinen Worten entnahm sie, dass er sich den Koryphäen der Weltliteratur zuordnete.
     Geliehene Größe, geliehene Ansprüche, dachte sie, aber wer weiß, vielleicht ist er ja ein Genie ... Sie lächelte ihn an. Was hatte er für einen hübschen, vollen Mund! „Vergleich dich nicht mit anderen. Du selbst bist das Maß.“
     „Wer sonst“, bestätigte er, lächelte zurück und rutschte endlich näher zu ihr hin. 
  
  Ehe er ihr seine Lebenstheorie, um die sich sein Roman drehen sollte, ausbreiten konnte, sagte sich Kathrin: Sinnenfroh und erdverhaftet, nun denn ... und verschloss seinen Mund mit einem Kuss.
  
  Wochen später besaß sie bereits seinen Hausschlüssel. Schließlich könne ihn mal, weil er ständig so angestrengt denke, der Schlag treffen; er wolle gerne zwischen seinen Büchern und Zettelkästen gefunden werden, bevor er mumifiziert sei.
     Kathrin mochte seine Selbstironie, zudem vermutete sie, dass er dahinter nur seine Gefühle für sie verbarg, die er – wie er beteuerte – gerade anfangs so schlecht zeigen könnte.
     Bis in den Sommer hinein begleitete er sie an jedem Wochenende, selbst bei ihren Exkursionen aufs Land trottete er neben ihr her, obwohl er das Laufen hasste, und beobachtete sie dabei. „Ach, du süßes Nichtstun“, seufzte sie, als sie tief in einer Wiese lag und sich vom Wind die braungebrannten Beine streicheln ließ, während er neben ihr hockte und sich Notizen machte, die er ihr nie zu lesen gab. „Ist nur Kritzelei“, sagte er, „ich gebe dir lieber mal ein Kapitel zu lesen. Wenn es fertig ist.“
     Er legte sich neben sie und blickte sie liebevoll an. „Weißt du, ohne dich hätte mein Roman nicht Hand noch Fuß, würde ich in die Abstraktion abdriften. Du holst mich immer rechtzeitig auf die Erde zurück. Und viele meiner – zugegeben – allzu blassen Gedanken füllst du mit Leben. Ohne dich wäre ich auf manche nicht einmal gekommen. Vor allem würden meine Romanfiguren nur als Ideenträger durch den Roman stolzieren, statt Menschen aus Fleisch und Blut zu sein.“
     Damit hatte er sie zu seiner Muse befördert. Sprachlos vor Freude drückte sie ihm einen Kuss auf die Wange und konnte nur schwer vor sich verbergen, wie sehr diese Aufwertung ihre Eitelkeit befriedigte. Oder war es das gar nicht? Sie fühlte sich so wichtig wie nie zuvor. Zum ersten Mal in ihrem Leben erfuhr sie Anerkennung.
     Doch zuweilen kroch der Verdacht in ihr hoch, er studiere sie, als sei sie ein ihm unbekanntes Insekt. Warum eigentlich sollte sie ihm ihre Gefühle nicht nur zeigen, sondern sie bis in die kleinste Verästelung beschreiben, als wären sie ihm fremd? Konnte sie gerade mit keinen besonderen dienen, stellte er sie künstlich her. Er brachte sie zum Weinen, zu Schmerz- und Wutausbrüchen bis hin zu Eifersuchtsszenen. Wie letzten Sonntag, als er ihr erzählte, was er sich mit einer alten Freundin, die er auf der Straße getroffen hatte, so vorstellen könnte. Immerhin, seine erotischen Fantasien waren beachtlich gewesen und gaben zu Hoffnung Anlass. 
     Am Montagmorgen hatte Kathrin, verheult und übermüdet, ihren Finger an den
Papiersack genäht.
  
  Daraufhin glaubte er, sie wieder einmal aufklären zu müssen: „Es ging doch bloß um eine Szene in meinem Roman! Gerade du solltest schließlich wissen, wie leicht die Fantasie mit mir durchgeht! Ich bin ein Dichter! Du musst nicht alles ernst nehmen, was ich so herumspinne!“
     Wie sollte sie ahnen, wann er die Wahrheit in welcher Wirklichkeit sagte? Beide sah er als gleichwertig und austauschbar an. Zudem schien sie je nach seinem Belieben mal Kathrin, mal eine Romanfigur zu sein.
     Im Frühherbst zeigte er sich nur noch selten bereit, seine Wohnung zu verlassen. „Ich muss jetzt all den neuen Eindrücken nachsinnen und sie einordnen“, erklärte er. Vermutlich hätte ihn zu dieser Zeit eine telefonische Beziehung genauso zufriedengestellt.
     „Mich muss man wohl zu meinem Glück zwingen“, lachte er allerdings, wenn sie seine Redseligkeit spätabends unterbrochen und ihn ins Schlafzimmer geschubst und gezerrt hatte. Aber danach – vergaß er es wieder.
     „Auch einen Kaffee?“, fragte Joss.
   Kathrin folgte ihm in die Küche. „Wir reden zu viel, und vor allem über deinen Roman.“ Sie rührte eine waagerechte Acht in ihren Kaffee hinein. „Was hältst du davon, mal auszugehen oder ...“
     Er verzog das Gesicht, als hätte sie einen Teller Sagosuppe vor ihn hingestellt. „Ich weiß nicht, ich bin irgendwie so lustlos … im Moment jedenfalls.“ 
     „Dein Moment dauert schon sieben Wochen!“
     Das Einzige, was ihn draußen interessierte, war die Eiche vor seinem Fenster. „Ich hasse sie!“, zischte er. „Sie stiehlt mir das Licht.“ Eines Nachts wollte er einen Anschlag auf sie verüben, auf welche Weise auch immer, er dachte darüber nach. Kathrin zergrübelte sich den Kopf, wie sie die Eiche vor seiner Mordlust schützen könnte. Kurz darauf warf sie ihre Blätter ab, als hätte sie Kathrins Gedanken erraten. 
     Der Winter brach herein, Joss kaufte Vorräte ein und verbarrikadierte sich in seiner Wohnung. Keine Minute wollte er im Supermarkt vergeuden, brauchte er doch jede einzelne für seine Schreiberei, während der monatliche Scheck der Eltern für sein Drittstudium das Seine hinzutat. Er brütete über dem 1. Kapitel und Kathrin sah ihn in den nächsten Monaten nur stundenweise. „Manchmal habe ich alles satt, es gibt so Tage … wenn ich dann nicht vorankomme, zweifle ich gleich an allem, sogar an mir selbst“, sagte er, obwohl sie ihn nicht mehr danach gefragt hatte, um jeglichen Druck ihrerseits von ihm zu nehmen. Für ihr Problem, dass sie die Fabrikarbeit nicht mehr aushielt, einen Ausweg aus dieser Sackgasse suchte, habe er nun wirklich keinen freien Platz im Kopf, betonte er. „Glaub mir, sobald der Roman in den Grundzügen fertig ist, wird alles anders, dann bist du wieder dran.“
     „Es geht bereits auf den Frühling zu“, mahnte sie eines Tages.
     „Ich weiß, dass ich dich momentan vernachlässige, aber …“
     „Zeigst du mir wenigstens mal, wie viel du bereits geschrieben hast, wenn du mich schon nichts lesen lässt?“
     Er sah sie erschrocken an. „Wozu? Was hättest du davon?“
     „Vergiss es ...“ Ihr Misstrauen war eklig. Das fehlte noch, dass ausgerechnet die Muse an ihrem Dichter zweifelte! Haben schon genug Selbstzweifel, die armen Irren, dachte sie. 
     „Übrigens, ich spiele seit Langem mit der Möglichkeit, die weibliche Hauptrol...“
     „Mmm?“
     „Ach nichts“, er wandte seinen Blick ab, „ich mag nicht mehr über meinen Roman reden.“
     „Was guckst du denn so verbiestert?“
     „Tu ich das? Erzähl mir lieber von dir.“   
     „Ich habe gekündigt.“
     „Aha“, sagte er.
    
Schreibt er eigentlich wirklich?, fragte sie sich ein paar Wochen später und schaute auf seine Zettelkästen; sie waren bis zum Bersten gefüllt. Und er selbst wohl – von ihr. Er schien satt zu sein und fixierte böse die kahlen Eiche. Erkundigte sie sich nach seinem Vorankommen, wurde er missgelaunt. Also hörte sie auf, ihn danach zu fragen. „Macht dir die Schreiberei eigentlich Spaß?“, entfuhr es ihr. Zu spät, um sich die Zunge abzubeißen.
    
„Spaß?!“, bellte er.
     „Freude meine ich ...“
     „Freude!“ Ein verächtlicher Seitenblick traf sie. „Das ist harte Arbeit! Du scheinst ja keine Ansprüche an dich zu haben, aber ich! Was weißt denn du schon darüber ...“
     „Wenn das so ein Scheißjob ist, warum suchst du dir keinen besseren?“
     Er starrte sie an, als wollte er ihr den Hals umdrehen.
     „Was ist los mit dir“, fragte sie, „soll ich wieder gehen? Soll ich überhaupt gehen?“ 
     Kurz darauf, Kathrin hatte sich mit knapper Not vor dem Hagelschauer in Joss` Wohnung gerettet, empfing er sie mit sorgenvoller Miene. Erbsengroße Körner prasselten gegen die Fensterscheiben, auf das frische Laub der Eiche. „Schau nur, die Straße ist übersät mit Forsythienblüten!“, rief sie. Joss stand mitten im Zimmer und rührte sich nicht.
     „Ist was mit dir?“
     Er druckste herum. „Du hinderst mich am Schreiben“, sagte er schließlich und erklärte ihr, dass ihre Besuche ihn belasten und aus seiner Arbeit herausreißen würden.
     „Die paar Stunden am Wochenende? Warum soll ausgerechnet ich dich am Schreiben hindern? Ich habe doch alles dafür getan, was mir möglich war!“ Fassungslos sah sie ihn an und erschrak vor seinem kalten Blick.
     „Zum Schreiben brauche ich freie Bahn … also muss ich mich entscheiden ...“
     Sie begann zu zittern, heiße Angst durchfuhr ihren Körper.
     Er betrachtete seine Fingernägel und knibbelte an ihnen herum. „Du weißt, das Schreiben bedeutet mir alles ...“ Er zuckte mit den Schultern, und lächelte den Fußboden an.
     Sie verstand.
     Joss hatte einmal von der Macht der Gedanken gesprochen.   Fortan dachte sie jeden Tag mit der Macht ihrer Gedanken an die Eiche vor seinem Fenster. Nicht der allgemeine Überblick über sämtliche Eichen oder Bäume an sich interessierte sie, nein, sie war schließlich eine Frau und dachte bloß an eine einzelne konkrete Eiche, genauer, an einen bestimmten Ast. Konzentration der Macht auf einen Punkt nannte sie das ... Verstärkt wurde sie, indem Kathrin zusätzlich ihre Sinne zur Hilfe nahm. Sie sah ihn vor sich, diesen Ast, streichelte seine Rinde, hörte seine Säfte hochsteigen, roch an ihm und leckte ihn ab.
     Dann sägte sie ihn in Gedanken an.
     An einem böigen Nachmittag im Mai trat Joss aus der Haustür, ein schwerer Ast zertrümmerte seinen Kopf, er soll sofort tot gewesen sein. Sie erfuhr es aus dem Lokalteil des städtischen Käsblattes, als sie längst zu einer alten Dame am Stadtrand gezogen war, um ihr für ein kleines Entgelt Gesellschaft zu leisten und den Einkauf zu erledigen. Es bestand kein Zweifel, es handelte sich um Joss, den einzigen männlichen Mieter in diesem Haus, auf dem Foto hatte sie den Eingang erkannt, die Eiche.

Abrupt unterbrach Kathrin ihre Erinnerungen, setzte sich auf und spuckte das zerkaute Pfefferminzblatt in den Fluss. Ausgerechnet das Käsblatt! Was konnte man dem schon glauben? Da musste man mindestens mit Übertreibungen rechnen, bei der Lokalredakteurin.
     Doch was soll`s, es war Jahre her.

Wenn schon nicht das Schreiben, so hast du nun wenigstens etwas mit Ödön von Horváth gemeinsam, dachte sie damals, Joss zum posthumen Trost, nachdem sie sich vom ersten Schrecken erholt hatte. Dass er auch in ihrer Abwesenheit mit dem Schreiben nicht weitergekommen war, ahnte sie durch ihren sechsten Sinn – und fand dies bald bestätigt. „Höchste Ansprüche, pah!“, rief sie zum Himmel hinauf. „Damit hast du dich nur selbst verknotet und blockiert, du dämliches Genie!“ Schade um die schönen Vorbereitungen. Und um ihre Arbeit als Muse. Aber nicht ganz.
    
Nach dem Frühstück fuhr sie mit der Citybahn in die Stadt und marschierte zu seinem Haus. Löwenzahn und Vergissmeinnicht blühten im platt getrampelten Gras des Vorgartens, doch die Eiche sah aus, als sei sie beim Dorffriseur gewesen. Irgendwer hatte ihr einen Fassonschnitt verpasst. „Das wächst schon wieder“, sagte sie und zwinkerte der verhunzten Eiche zu, während sie in ihrer Handtasche kramte. Bevor sie aus der Stadt verschwunden war, hatte er sie angerufen: „Was ist mit meinem Schlüs...“
     „Weggeworfen“, hatte sie behauptet und aufgelegt.
     „Was ist mein, was ist dein, wer weiß das noch?“, trällerte sie, um ihre Beklommenheit in dem verwaisten Zimmer zu überspielen, als sie seine Zettelkästen transportfähig verpackte. Danach hatte sie ein Taxi bestellt und sich an die Arbeit gemacht.

Kathrin reckte die Arme und schaute hinaus auf den Fluss, sie begann zu frösteln. Warum kam sie sich plötzlich so beobachtet vor? An dieser Stelle des Flusses war sie noch nie einem Menschen begegnet. Sie zog den Anorak an, warf einen letzten Blick auf die Dordogne und schlenderte durch die Maisfelder nach Hause. Sie freute sich auf ihren offenen Kamin, ihr bequemes Sofa, ihren Walnuss-Aperitif und wollte ein wenig lesen, vielleicht am Abend ein paar Freunde besuchen.
  
  Die Terrassentür war aufgehebelt. Ihre Zettelkästen waren verschwunden.
     Dann legte sich eine Hand auf ihre Schulter.