Vera Hesse: Autorenhomepage

 

 

Willkommen

Wer bin ich?

 

Erzählungen

Völkerverständigung

Die Rache der Muse

Ein Massai im Sauerland

Endlich Frühling

 

Kurztexte

Kolumnen

Berichte

Romanauszüge

Links: Literatur Autoren-Homepages

Links: Bildende Kunst

Links: Politik

Gästebuch

Aktuelles

 

 

 

 

 

 

 

 

 
Roman: erste Kapitel

 

                                      

 © Coverbild und Illustrationen: Stephan Rodriguez-Warnemünde, Karlsruhe

 

                                                                   Körk!

 
A
n einem trüben Novembermorgen strebte Georg Schneider mit weit ausholenden Schritten dem Bürohaus seines Arbeitgebers zu, begrüßte die Kollegen im Lift mit den üblichen freundlichen Phrasen, stieg im sechsten Stockwerk aus und betrat das Büro wie immer um zwei Minuten vor acht, indem er die Tür so schwungvoll aufriss, dass die Sekretärin hochschreckte und einen spitzen Schrei ausstieß.
    Das tat sie seit fünfundzwanzig Jahren.
    In der Buchhaltung warf er den Trenchcoat über den Garderobenständer und stellte den Schirm ab. Doch dann, als hätte ihn jegliche Kraft verlassen, schlurfte er zu seinem Schreibtisch.
    „Guten Morgen, Herr Schneider“, sagte Kaltenbach, der   Bilanzbuchhalter, und sah ihn aus steingrauen Augen an. 
    „Morgn“, nuschelte Georg, hängte das Jackett mit dem Hahnentrittmuster über die Stuhllehne und schaltete den Computer ein. Den Bildschirm drehte er etwas nach links, damit Kaltenbach, der ihm gegenübersaß, ihn nur im Profil sehen konnte. Warum ging es ihm bloß so schlecht? Nur sein neues Ziel hielt ihn noch aufrecht. Wie mühselig war der Weg dorthin und welche Berge musste er abtragen! Müde fühlte er sich, sterbensmüde. Immer öfter legten sich diese lähmend grauen Zeiten über ihn, in denen er sich festgefahren vorkam und schwer wie ein Sack Zement. Bisher hatte er sie stoisch ausgesessen. Und dann ... eines Tages ...
    Verflucht, schon wieder vertippt. Kaltenbachs Blick bohrte sich in seine Schläfe. Sein eigener hingegen huschte über das Ziffernblatt seiner Armbanduhr. Die Anstandsstunde war verstrichen. Sofort verschwand er auf die Toilette, um einen Moment alleine zu sein.

Was für lange dünne Beine! dachte er, als er mit heruntergelassenen Hosen auf der Klobrille saß und an sich herabstarrte.
    „Du hast gar keine Waden“, hatte Erich immer gemäkelt.
    Der blonde Erich mit dem Knackpopo ... Georgs erster und bisher letzter Versuch mit einem Mann. Doch wenigstens auf diesem Gebiet war er nun frei in seinen Möglichkeiten, während der bedauernswerte Erich nicht über den Tellerrand seines Schwulseins hinausgucken konnte.


    „Untreues Schwein“, murmelte er. Je wilder Erich sich auslebte, umso eifersüchtiger hatte er Georg bewacht. Vor einem halben Jahr, im Frühling, war er dann bei diesem Jüngeren hängen geblieben.
    „Das ist der Mann meines Lebens“, verkündete er. „Der ist wenigstens treu – im Gegensatz zu dir.“
    Nun ja, Rabinowitsch war nur ein Jahr jünger als Georg, süße fünfundvierzig. Dennoch, es hatte ihn gekränkt.
    Georg spülte, klappte den Klodeckel zu und setzte sich darauf. Er sackte nach vorn, schloss die Augen und schaukelte mit dem Oberkörper, als litte er an Hospitalismus. Wann bekam er Erich endlich aus seinem Kopf? War er etwa nicht attraktiv genug? Aber selbst Erich fand, er sähe Keith Richards ähnlich, was Georg als Fan der Rolling Stones natürlich schmeichelte. Obgleich es nicht mein eigenes Verdienst ist, dachte er. Das von Richards allerdings auch nicht. Oder doch? Bei dessen Lebenswandel … Georg verließ die Kabine und stellte sich vor den Spiegel über dem Waschbecken.
    Sah so jemand aus, in dem eine wunderbare Vision leuchtete? Er fuhr sich mit den Fingern durch die borstigen, schon angegrauten Haare, die widerspenstig vom Kopf abstanden, obwohl er sie morgens mit Zuckerwasser bürotauglich strich, regelrecht an den Kopf klebte, und beugte sich nach vorn.
    Sein Gesicht war auch schon ganz grau.
    So grau wie das von Oma Ich-mach`s-nicht-mehr-lang, die unter ihm wohnte, im Erdgeschoss. Und bald würde sie noch einen Stock tiefer wohnen. „Ich mach`s nicht mehr lang“, äffte er sie nach. „Ich mach`s nicht mehr lang...!“


    Er wusch sich die Hände und glättete mit feuchten Fingern die Haare. Weitermachen, sagte er sich und warf einen möglichst zuversichtlichen Blick in den Spiegel. Nicht beirren lassen. Das Ziel im Auge behalten. Seine Vision.
    Zukunftsvision, dachte er, als er auf seinen Schreibtisch zusteuerte, vielleicht war das Wort eine Nummer zu groß. Vorstellung käme eher hin. Nur wirkte es nicht so erhebend und vorwärts treibend.
 

Mittags Punkt zwölf Uhr vier löffelte er aus dem Henkelmann, einem Erbstück des Vaters, sein warmes Essen, das er sich nach einem unveränderlichen wöchentlichen Kochplan am Abend vorher zubereitet hatte. Schließlich konnte er nicht wie die anderen in die Kantine gehen, dort standen zu viele Grünpflanzen auf den Fensterbänken und in der Blumenerde versteckt so manches Insekt. Heute, am Freitag, gab es Fischsuppe, was die albernen Büromädchen jedes Mal mit Naserümpfen bedachten. Frau Scharff, die Sekretärin, steckte ihren Kopf durch den Türspalt.
    „Mahlzeit“, rief sie, was er ebenso beantwortete. Auch Kaltenbach ging in die Kantine, und so legte er die Beine auf den Schreibtisch und döste vor sich hin.
    Eigentlich war doch alles gut so, wie es war? Selbst seinen Beruf als Buchhalter liebte er nach wie vor, und die Einzelheiten sowie die daraus gewonnene Übersicht über den des kleinen Kosmos der Import-Export-Firma fesselten ihn regelrecht. Hier hatte er eine komplexe, doch relativ abgeschlossene Welt für sich gefunden, die er bald durchschaute, und in der er sich heimisch und sicher fühlte.
    Welche Befriedigung zog er daraus, wenn am Ende des Arbeitstages alles stimmte! Nach Büroschluss war er zwar müde, doch in der Seele geordnet und wohlig entspannt. Es sei denn, es stimmte nicht auf den letzten Pfennig genau. Dann blieb er so lange in der Firma, bis er den Fehler gefunden, aufgespießt und ausgemerzt hatte.
    Aufgespießt wie die Käfer in Vaters Insektensammlung.
    Was für den pensionierten Finanzbeamten die Käfer waren, bedeuteten seinem Sohn die Zahlen, gerade dann, wenn sie nicht stimmten. Er liebte solche Herausforderungen, obwohl sie seinen Zeitplan durcheinander brachten. Ja, Vater hatte damals recht getan, ihm die Laufbahn eines Buchhalters schmackhaft zu machen, die Kugel Georg auf die Bahn zu setzen und ihr einen Schubs zu geben. Da rollte er nun ... und rollte unermüdlich, ohne Widerstand. Georg fand es gar nicht so übel, wie von selbst, in einer Art Vakuum zu rollen. Das kam ihm gerade zupass, er brauchte seine Kraft für Höheres.
    Vaters Schätze hatte Georg nach dessen Tod vor zwei Jahrzehnten beim Entrümpeln der Wohnung in den Müllcontainer befördern lassen. Nur die Möbel und den Zimmerschmuck nahm er in die neue Wohnung mit, in der er heute noch hauste.
    Sein Rücken begann erneut zu schmerzen, er stand auf und schaute hinaus. Leider verstellte ihm die düstere Backsteinmauer eines Mietshauses den Blick. Selbst die Fenster waren zugemauert.
    Als sich Frau Scharff aus der Mittagspause zurückmeldete, begab sich Georg in die Büroküche und brühte Kaffee auf. Die Kaffeemaschine schien verkalkt zu sein, das Wasser tröpfelte nur noch in den Filter. Plopp – plopp machten die Tropfen und je mehr er sie anstarrte, umso dösiger wurde es ihm im Kopf. Wie mein Leben, dachte er. Plopp – plopp ... und plötzlich schwappt doch wieder alles über. Er gähnte, reckte die Arme hoch zur funzeligen Deckenleuchte und schaute auf die Armbanduhr. Zwölf Uhr einundfünfzig. Hastig schrubbte er die schmutzigen Tassen ab. Nebenan raschelte Kaltenbach bereits mit den Papieren.
    Yvonne lehnte in der Tür, die zweite, jüngere Sekretärin; ihr Mund so ro…sa. Einmal, auf dem Betriebsausflug, hatte sie es sehr genossen, als er ihr den Lippenstift ableckte, doch dann war Kaltenbach dazwischengegangen.
    „Kaffee fertig?“, fragte sie.
    „Pünktlich wie immer.“ Er goss die Tassen voll, stellte sie auf das Tablett, damit Yvonne sie verteilen konnte und setzte sich an den Schreibtisch. Die ordentlichen Zahlenkolonnen auf dem Bildschirm beruhigten ihn. Fast fühlte er sich wohl.

Nach Büroschluss betrat er um zwei Minuten nach fünf den Fahrstuhl. „Feierabend“, sagte er zu dem unscheinbaren Mann aus der Registratur.
    „Wieder eine Woche rum“, antwortete dieser.
    „Ja, ja, so vergeht die Zeit, Holger“, seufzte Georg und zwinkerte ihm aufmunternd zu. Schlagartig erstarb jedoch das Lächeln, als er auf der Wand gegenüber das Insekt entdeckte. Er starrte auf den fetten, schwarz glänzenden Käfer, der im Zickzack die Wand hochkrabbelte. Schweiß rann seine Achselhöhlen hinunter, die Aktentasche rutschte durch die feuchten Hände und schlug dumpf zu Boden. „Mach das weg!“, stieß er hervor und hoffte, peinlich berührt über sich selbst, durch Lautstärke wenigstens das Zittern seiner Stimme zu überspielen. Holger, verwirrt über die schroffe Art Georgs, klaubte den zappelnden Käfer von der Wand, Georg schrie, er solle drauftreten, doch da hielt der Aufzug bereits im Erdgeschoss. Georg bückte sich nach seiner Tasche und floh auf die verregnete Straße hinaus, ohne ein schönes Wochenende zu wünschen.
    Georg war Phobiker, was Insekten mit Beinen betraf.
    Und so drehte sich ein großer Teil seines Lebens darum, jeden Grashalm, jede Blume, jeden Busch und jeden Baum weitläufig zu umgehen, um eine mögliche Begegnung mit „Krabbelzeug“, wie er sich ausdrückte, zu vermeiden. Was nicht immer gelang. Sobald sich ihm Käfer, Ameise oder Spinne in neutraler, wenn nicht sogar freundschaftlicher Absicht näherten, wurde er von einer schweißtreibenden Panikattacke ergriffen, und sein Herz schlug dermaßen wild gegen seinen Brustkorb, als wollte es raus, nur noch raus und nichts wie weg. Fliegen, Mücken und Nachtfalter hielt er sich durch Fliegengitter vor den Fenstern vom Leibe, wenngleich sie ihn weniger ängstigten, weil sie vorwiegend flogen, statt zu krabbeln. Doch konnten sie jederzeit anfangen zu krabbeln, was er aber mit der Fliegenklatsche zu verhindern wusste.
    Wie erwartet kam bald der Bus. Grußlos stieg er ein, während der Busfahrer wegen des ungewohnten Verhaltens Georgs diesem ein „Sauwetter, was?“ nachrief. Er antwortete nicht, sondern fixierte den Fahrgast, der auf seinem, Georgs angestammten Platz saß, und erst als er sich seines befremdlichen Benehmens bewusst wurde, setzte er sich verärgert woanders hin und schlug den Reiseteil der Zeitung auf. Nein, nicht wieder das, dachte er, als es ihn juckte, weil sich ihm das Bild des Käfers aufdrängte. Er faltete die Zeitung säuberlich zusammen, schob sie zurück in die Tasche und kratzte sich verstohlen, doch das machte die Sache nur noch unerträglicher. An seiner Station stieg er aus und ging nicht einmal mehr zum Kiosk, um Getränke zu holen, sondern zügig nach Hause. Im überdachten Hauseingang schüttelte er den Schirm aus und putzte sich gründlich die Füße ab.

Die fette Frau Klütsch, die samt Kinderschar über ihm wohnte, hatte gerade, wie jeden Freitagnachmittag, das Treppenhaus gereinigt – ihr Zubrot; vom Sozialamt allein konnte man schließlich nicht leben. Statt nach Kohl roch es heute nach Schellfisch im Meister Proper-Sud. Freitag. Georg trat möglichst nur auf die bereits getrockneten Stellen der dunkelroten Holzstufen und öffnete die Wohnungstür.
    Ein sonderbarer Geruch schlug ihm entgegen. Er zog die Pantoffeln an und riss umgehend die Fenster in Küche und Wohnzimmer auf. Vermutlich hatte er vergessen zu lüften. So etwas war noch nie vorgekommen.
    Nachdem er sich unter der Dusche ausgiebig gekratzt und anschließend eingecremt hatte, schlüpfte er in den Bademantel. Hoffentlich kam es nicht wieder so weit, dass er Terpentinbäder nehmen musste. Danach startete er sein gewohntes Programm: Abendessen, abwaschen, ein wenig aufräumen. Als er sich selbst dabei zusah, wie er nur noch sinnlos an der Schrankwand herumpolierte, hörte er damit auf und schloss die Fenster. Er setzte sich in den braunen Cordsessel und nahm sich die ZEIT vor. Bis kurz vor der Tagesschau waren die einzigen Geräusche in der Wohnung das Rascheln der Zeitung und das Schnippen seiner Schere; vor ihm lag ein neuer Stapel ausgeschnittener und aufgeklebter Artikel.

Nicht gerade freiwillig, sondern eher mit liebevollem Widerwillen, schwankend zwischen lustvollem Zwang und zwanghafter Lust, widmete Georg sich seinen Zeitungen. „Sadomasochistisch“, hatte Erich das genannt. Und „Ersatz für das wirkliche Leben“.
    Damals, als Erich bei ihm wohnte, wuchsen die Zeitungsberge an, weil Erich ebenfalls seine Zeit beanspruchte – im doppelten Sinne. Erich hatte ihn nicht nur oft von seinen gewohnten Zeitungsstunden abgehalten, er brachte auch die ZEIT durcheinander. Freiberuflich für die Werbung arbeitend, hielt er sich vorwiegend zu Hause auf, und so war es Georg nicht möglich zu verhindern, dass Erich nachmittags in der Zeitung herumwühlte und sie als zerknüllten Haufen liegen ließ. Alles, was Georg dagegen unternahm, sie zum Beispiel mit ins Büro zu nehmen, fasste Erich als persönlichen Affront auf. Selbst ein eigenes Abonnement für ihn hätte Georg nichts genutzt. Erich musste seine ZEIT durcheinander bringen. Nichts und niemand konnte ihn dazu veranlassen, sie wenigstens wieder zu ordnen und glatt zu streichen.
    Georg vermutete Renitenz dahinter, verdeckte Rebellion gegen sein exakt geplantes Alltags- und Haushaltsprogramm. Falls die Arbeit überhand nahm, in rasender Eile, im Zeitraffer. Ja, sicher, er hatte sich mit den Jahren in einem Spinnennetz aus zeitlich festgelegten Gewohnheiten verfangen, so sehr, dass er gerade noch darin zappeln konnte. Selbst gestern Abend, als er unter seinem alltäglichen Arbeitsberg zu ersticken drohte, war er von seinem Zeitplan nicht abgewichen. Sogar die Schrauben, Gummibänder und Briefklammern hatte er endlich geordnet und nach Größe penibel voneinander getrennt – und poliert! Was sich bei den Gummibändern als schwierig herausstellte; nachdem er sie aber mit Bohnerwachs eingeschmiert hatte, war ihm auch dies gelungen.
    Freu dich gefälligst, sagte er zu sich selbst. Nicht nur sein Haushalt war wie eh und je bis ins Kleinste geordnet. Obwohl sich die noch nicht durchgesehenen Ausgaben der ZEIT mal wieder stapelten und ihn bedrängten, hatte er sogar – man glaubt es kaum – einen Teil seines Rückstands eingeholt, also einen doppelten Sieg errungen! Kein Wunder, dass er gestern vor Erschöpfung nicht einschlafen konnte, sich wie überdreht fühlte, nach solch einem Sieg!
    Er gab ja zu, dass er einige Marotten hatte und innere Zwänge, doch war es ihm lieber, wenn die nicht jeder mitbekam. Die gestrige Idee mit dem Bohnerwachs allerdings erheiterte selbst ihn, und er redete sich ein, sie sei Selbstironie. Zuweilen brauchte er solche Übertreibungen, um seine Macken normal nennen zu können – zumindest vergleichsweise.
    Seine Zeitungsarbeit fiel allerdings nicht darunter.
    Die ZEIT beanspruchte ihn, als gründlichen Leser, besonders am Wochenende, stundenlang. Vielmehr, früher war er ein gründlicher Leser gewesen. Nach der Lektüre hatte in seinem Kopf ein unzusammenhängendes Fakten- und Meinungsgewirr getobt, als brauste ein orientierungsloser, verrückt gewordener Bienenschwarm durch seine Gehirnwindungen. Dies wiederholte sich nicht nur von Woche zu Woche, sondern steigerte sich insofern, als der Bienenschwarm zu explodieren drohte. Am schlimmsten erschienen ihm alles Neue und die permanenten Veränderungen in der Welt. Am laufenden Band musste er endlich Gewusstes umstoßen. Dies vermittelte ihm das Gefühl, er sei ein Esel auf Glatteis. Doch es reichte schon, dass er sich unmöglich alle Einzelheiten merken und zugleich den Überblick behalten konnte. Bald wünschte er sich nichts mehr als eine Zeitung, die jede Woche nur ein einziges Thema behandelte statt die unterschiedlichsten Themen hintereinander, was ihm wie gleichzeitig vorkam.
    Ja, und damals, als Erich ihn verlassen hatte und er in diesem düsteren Seelenloch hockte, flog ihm eine glorreiche Idee zu, die ihn wie ein verheißungsvoller Lichtstrahl durchfuhr: Er beschloss, sich ein Archiv anzulegen. Freudig erregt kaufte er dreißig Aktenordner, Klebstoff und Papier, räumte in seiner Kammer ein Regal frei und nannte sie jetzt Aktenzimmer.
    Nun steigerte er erst einmal sein Lesetempo, aber er musste ja nichts davon im Gedächtnis behalten. Alle gelb markierten, ausgeschnittenen Artikel klebte er auf gelochtes Papier und sortierte sie je nach Gebieten in die Mappen ein. Nur an den Sonntagen gedachte er, sich jeweils ein Thema vorzuknöpfen und sich gründlich mit ihm zu befassen. Das wäre doch gelacht, wenn er auf diese Weise nicht das Chaos in den Griff bekäme! Allerdings musste er nach dieser Methode nahezu jeden Artikel doppelt lesen.
    Bald hinkte er mit seiner Vorarbeit dem anwachsenden Berg ungelesener Zeitungen hinterher, zudem türmten sich die noch nicht eingeklebten Artikel zu einem weiteren Berg auf. Fast wäre er wieder zurück ins Loch gefallen, wenn ihn diese Drangsal nicht auf eine zweite glorreiche Idee gebracht hätte.
    Er las die Zeitung überhaupt nicht mehr.
    Seine Blicke huschten jetzt nur über die Artikel, dann setzte er seine übliche Arbeit mit ihnen fort. Sorge bereitete ihm allerdings, ob er noch mit Lesen nachkäme. Aber dieser Druck, der wie ein gepanzertes Tier auf seinem Nacken lastete, triebe ihn vorwärts, glaubte er. Eine kleine Lösung war immerhin, dass er im Bus den Reiseteil las, während er den Sportteil fortwarf. Bald kaufte er sich sogar zwei Exemplare der ZEIT, damit er deren Rückseite nicht fotokopieren musste.
    Eine große Lösung fand er nicht.
    Aber er hatte Großes vor. Zweifach Großes neuerdings. Worüber er jedoch nicht sprach. Nur einmal am Telefon mit Erich, was Georg nachhaltig darin bestärkte, fortan darüber zu schweigen: Solch zarte Ideenpflänzchen sollten in aller Ruhe wachsen können, damit tumbe Klötze wie Erich sie nicht zertrampelten.

    Früher allerdings hatte er sich insgeheim nach einem anderen Leben gesehnt. Von Zeit zu Zeit brach dieses unruhige Rumoren aus ihm heraus … Dann entwickelte er einen Plan, wie er sein Leben ändern könnte und damit sich selbst, oder sich selbst und damit sein Leben. Vergebens, seine Bemühungen mündeten in ein großes WAS SOLL`S.
    Doch seit seine glorreiche Idee ihn erfüllte, fand er das Leben erträglich, denn zur zwar sicheren, wenn auch freudlosen Aussicht des Immergleichen war eine ihn erfüllende Zukunftsvision hinzugekommen. Vom Aufwand her eine wahre Lebensaufgabe, deren Früchte er im Rentenalter ernten und genießen wollte.
    Und das alte Rumoren in ihm, das sich zwar grollend zurückzog, aber nie ganz verschwand, schien er durch dieses Hinarbeiten auf die Zukunft endlich gedämpft zu haben. Denn mithilfe seiner glorreichen Idee hatte er es endlich geschafft, seinen Traum von einem anderen Leben totzuschlagen. Er durfte weitermachen wie bisher – und sich das Gegenteil vorgaukeln.
    Doch trotz all seiner wunderbaren Aussichten holte ihn zunehmend die bleierne Variante des WAS SOLL`S ein ...

Georg brachte die ausgeschnittenen Artikel ins Aktenzimmer. Erich gegen eine Lebensaufgabe – ein guter Tausch. Heute Abend hatte er wieder einmal standhaft an ihr gearbeitet.
    Er schlappte in Pantoffeln in die Küche und goss sich ein Glas kalte Milch ein. Wenn er als Achtjähriger seine Großmutter besuchen musste, hatte sie ihm Milch immer lauwarm serviert und darauf geachtet, dass er die eklige Haut nicht unter die Tischplatte schmierte. Sie schien tausend Augen zu haben, mit denen sie jede seiner Regungen verfolgte. Bis sie erblindete und er die Haut an ihre Kittelschürze klebte, wenn sie neben ihm stand und die Unterseite der Tischplatte befingerte. „Du bist lieb, Oma“, hatte er dabei gesagt und ihren Rücken gestreichelt. Auch Großmutter war schon lange tot. Wieso „auch“? Er selbst lebte immerhin noch, obwohl es oft nicht danach aussah. Georg hielt das leere Milchglas unter den Wasserstrahl und stellte es ins oberste Fach der Spülmaschine. Was roch das bloß so komisch ... Er stellte das Fenster auf Kippe und blieb unschlüssig in der Küche stehen. 
    Eine Minute vor acht legte er sich aufs Cordsofa, deckte sich mit der Wolldecke zu und sah sich die Tagesschau an. Plötzlich griff er nach der Fliegenklatsche und schlug zu. Die Beine der auf dem Rücken liegenden Fliege zuckten noch, er verpasste ihr den Gnadenschlag.
    „Das ist ja wohl die Höhe“, zischte er. „Im November hat`s  euch nicht mehr zu geben!“ Erst dieser Käfer, schon musste er sich wieder kratzen, und jetzt das. Dabei hatte er sich so auf die insektenlose Zeit gefreut!
    Wollte er sich wirklich diese ölige Schmonzette aus den frühen Fünfzigerjahren zumuten? Mit welch seltsam hohen Stimmen die Männer sprachen, als hätten sie Helium eingeatmet, während die Frauen piepselten. Nun fing eine von ihnen noch an, ihre Rockzipfel hin und her zu schwingen und zu tanzen! Die Fliegenklatsche fest im Griff, starrte er auf den Bildschirm, sprang schließlich auf und stellte die ihre Beine herumwerfende Marika Röck ab, bevor sie vollends durch den Fernseher brach. Legte sich wieder auf die Couch und döste ein.

Über ihm polterten die Blagen von Frau Klütsch, die wie so oft nicht ins Bett zu kriegen waren. Erschrocken schaute er auf die Uhr. Die Tagesthemen hatte er, Gott sei Dank, nicht verpasst, sie fingen erst in zehn Minuten an. Doch die Zeit bis dahin schien ein zähflüssiger, vor sich hinschlurfender Brei zu sein, den er stromaufwärts durchwaten musste.
    Todmüde, wie er war, wäre er gerne schlafen gegangen. Allerdings ging er immer erst nach den Tagesthemen ins Bett, nie vorher. Obwohl er sich zusammennahm, starrte er bald mit leerem Blick in das Flimmerlicht des Bildschirms hinein. Sein linkes Bein zuckte. Was hatte Saddam Hussein gerade gesagt? Überhaupt, was suchte der denn wieder in den Nachrichten? War der Golfkrieg nicht seit acht Jahren vorbei? Warum grinsten diese Uniformen, die ausgestopft mit ihm am Tisch saßen? Wie auf Befehl. Und dieser wuchernde Schnauzbart! Als würde er leben und jeden Moment über Saddams Gesicht krabbeln. Georg stellte sich vor, wie dieses vogelspinnenartige Vieh auf Saddams Wange hockte und sich putzte. Der Schweiß brach ihm aus und er schaltete den Fernseher wieder ab.
    Auch Erich trug so einen dämlichen Schnurrbart, doch sein Gesicht sah dafür leider nicht intelligent genug aus. So intelligent, dass ihm selbst ein Schnäuzer nichts anhaben konnte. Wie Einstein zum Beispiel. Einmal hatte ihn Erich dabei erwischt, wie er ihm nachts, als er schlief, das Ding mit der Nagelschere abschneiden wollte. Sofort bekam Erich einen hysterischen Anfall und kreischte das ganze Haus zusammen, das er dann wochenlang nicht mehr verließ, bis die ramponierte Hälfte endlich nachgewachsen war.
    Als Georg sich nach dem Zähneputzen wie immer Schnupfenspray in die Nase spritzte, fiel sein Blick in den Badezimmerspiegel. Leuchtete in ihm nicht – seine wunderbare Vision? Auch wenn man es nicht sah.
    Wieso aber ging es ihm dann so schlecht?
    „Ich habe eine Lebensaufgabe!“, sprach er in den Spiegel hinein. „Eine, die wirklich mir entspricht. Wer hat die schon?“ Dann griff er in die Mundwinkel und zog sie hoch. Warum konnte man die nicht festnageln? Er ließ sie wieder nach unten flatschen. Lieber nicht, das Zahnfleisch zog sich immer mehr zurück.
    „Glück ist für mich bloß noch ... die Abwesenheit ... dieses wattigen und doch lastenden Gefühls“, murmelte er, „und die Abwesenheit von Krabbelzeug natürlich.“
    Scheißglück, dachte er und ging ins Schlafzimmer, um den Pyjama anzuziehen.
    Irgendwie roch es. Nicht nur komisch, sondern ekelhaft süßlich. Ich habe doch das Fenster aufgelassen, wunderte er sich und knöpfte die Schlafanzugjacke zu. Den Wecker stellte er auf eine Stunde später als üblich, morgen war schließlich Samstag.
    Gähnend schlug er das Plumeau zurück. In seinem Bett lag ein Riesenkakerlak und starrte ihm aus tassengroßen Komplexaugen ins Gesicht.
    „Hello“, knarzte er.

 

 
Georg raste das Herz in besinnungsloser Angst und wollte ihm wie ein Alien aus dem Brustkorb springen. Ihm wurde schwarz vor den Augen, in seinen Ohren zirpten tausend Grillen. Das Blut wich vor Grauen in die tiefsten Winkel seines Körpers zurück. Mit letzter Kraft sank er auf den Teppich, statt wie ein gefällter Baum auf die Bettkante zu krachen. Das Zirpen verwandelte sich in säuselnde Harfenklänge, dann hörte auch das auf und Georg schwebte hinweg in selige Gefilde. Nein – eher unselig.
    Als Erstes hörte er aus eisiger Ferne eine angenehme Bass-Stimme, unterlegt mit einem befremdlichen Knarzen.
    „Entschuldigung“, sagte die Stimme mit amerikanischem Akzent. „Es tut mir leid, ich wollte dich nicht erschrecken! Ist das etwa dein Schlupfwinkel? Sorry, das wusste ich nicht.“ Als Georg sich nicht rührte, wartete der Kakerlak eine Weile und sah auf ihn herab. „Wieso liegst du da so starr? Ist es dir zu kalt? Ich kenne das“, knurrte er und schob ein Stück Plumeau über ihn, „aber wo soll ich denn hin? Mit meiner Größe kann ich`s mir nicht aussuchen. Eigentlich mag ich es nur dunkel und feucht zugleich, doch hier ist es wenigstens dunkel und warm.“
    Georgs Gliedmaßen kribbelten, als hätten die Grillen seine Ohren verlassen und spazierten nun in Armen und Beinen herum. Sein Blut wagte sich wieder hervor und begann erneut zu kreisen, das Schwindelgefühl legte sich. Er setzte sich vorsichtig auf.
    „Na, siehst du, die Wärme des Federbetts hat dir gut getan“, freute sich der Kakerlak.
    Georgs Unterkiefer klappte auf und zu. „Rühr dich nicht!“, stammelte er. „Erspar mir deinen Anblick!“
    „Okay, okay“, beschwichtigte ihn das Insekt und kroch so tief ins Plumeau hinein, dass Georg nur noch die Fühler sah. „Du bist auch nicht gerade eine Schönheit“, behauptete es mit nun gedämpfter, aber trotziger Stimme, „dennoch würde ich ein wenig rücken. Das Bett ist doch groß genug für uns beide!“ Statt Georgs Antwort vernahm der Kakerlak das Knallen der Tür. Die Erschütterungen erschienen ihm wie ein Erdbeben, zitternd klammerte er sich am Kopfteil des Polsterbettes fest. „Oh no, that`s too much!“, knarzte er.

Georg stand im Flur – und gleichzeitig neben sich. „Ich habe mit einem Kakerlaken gesprochen!“, sprach er vor sich hin. „Einem Kakerlaken!“ Ohne eine Miene zu verziehen, kicherte er. „Ich habe ...“ Während er im Flur zu versteinern drohte, stopfte der andere Georg die Zahnbürste in die Aktentasche, Kamm, Rasierzeug, Geld, Kreditkarte, Hausschlüssel, Personalausweis und zog Straßenkleidung über den Schlafanzug. Beide verließen die Wohnung, indem sie die Haustür heftig zuwarfen und mieteten sich in einem Mittelklassehotel in der Nähe ein, ohne recht zu wissen, wie sie dort hingekommen waren. Die Formalitäten an der Rezeption brachten Georg jedoch wieder zu sich und ins hoteleigene Neonlicht der Realität hinein. Sein Alter Ego trat zurück in seinen Leib. Die Knie fühlten sich an wie ... schwabbeliges Gezadder, dachte Georg, was immer das auch sein mochte. Die Empfangshalle schwankte wie auf wogender See.
    Er sank in einen tiefen Sessel, ließ sich ein Päckchen Zigaretten kommen, riss es hastig auf, wobei er einige Zigaretten zerbrach. Mit zittrigen Fingern rauchte er gleich drei hintereinander. Wie flüssiges Metall schoss das Nikotin durch seine Adern, ihm wurde schwindelig. Es schmeckte wunderbar. Seit fast zwei Jahren hatte er nicht mehr geraucht. „Wusste ich`s doch, von alten Gewohnheiten kannst du eben nicht lassen“, hörte er Erich sagen. Aber Erich konnte ihm gestohlen bleiben. Von Herrn Rabinowitsch.
    Was nun?
    Er schnappte seine Aktentasche und stieg die Treppen hinauf. Sobald er den Schlüssel umgedreht hatte, knipste er sämtliche Lampen an und vergewisserte sich, dass unter der Steppdecke niemand lag. Dann warf er sich aufs Bett.
    Es war so still! Nur die Sprungfedern quietschten.
    Plötzlich schüttelte es ihn vor Furcht und Ekel und er glaubte, der Geruch des Insekts habe sich in seinen Kleidern eingenistet. Augenblicklich riss er sie sich vom Leib, hängte sie vor das geöffnete Fenster und verschwand unter die Dusche. Das brühendheiße Wasser prasselte auf seine Haut und er fragte sich, wieso er sich nicht kratzen musste, wenngleich er am ganzen Körper zitterte, als litte er an Parkinson. Er musste an Doktor Kaeferböck denken. Fast sehnsüchtig, als hätte er eine Chance vertan, vermasselt, und das für alle Zeiten. Sollte er vielleicht doch …

Im letzten Jahr war er einmal bei dem Verhaltenstherapeuten in Behandlung gewesen. Den hatte er sich extra wegen des Namens ausgesucht, der ihm Expertentum versprach. In einem Anfall von Mut stellte er sich als erste Stufe seiner Heilung vor, sich an den Anblick des Doktors zu gewöhnen. Fast enttäuscht musste er feststellen, dass Dr. Kaeferböck nichts Käferhaftes besaß, keine kleinen schwarzen Knopfaugen, sondern wässrig blaue, keine gestikulierenden Arme wie seine Mutter, sondern ruhig auf dem Schreibtisch liegende. Dr. Kaeferböck wollte ihm so bald wie möglich fiese Tiere auf den Handrücken setzen. Nachdem sie wochenlang darüber geredet hatten, sah Georg es endlich ein. Der Doktor behauptete, man könne sich durchaus an Neues, sogar an Unheimliches, Fremdes gewöhnen, es sei gar nicht so schlimm. Und wenn man dies einmal erfahren habe, dann sei die Furcht größtenteils, wenn nicht endgültig besiegt. Georg erinnerte sich an den Titel eines Buches aus seiner Jugendzeit: Wo die Angst ist, geht`s lang. Insekten ohne Beine erzeugten in ihm bloß unangenehme Gefühle, allerdings ekelte er sich vor manchen. Also wollte der Doktor auf der Stufe des Ekels anfangen, bevor er auf der höheren Stufe der Angst fortzufahren gedachte. Für Georg lief es auf dasselbe hinaus. Zumindest, solange er in Dr. Kaeferböcks Praxis saß und auf den Schreibtisch starrte. Dort, wie von Christo verhüllt, stand ... keine Miniaturausgabe des Reichstags – obwohl der Doktor als Kunstfreund galt –, sondern ein Behälter, über den er ein Stofftaschentuch geworfen hatte. Georg wusste, was da drin auf ihn wartete, und als Kaeferböck das Ding enthüllte, sah er, was er gewusst hatte. Eine heiße Welle schoss ihm durch den Körper, als sei er in den Wechseljahren.
    „Kleine Schritte muss man machen, kleine Schritte“, ermutigte ihn Dr. Kaeferböck und so näherte sich Georg bei jedem seiner Besuche, mit jeweils einem kleinen Schritt mehr, dem fest verschraubten Marmeladenglas, in dem der Tabakwurm auf ihn lauerte, nein, sich harmlos ringelte, wie Dr. Kaeferböck meinte.
    „Ringeln“ hätte er vielleicht nicht sagen sollen. Georg dachte sofort an Tausendfüßler, die sich zusätzlich zu ihrem Getrappel auch einmal ringelten.
    „Getrappel?“, fragte der Doktor nach.
    „Mir reicht allein der Anblick, da hör ich`s schon.“
    Der Wurm allerdings, groß und fett wie eine Nacktschnecke, konnte sich gar nicht richtig ringeln und sah aus, als hätte ihn jemand um seine eigene Achse gedreht. Wie ein Tau, nur schlabbriger. War das überhaupt ein Wurm? Nicht doch eher eine Raupe ... und besaßen Raupen nicht Beine? Obwohl Stummelbeine ... oder bloß Stummel ... also keine Beine? Vor Aufregung entglitt Georg die Erinnerung. Zudem wollte er sich nicht daran erinnern und so vermied er es, später im Lexikon nachzuschlagen.
    Erst der Wurm, dann der Schrecken aller Schrecken, die krabbeligen Viecher mit Beinen, so lautete die Abmachung. Eines Tages hielt Georg das geöffnete Glas in den Händen. Immerhin! Nach diesem Erlebnis wurde er in einen euphorischen Zustand katapultiert. Anflüge von Größenwahn durchpulsten ihn und weiteten seine Brust. Wäre ihm ein Käfer begegnet, er hätte ihn vor Freude abgeküsst. Leider traf er keinen, denn es goss in Strömen; auch der Himmel schien mal wieder den Kanal voll zu haben, wie Georg, bevor er den Plan fasste, Dr. Kaeferböck aufzusuchen. Fast wäre er auf eine Schnecke getreten. Auf einem Bein umhüpfte er sie und platschte dafür mit dem anderen, die Balance verlierend, in einen sich auflösenden Hundehaufen.
    Beim nächsten Mal würde er mutig sein und dem Doktor seinen empfangsbereiten Handrücken entgegenstrecken, nahm er sich vor.
    In der Nacht darauf hatte er einen Traum. Einen wunderbaren Traum: Er stand als Held nackt auf einer taunassen Wiese, umringt von einer klatschenden Menschenmenge. Auf seinem Körper krochen Käfer, Spinnen, Raupen, über seine Füße zogen Schnecken ihre Schleimspuren, Regenwürmer kitzelten seine Fußsohlen – und er fand das herrlich! Nicht nur herrlich, er brauchte das regelrecht! Ohne das wäre er todunglücklich gewesen. Kamilla, seine Mutter, stand ebenfalls unter den Applaudierenden.
    „Trotzdem, gewöhn dich nur nicht zu sehr daran“, ermahnte sie ihn. „Es gibt noch unzählige andere Dinge, für die wir uns öffnen sollten. Die Welt ist so bunt und vielfältig, das ahnst du gar nicht, mein Sohn!“ Und ob er das ahnte.
    Nur einer klatschte nicht. „Hör nicht auf sie“, sagte sein Vater. „Der Alltag ist schon chaotisch genug. Wir haben alle Hände voll zu tun, Ordnung hineinzubringen.“ Dabei bückte er sich, zählte jeweils zehn Grashalme ab, kämmte sie und verband sie mit einer Büroklammer. Dabei wuchs ihm ein langer Bart, sein Körper wurde knochig und schrumpfte, seine Haut runzelte sich, er glich mehr und mehr einer vertrockneten Pflanze. Ein Kind kam mit einer Gießkanne angerannt – doch zu spät – nur ein Häufchen pulverisiertes Haar und Knochenmehl blieb vom Vater übrig. Kamilla blies hinein, der feine Staub wirbelte auf, ein Wind nahm ihn mit sich in die weiten Lüfte.
    „Mehr kann ich nicht für ihn tun“, bedauerte sie, verwandelte sich in einen grüngold glänzenden Skarabäus und lief in Zickzacklinien davon.
    Schwungvoll wie immer hatte er tags darauf Dr. Kaeferböcks Praxis betreten.
    „Ich bin bereit“, eröffnete er ihm.
    Nach ein paar einleitenden Worten stellte der Doktor das Glas mit dem Tabakwurm auf den Schreibtisch. Georg war, als setzte sein Herz aus, doch er bezwang seine Furcht. Dr. Kaeferböck griff ins Glas, legte sich den fingerlangen Wurm auf den Handrücken und lächelte Georg aufmunternd zu. Der Wurm hakte sich fest und sonderte grünen Schleim ab. Georg drehte sich der Magen um, eine imaginäre Waschfrau versuchte ihn auszuwringen. Sein Herz pochte, und die Schweißdrüsen taten, was sie konnten.
    „Und nun zu Ihnen“, sagte der Doktor.
    Georg sprang abrupt auf, preschte durch die Tür und ließ sich nie mehr blicken.
    Später bedauerte er sein Versagen, aber solange er sich vorwiegend im Büro und in seiner Wohnung aufhielt, lebte er in relativer Sicherheit.
    Das Leben draußen vor der Tür vermisste er sowieso kaum, redete er sich ein, es erschien ihm ebenso grau wie das eintönige Privatleben in seiner Dreizimmerwohnung – und gleichzeitig chaotisch, unübersichtlich und grellbunt wie die Tapete im Eiscafé, von der ihm immer schwindelig wurde wie nach mehreren Schnäpsen. Dieser Widerspruch verwirrte ihn dermaßen, dass er lieber nicht weiter darüber nachdachte. Ihm reichte es schon, sich die Außenwelt und ihre Angebote nur vorzustellen, sogleich fühlte er sich wie damals als Kind  auf dem Kettenkarussell, in dessen Raserei die farbenfroh gekleidete Menschenmenge, die Häuser und Bäume, der Fluss samt Promenade, die Altstadt und der wolkenverhangene Himmel vor seinen Augen zu einer undefinierbaren Farbe vermengt, regelrecht vermanscht wurden.
    Er konnte also auf das Leben da draußen gut verzichten. Umso leidenschaftlicher schwelgte er in dem Leben, das seine Wochenzeitung vor ihm ausbreitete.
Georg patschte aus dem Hotelbad. „Wie geschmacklos“, murmelte er, das Bettzeug betrachtend. „Bonbonrosa Rosen und Rüschen!“ Weil er auf dem Zimmer keine Minibar fand, beschloss er, an der Hotelbar einen Wodka zu trinken, oder zwei. Nein, genau drei.

 


Georg schoss auf die Theke zu und schob den Barhocker unter seinen Hintern. Auf dem Regal vor der Spiegelwand lockten die Flaschen mit goldgelb schimmerndem Inhalt, blauem, grünem, rotem, dazwischen aber auch Farbloses. Er schaute sich um. Der einzige Gast in diesem großen schummrigen Raum verließ gerade eine der Sitzecken.
    „Wodka!“, befahl Georg dem Barkeeper und kippte den ersten in sich hinein. Was fehlte ihm? Ein klarer Kopf. Also darüber nachdenken, wie er den grausigen Plattkäfer wieder loswerden könnte. Die Feuerwehr – verwarf er sofort. Welches Aufsehen erregte er damit in der Nachbarschaft! Nachher glaubten sie noch, seine Wohnung sei dermaßen verdreckt, dass er sich einen Kakerlaken dieser monströsen Größenordnung nur selbst herangezüchtet haben konnte.
    Der Kammerjäger – kam ebenfalls nicht infrage. Die benötigte Ladung Gift würde aus der Wohnung kontaminiertes Gelände machen, unbewohnbar, wer weiß, wie lange! Kehrte er zu früh zurück, bekäme er sicher Krebs oder einen Hirnschaden. Oder gleich beides.
    Allerdings war sie jetzt ebenso unbewohnbar, also doch ...
    Und wohin mit der Leiche? Zersägen?
    Der Barkeeper polierte Gläser und schaute ins Leere.
    „Ha!“, rief Georg und schlug mit der flachen Hand auf die Theke.
    „Komm ja schon“, rief der Barkeeper.
    Klebefalle, dachte Georg.
    Und dann?
    Während er am zweiten Wodka nippte, tauchten brüllende Militärbefehlshaber mit quäkenden Walkie-Talkies vor ihm auf, knatternde Hubschrauber, rasselnde Panzer, mobile Einsatztruppen mit Sturmgewehren! Diese Vorstellung entsprang Hollywoodfilmen über gigantische Insekten, die er sich oft interessiert angesehen hatte. Dabei fühlte er sich wie ein Träumer, der den grässlichsten Horrortraum genießen kann, weil er weiß, er träumt ja bloß, in Distanz zum Geschehen, und damit in wohliger Sicherheit.
    Brutale Idee, dachte er und verwarf sie.
    „Entschuldigung“, hatte das Insekt gesagt. 
    Eine Weile stierte er ratlos in sein Glas. Als er aufblickte, bemerkte er die Frau. Sie saß zwei Barhocker weiter, schaute ihn durch ihre Hornbrille freundlich an und prostete ihm zu. Klein und dünn, registrierte Georg und wandte den Blick ab. Wie seine Mutter. Ebenso jung, wie sie damals war, bevor ... Zwischen fünfunddreißig und vierzig schätzte er sie.
    „Entschuldigung“, die Frau lächelte, „sind Sie auch fremd in der Stadt?“
    „Ja ... nein, ich bin von hier“, stieß er hervor und nestelte an der Krawatte. „Ich – äh – hab Besuch zu Hause.“ Aus seinen Eingeweiden bahnte sich ein verzweifeltes Gelächter den Weg nach oben und bevor es den Mund verließ, erstickte er es im Wodka. Der schwappte aus dem Glas und lief ihm am Kinn hinab. Mit dem dritten Streichholz gelang es ihm endlich, eine Zigarette anzuzünden. Der Qualm reizte seine Augen, und ihm schossen die Tränen hervor. Angestrengt fixierte er die kupferfarbene Lampe über der Theke.
    „Sie sehen sehr entnervt aus. Sind Sie wegen Ihres Besuchs hierher geflüchtet?“ 
    Er wich ihrem neugierigen Blick aus. Aber das Schweigen zwischen ihnen fand er nicht unangenehm, und so sah er nach einer Weile wieder zu ihr hin. Sie zwirbelte an ihren langen kastanienbraunen Haaren, dann rutschte sie vom Barhocker und kam auf ihn zu. „Darf ich?“ Ehe er abwehren konnte, saß sie bereits neben ihm und schlenkerte mit den Beinen, die in einer dunkelbraunen Lederhose steckten. Sah ihn mit feuchtschwarz glänzenden Augen an. Auf den Brillengläsern tanzten irritierende Lichtreflexe. „Ich heiße May, und Sie?“
    May, wie Maikäfer … Er wischte den Gedanken sofort weg. „Mein Name ist Schneider, Schorschl Schneider“, betonte er und reichte ihr die Hand. Ihre fühlte sich weich und warm an. Peinlich berührt nahm er wahr, sich Schorschl genannt zu haben. Die Frau lachte ihn an – oder aus? „So hat mich meine Mutter genannt“, erklärte er, „und in meinem Bett – liegt ein Kakerlak!“
    „Aber er ist doch nett ...“, sagte sie, „Ihr Vorname.“
    Georg hielt sich die Hand vor den Mund. Was war ihm da entrutscht? Zu spät für ein Zurück. Sie war nur eine Fremde, überschlug es sich in seinem Hirn, bald würde sie wieder weg sein – und dann spielte es keine Rolle mehr, was er gesagt hatte.
    „Habe ich richtig gehört, ein Kakerlak in Ihrem Bett? Ist das etwa Ihr Besuch?“ Sie kiekste.
    Der Barkeeper guckte konsterniert, dann zwang er seinen Blick nieder, entdeckte den Zapfhahn und polierte ihn. May runzelte die Stirn. „Schmeißen Sie ihn doch raus!“
    War sie von ihm abgerückt? Jetzt musste er sich auch noch rechtfertigen! „Das kann ich nicht“, erwiderte er. „Er ist fast zwei Meter groß!“
    Sie sah ihn bestürzt an. „Wie bei Kafka ... kennen Sie Die Verwandlung?“
    Natürlich kannte er die Erzählung. Schon nach dem ersten Satz hatte er das Buch zugeschlagen. Am liebsten hätte er zusätzlich mit der Fliegenklatsche draufgehauen.   
    „Ich kann mich nur schwach entsinnen“, behauptete er.
    „Der Protagonist hat sich eines Morgens in ein Ungeziefer verwandelt.“
    „Darum geht es hier aber nicht! Sehe ich etwa wie ein Käfer aus oder so was?“
    Sie betrachtete seine lang gezogene Gestalt: „Eher wie eine Stabheuschrecke.“
    Angewidert drückte er die Zigarette aus.
    „Nein, irgendwie ... wie ... Keith Richards“, verbesserte sie sich und erntete ein kurz aufblitzendes Lächeln. „Es könnte sich um eine Periplaneta americana handeln, das ist die größte Art unter den Schaben. Sie wird bis zu zehn Zentimeter lang. Aber zwei Meter? Das ist außerordentlich interessant! So etwas soll vorkommen. Je mehr Gift der Mensch verspritzt, umso schneller passen sich diese Tierchen den neuen Bedingungen an. Das führt zu den faszinierendsten Mutationen“, sagte sie verträumt. „Zwei Meter! Das ist ein guter Schutz gegen die Sprühdose! Oder ist er eine Mutation aus Tschernobyl?“ Sie schien sich auszukennen.
    „Sind Sie etwa Insektenforscherin?“, fragte er und rückte unangenehm berührt von ihr ab.
    „Nein, nein, ich interessiere mich nur für alles Mögliche. Die Welt ist so bunt. Es gibt so vieles, was ...“
    „Das hat meine Mutter auch immer gesagt. Ihr Kopf war ein einziges Durcheinander, weil sie alles in sich aufnahm, ohne es zu ordnen. Chaotisch! Kein Wunder, diese plötzlichen Gefühlsausbrüche. Dann war sie unberechenbar wie ein aufgeregter Käfer, der im Zickzack läuft und den man nicht einschätzen kann. Alles geht so schnell, diese krabbeligen Beine ... in welche Richtung läuft er? Etwa auf mich zu?“ Georgs Handflächen schwitzten, er wischte sie heimlich an der Hose ab.
    „Na, Sie sind ja galant, vergleichen Ihre Mutter mit einem Käfer!“
    „Sie stolperte laufend über ihre eigenen Beine, als hätte sie sechs. Und dann flog sie hin oder knallte gegen das, was ihr im Weg stand. Ihr Körper schien gepanzert zu sein, nie hat sie sich mal ein Bein gebrochen oder so ... Was haben Sie gesagt?“
    „Dass Sie Ihre Mutter mit einem Käfer vergleichen.“ May reichte dem schwitzenden Georg ein Papiertaschentuch. „Lebt sie eigentlich noch?“
    „Als Kind habe ich Insekten in ein Marmeladenglas gesteckt und mit einem Brennglas abgefackelt. Das kommt mir heute tollkühn vor. Widerlich!“, rief er mit ins Blecherne umkippender Stimme.
    „Ja, das ist widerlich“, ereiferte sich May. „Wie kann man nur so etwas tun!“
    „Die Insekten meine ich, die sind widerlich!“ Georg wischte sich den Schweiß aus dem Gesicht, kratzte sich die Hand, griff mit zitternden Fingern nach dem Wodka, trank ihn aus und bestellte zwei neue.
    „Drei“, sagte er.
    „Was?“
    „Nichts. Ich hab nur laut gedacht.“
    „Jetzt zahlen sie es dir heim und treiben dich in den Dermatozoenwahn.“ Sie beobachtete sein Kratzen und ging einfach zum Du über, was Georg nicht bemerkte, aber übernahm.
    „Dermato-was?“
    „In Verbindung mit Enteromophobie“, ratterte sie herunter, als sei das ein Allerweltswort. Und verbiss sich ein Lachen. „Na, Insektenphobie, Schiss vor Krabbelzeug“, erlöste sie ihn aus seiner Begriffsstutzigkeit.
    Sie sagte „Krabbelzeug“ – wie er ... Georg kratzte die andere Hand und dachte an Kaeferböcks Tabakwurm. „Auch vor Würmern, komischerweise wenig vor Schnecken, obwohl das gar keine Insekten ... Aber woher weißt du das? Ich leide ...“
    „Habe ich letztens was drüber gelesen. In der ZEIT.“ Sie las die ZEIT – wie er. Eigentlich sah sie ganz nett aus.
    „Und jetzt liegt da so ein Riesenvieh, ausgerechnet in deinem Bett, du Armer!“, rief sie.
    Der Barkeeper grinste und verdrehte die Augen, besann sich jedoch und setzte eine unbeteiligte Miene auf.
    Georg nahm nur das Mitleid in Mays Augen wahr. Eine mitfühlende Seele, das war es, was er brauchte, und so erzählte er ihr all das, was er gegen den Kakerlaken nicht unternehmen könne.
    „Es ist ohnehin zwecklos, gegen sie anzugehen“, sagte sie. „Schaben gelten längst als unausrottbar. Stell dir vor, allein zwei Millionen herrschen im amerikanischen Verteidigungsministerium!“
    Das wollte er sich nun wirklich nicht vorstellen. „Es gibt noch einen Grund“, schob er nach, um die Sache mit dem Brennglas auszubügeln. „Wie kann ich ein Lebewesen töten – töten lassen, das zu mir gesprochen hat!“
    May starrte ihn an, als hätten ihn alle guten Geister verlassen. „Das hast du dir sicher nur eingebildet.“
    „Es spricht, verstehst du, es spricht sogar mit Ami-Akzent!“
    „Es kann also sprechen.“ Sie atmete einmal tief ein und aus, musterte ihn, stürzte ihren Wodka hinunter. „Na, dann sieh es doch mal positiv, Schorschl, du ...“
    „Georg“, verbesserte er sie. „Ich heiße Georg.“
    „... du könntest dich mit ihm anfreunden, Georg. Es wäre immer jemand da, der dir den Rücken wärmt, wenn du nach Hause kommst!“
    Er sah sie an, als hätte er einen Schlag in die Magengrube bekommen.
    Sie plinkerte mit den Augendeckeln und grinste. Schließlich erbarmte sie sich seines hilflosen Blicks. „Meine Güte! Wenn du nichts gegen ihn ausrichten kannst oder willst, schau mal in die andere Richtung. Ist es nicht denkbar, dass du dich allmählich an ihn gewöhnst? Mehr noch, ihm sogar etwas abgewinnst? Warum nicht gleich fragen: Was könnte denn für ihn sprechen?“
    „Wie meinst du denn das? Soll ich vielleicht mein Englisch mit ihm auffrischen?“
    „Keine schlechte Idee.“
    „Du verkennst den Ernst der Lage! Was ich alles verlieren kann durch diese Katastrophe!“ Er erzählte ihr von seinem wunderbar gleichförmigen Leben, das er seit fünfundzwanzig Jahren führte. „Nicht besonders spektakulär, aber ruhig, harmonisch!“ Erst gähnte sie verstohlen, dann zunehmend ungenierter, was er nur am Rande wahrnahm, weil er sich ärgerte, dass er sich in eine Rechtfertigungsarie verstrickte, statt es grundsätzlich abzulehnen, mit einem Kakerlaken eine Beziehung einzugehen.
    „Seit fünfundzwanzig Jahren denselben Job? Und das in der heutigen Zeit des Heuerns und Feuerns …“
    „Das Monstrum zerstört meine Lebensplanung! Es passt da einfach nicht hinein!“
    „Geplantes ist langweilig“, behauptete May und leckte ihr Wodkaglas aus, während Georgs Blick über ihre kleinen spitzen Brüste huschte. „Da lebt man ja nur dem schon Gewussten nach.“
    „Trotzdem, es gibt immer noch jede Menge Überraschungen“, trumpfte er auf. Einmal war er wegen des defekten Aufzugs zu spät zur Arbeit gekommen, weil er den Weg über die Treppen bis hinauf in den sechsten Stock nehmen musste.
    „Aber nur innerhalb des vorgegebenen Rahmens, – es sei denn, ein unvorhergesehener Gast ... “, lachte sie. „Der Kakerlak könnte ein Glücksfall für dich sein! Sei froh, dass er auf dein eingefahrenes Gleis gekrabbelt ist!“
    „Sag nicht krabbeln!“, wies Georg sie zurecht und schüttelte sich. „Außerdem vergisst du ganz: Er ist mir ekelig, mit drei E, eeekelig!“
    „Man kann sich umgewöhnen“, sagte May. „Die Insekten machen es uns vor.“
    Er wandte sich von ihr ab, trank sein Glas leer und zündete sich erneut eine Zigarette an. Die spinnt ja, dachte er. Plötzlich war es so still. Sie sagte gar nichts mehr!
    Als er sie ansah, schlug sie die Augen auf. Sie fand ihn wohl langweilig. Doch wenn er ihr erzählte, was er vorhatte, würde sie ihre Meinung ändern, hoffte er. „Vielleicht ist mein Leben ja etwas fad“, gab er zu und starrte auf die bunten Flaschen. „Aber das wird nicht immer so sein. Später einmal ...“
    „Ja?“, fragte sie.
    Er zögerte. Ob sein Ideenpflänzchen schon stark genug war? Seine Bedenken beiseite schiebend, legte er ihr schließlich dar, an welchem Projekt er arbeitete und was er damit verwirklichen wollte.
    „Auch wenn mein Zeitungsproblem mich belastet, so hat es vorwiegend seine guten Seiten. Wenn schon nicht im Kopf – in meinen Mappen herrscht Ordnung. Eines Tages ziehe ich die Essenz aus allem, was ich darin gesammelt habe. Dann habe ich einen Überblick, dann weiß ich Bescheid, kann alles einordnen und mich endlich dem wahren Leben stellen, das da draußen auf mich wartet – ohne in dessen Chaos zu ertrinken, durch Unvorhergesehenes erschreckt zu werden.“
    Bald schaute er May nicht mehr an, weil ihre Blicke ihn aus dem Konzept brachten. Stattdessen betrachtete er die Wasserränder im Holz der Theke. Je länger er über sein Vorhaben sprach, umso mehr spürte er, dass etwas grundverkehrt zu sein schien, wenn nicht lächerlich, doch er konnte nicht anders, er musste es auf diese Weise tun. Und was vielleicht schief war, könnte er immer noch gerade klopfen. Er hatte sich in einen rigorosen Ton hineingesteigert, um etwaige Zweifel ihrerseits – oder seinerseits? – im Keim zu ersticken.
    „Das ist noch nicht alles, denn dann – schreibe ich mein Buch!“ Jetzt fühlte er sich fast wieder so sicher wie in der Zeit vor der Kakerlakenplage. „Aber vorher – werde ich endlich anfangen zu leben, so wie ich es mir vorstelle! Wenn du wüsstest, wie sehr ich mich danach sehne!“ Er sah zu May hinüber, weil er nun allerdings auf ihre Reaktion gespannt war.
    Sie schlief.
    Er bezahlte, weckte sie und brachte sie an ihre Zimmertür.
    „Was hat dein Kakerlak eigentlich gesagt?“ Schlaftrunken blinzelte sie ihn an und gähnte, wobei sie kleine weiße Mausezähnchen entblößte.
    „Er gab sich besorgt um mich und meinte, es sei auch Platz für zwei.“
    „Das ist aber nett von ihm. Und? Gehst du jetzt nach Hause?“
    „Ich? Wie kommst du denn darauf! Ich wohne erst mal hier!“ Sie schloss ihre Tür auf und verabschiedete sich. Als er den Flur entlanglief, hörte er May hinter sich rufen: „Er ist eine Chance für dich!“
    Georg drehte sich um, sie winkte ihm lächelnd zu und verschwand.
    Im Zimmer vermisste er seinen Wecker. Den besaß jetzt der Kakerlak. Georg bettete sich auf die gerüschten Rosen und bevor er einschlief, stellte er befriedigt fest: Er hatte genau drei Wodka getrunken – wie geplant. Dennoch konnte er lange nicht einschlafen. Der morgige Tag ängstigte ihn. Er zog die Decke über den Kopf und schrie in die Kissen.
    Er wollte das da weghaben. Sofort.
    Zum Glück ahnte er nicht, dass ihn das da beobachtete. Von außen, durch den Vorhangspalt.

 

 
Eine Stunde später als wochentags klingelte der telefonische Weckdienst. Georg schlug auf das Telefon. Weil es nicht verstummte, hob er den Hörer an und drückte ihn zurück. Er stieß einen wohligen Seufzer aus, rollte sich auf die Seite und umschlang mit Armen und Beinen die knisternde Steppdecke.
    „Ach, du ...“, flüsterte er.
    Erschrecken riss ihn hoch.
    Niemand lag neben ihm.
    Erleichtert ließ er sich in die Kissen fallen und wollte sich gerade seine üblichen fünf Minuten Samstagsträumerei genehmigen, als das Entsetzen ihn traf.
    Das war kein Traum gewesen, sondern Wirklichkeit!
    Nicht die vorgezeichneten Stationen des neuen Tages zogen nun an ihm vorbei, sondern das grausige Gestern verknäuelte sich mit der erstickenden Angst vor dem Heute. Und mittendrin ... in diesem Knäuel ... hockte das Tier. Viel mehr ... Sein Magen krampfte sich zusammen. Es lag daheim, in seinem Bett, in seinem, Georgs Bett. Daheim.
    Er besaß kein Daheim mehr.
    Noch nie hatte er sich so hilflos gefühlt. Oder doch? Damals als Kind, wenn seine Mutter ihre leidenschaftlichen Gefühle an Vaters verriegelter Tür austobte. Aber das war ein schwacher Vergleich mit dem, was ihn nun erwartete. 
    Es sei denn, er überließe sein Territorium diesem Monster. Kampflos.
    Auch das Archiv müsste er dann zurücklassen, überhaupt alles, sein ganzes gewohntes Leben.
    „Dieser Mistkäfer!“, schrie er. Ohnmächtige Wut kroch in ihm hoch. „Das wollen wir erst mal sehen, wer hier das Feld räumt, der oder ich!“ Erstaunt über sein Aufbegehren hielt er inne – und drückte sein Gesicht in die Kissen. Am liebsten wäre er erneut eingeschlafen und nie mehr aufgewacht. Irgendwann würden sie ihn finden – tot und stinkend wie ein Kakerlak. „Schon wieder so ein einsamer Junggeselle“, würden sie sagen.
    Er sprang aus dem Bett und duschte ausgiebig die Müdigkeit in den Abfluss. Im Spiegel blickte ihm trotzdem ein bleiches Gesicht entgegen, geradezu blutleer sah er aus. Bevor er hinunterging, versuchte er sich zu beruhigen, indem er heftig an einer Zigarette zog, und appellierte an seine Vernunft. Möglichst ignorieren, das Vieh. Weitermachen wie bisher. Genau. Exakt so. Gleichzeitig alles daran setzen, es loszuwerden.
    Nachdem er ein paar Meter den Flur entlanggelaufen war, öffnete er wie automatisch eine Glastür, die hinter ihm ins Schloss fiel. Kaum hatte er festgestellt, dass er sich nicht im Aufzug befand, riss die Putzfrau die Tür auf. Ehe sie schreien konnte, entwich er aus der Besenkammer und holperte die Treppen hinunter in den Frühstücksraum. Mit hochrotem Kopf verdrückte er sich in eine Nische. Ob sich der Kakerlak ähnlich gefühlt haben mochte, als er ihm das Plumeau so plötzlich weggezogen hatte? Jetzt reicht`s, dachte er, das wäre ja noch schöner, mich um die Gefühle von Insekten zu kümmern! Das ist ja gerade das Unheimliche! Man sieht ihnen keine an und weiß nicht, was in ihnen vorgeht. Wie bei Vater. Vater war ihm nicht unheimlich gewesen. Wieso eigentlich? Zwei alte Damen musterten ihn argwöhnisch. Als hätte er vor, ihnen die Handtaschen zu entreißen. Bei der Frühstücksmamsell bestellte er eine Kanne Kaffee und ging zum Büffet. Auf dem Weg dorthin hoffte er, May zu entdecken. Enttäuscht kehrte er mit dem gefüllten Teller an seinen Platz zurück und biss in ein Marmeladenbrötchen.
    Jetzt fiel es ihm ein. Ebenso wie sein Tagesablauf war Vaters Gefühlslage beruhigend gleich bleibend gewesen. Mutter hingegen hatte Vater mit einem unterkühlten Reptil verglichen.
    Er musste sofort Ordnung in seinen Alltag bringen, obwohl … Nichts da, er ließe sich durch keine Angst der Welt davon abhalten, die Wohnung erneut zu betreten. Die Macht der Gewohnheit hieß es nicht umsonst. Man sollte diese Macht nicht unterschätzen. Sie würde ihm den notwendigen Mut und Halt, die notwendige Kraft und Stärke verleihen, sein häusliches Leben trotz jenes Biestes durchzusetzen. Ja, durch-zu-set-zen. Punkt. Wenigstens tagsüber.
    Selbst Erichs Einzug damals war für Georg kein Anlass gewesen, sein bisheriges Leben zu überdenken. Im Gegenteil, der neue Mitbewohner hatte sich in dieses Leben einzufügen. Und so spulte er sein Programm in einer Sturheit ab, die Erich anfangs fassungslos machte. Wieso Sturheit? Das war Erichs Ausdrucksweise. Disziplin natürlich.
    Warum sollte er das jetzt nicht ebenso schaffen können?
    Er schob sich eine Scheibe Wurst in den Mund, ballte die Fäuste und lehnte sich kauend zurück. Ordnung, Vernunft und Disziplin sind das halbe Leben, hatte schon Vater gesagt. Mit der Wucht des halben Lebens gedachte auch Georg gegen sein Ungemach anzukämpfen – wie Vater damals gegen das seine, das Kamilla hieß und Georgs Mutter war.
    An der Rezeption verlängerte er seinen Aufenthalt um eine Nacht. Der Portier zwinkerte ihm zu und reichte ihm einen gefalteten Zettel. Von May, hoffte Georg einen Moment lang. Und behielt Recht.

    In jedem Menschen ist ein Schmetterling verborgen ...
    Georg fühlte ein unangenehmes Jucken unter der Haut.
    Viele sind sich dessen nur nicht bewusst oder halten es nicht für möglich. Und was man nicht für möglich hält, das wird sich oft nicht bewahrheiten. Vielleicht ist er nur in der Puppe stecken geblieben oder voller Angst vor dem Licht gar nicht erst herausgekrochen?
    Dann folgte in Großbuchstaben:
    WER WEISS, WOZU DAS, WAS DU NOCH SCHRECKLICH FINDEST UND WEGHABEN WILLST, GUT SEIN KÖNNTE!
    Neben „schrecklich“ hatte sie einen grinsenden Kakerlaken gekritzelt. Darunter stand „May Maggiolino“ und ihre Telefonnummer.
    Die hat gut reden, dachte er. „Wer weiß, wozu es gut ist“, äffte er ihre Worte nach, woraufhin der Portier süffisant nickte. Georg knüllte den Zettel in die Hosentasche und trat auf die Straße hinaus.

Wolken hingen wie ein großer grauer Hintern über der Stadt. Es nieselte. Er fror, ohne Mantel, und eilte mit hochgezogenen Schultern in den Supermarkt. In der langen Schlange vor der Kasse dämmerte er vor sich hin und gelobte zum wiederholten Mal, an einem anderen Tag, überhaupt in einem anderen Supermarkt einzukaufen. Eine Frau fuhr ihm mit ihrem überfüllten Wagen schmerzhaft in die Hacken. Hastig stellte er die Lebensmittel aufs Band, die Joghurts zu den Joghurts, die einzelnen Würstchen in Cellophan auf einen Haufen, die Bananen etwas davon entfernt. Zentimeter für Zentimeter folgte ihm die Hinterfrau und stieß ihn mit dem Einkaufswagen an. Noch rechtzeitig, bevor die Kassiererin danach greifen konnte, stellte er die Joghurts um. Hinter die Bananen. Als er Müsliriegel, Salzstangen und Anisplätzchen auf dem Band sortieren wollte, schob die Kassiererin alles mit einer Armbewegung zu sich hin und hämmerte mit vielsagendem Blick die Preise in die Tastatur der Kasse.
    „Eine Tüte bitte“, sagte er, während er im Portemonnaie nach passendem Geld suchte.
    „Tüten sind vorm Band!“, entgegnete die Kassiererin.
    „Das darf doch nicht wahr sein!“, rief die Frau hinter ihm. Georg klemmte zwischen ihrem Einkaufswagen und dem Förderband fest und hielt den ganzen Verkehr auf. Widerwillig zog sie den Wagen ein Stück zurück, wobei sich das Murren in der Schlange nach hinten fortsetzte. Mittlerweile schweißnass, grapschte er nach einer Tüte. Die Kassiererin hatte seine Waren bereits in den Wagen geworfen und als er an ihr vorbeiwollte, rief sie: „Das macht aber zwanzig Pfennig, der Herr!“
    Kaum war Georg um die Ecke gebogen, klatschte der Regen auf ihn herab; schnurstracks strebte er seiner Wohnung zu, ohne allzu viele Gedanken daran zu verschwenden, was ihn dort erwartete. Wer... Am Kiosk kaufte er eine Stange Overstolz. Er stellte sich in einen überdachten Hauseingang und sog heftig an einer Zigarette. Nicht wieder damit anfangen, ermahnte er sich und schnippte die angerauchte Zigarette in den Gully. Kurz darauf zündete er die nächste an.

Das Treppenhaus durchzogen, wie meistens um die Mittagszeit, fade riechende Kohldünste. Erst vor der Wohnungstür breitete sich ein eigenartiges Kribbeln in seinem Magen aus. Er kannte es aus Träumen, in denen er aus schwindelnden Höhen niederstürzte und glücklicherweise aufwachte, bevor er aufschlug. Tief atmend bemühte er sich, das Herzklopfen niederzuzwingen, doch es gelang ihm nicht. Seine Beine fühlten sich kraftlos an, gaben fast nach. Er versuchte, sich mit der Vorstellung zu beruhigen, der Kakerlak sei vielleicht gar nicht mehr da. Das wenigstens musste er herausfinden.
    Die Zeit dehnte sich unerträglich, bis er die Tür, so leise wie möglich, aufgeschlossen hatte und – sicher ist sicher – weit offen stehen ließ. Die Tüte lautlos im Flur abzustellen, zerrte zusätzlich an seinen Nerven. Er schnupperte – es roch. Am Bad vorbei, schlich er zur Schlafzimmertür und schaute durchs Schlüsselloch. Ein seltsames Ding, das aussah wie ein knüppeldicker dorniger Rosenstängel, hing aus der Längsseite des Bettes, die Georg zugewandt war. Das musste ein Bein sein. Nur duftete es sicher nicht wie eine Rose. Angstschweiß sickerte aus allen Poren seines Körpers, die zittrigen Finger tasteten sich hoch zum Schlüsselbrett über der Flurkommode. Er hielt die Luft an. Vorsichtig schob er den Schlüssel hinein und drehte ihn blitzschnell um. Das plötzliche Geräusch hallte bis ins Treppenhaus.
    Erleichtert stieß er den Atem aus. Er zog den Schlüssel ab und blickte erneut hindurch. Das Plumeau bewegte sich und etwas Schildartiges schnellte unter ihm hervor. Georg zuckte wie unter einem elektrischen Schlag zusammen, taumelte zurück und schnappte nach Luft. In diesem Augenblick kroch eine Wolke scharfen Gestanks durchs Schlüsselloch. Platt an die Wand gedrückt, schlotterte er vor Kälte, gleichzeitig weichte der Schweiß die regennasse Kleidung von innen auf. Er verstopfte das Loch mit einem Stück Papiertaschentuch, mit dem Rest wischte er sich die Stirn.
    „Igittigitt! Wie das hier stinkt!“, rief Frau Klütsch, während sie die Treppen hinaufkeuchte. „Haben die Kinder schon wieder Stinkbomben geschmissen! Na, die kriegen was zu hören!“
    Georg sprang zur Wohnungstür und knallte sie zu.
    Er lehnte sich an die Tür, sein Herz raste, ihm wurde heiß vor Verlegenheit, dann rannte er durch die Wohnung und riss die Fenster auf. Erst danach nahm er ein lautes Klagen wahr. Die armen Kinder, dachte er. Doch was für eigenartige Stimmen? Wie eine knarzende Schranktür. Er erschrak. Das Klagen kam aus dem Schlafzimmer.
    Und malträtierte seine Nerven.
    „Bist du das etwa?“, zischte er durch die Tür. „Mach nicht so einen Krach! Soll denn jeder mitbekommen, dass du hier bist?“
    „Bist du das?“, klagte es, nun leiser, zurück. „Oh, oh, oh, ich halte sie nicht aus, diese Erschütterungen! Ich sterbe!“
    Georg frohlockte. Wer gestorben war, konnte hinausgeschafft werden. Das Bild, das ihm allerdings dann vor Augen trat, fegte jegliches Frohlocken aus seiner Seele. Er sah sich unter dem Gewicht des Riesenkäfers zusammenbrechen, unter ihm begraben im Treppenhaus liegen, einen letzten Blick auf Frau Klütsch gerichtet, die der dumpfe Aufprall aus ihrer Wohnung gelockt hatte, neugierig, wie sie war. „Igitt, Herr Schneider“, würde sie verächtlich sagen, während er den schrecklichsten Tod stürbe, den er sich hätte ausdenken können.
    „Kannst du nicht rücksichtsvoller sein?“, bat der Kakerlak weinerlich. 
    Das sagte Frau Scharff, die Sekretärin, auch immer, an ihren schlechten Tagen, wenn er die Bürotür hinter sich zuschmetterte. Nur dass sie ihn siezte.
    „Ach, bitte!“, quäkte der Kakerlak. „Ich bin überaus empfindlich gegen Erschütterungen!“
    „Empfindlich bin ich auch!“, brüllte Georg. „Hau endlich ab!“
    Der Kakerlak ignorierte das, allerdings nicht Georgs Lautstärke. „Weißt du eigentlich, dass unsereins schon auf Vibrationen reagiert, die nicht viel größer sind als Molekülschwingungen? Kannst du dir nicht vorstellen, was es für mich bedeutet, wenn du die Tür so zuballerst?“
    Georgs Mund verzog sich zu einem grausamen Lächeln. Das war der Ausweg! Er stürzte auf die Wohnungstür zu, öffnete sie und knallte sie zu, öffnete sie, knallte sie zu, öffnete ...
    „Was für eine Unverschämtheit, es ist Mittagszeit!“, keifte Frau Klütsch aus dem dritten Stock hinunter. Verstohlen schloss er die Tür. Ein Schluchzen drang durch die Schlafzimmertür.
    „Also gut, ich tu es nicht wieder“, sagte er. Schließlich wollte er mit Frau Klütsch keinen Ärger haben. „Dann hör du jetzt mit diesem Quäken auf!“
    „Danke“, wisperte es.
    Das halte ich nicht aus, dachte er.
    Auf dem Balkon rauchte er eine Zigarette, die seine Schleimhäute unangenehm reizte. Mit einem „Pfui Teufel“ warf er die Kippe über die Brüstung auf die Straße.
    Dieses erstaunliche Insekt ... Was wusste diese Kreatur von Molekülschwingungen! Bisher hatte er geglaubt, die Welt der Insekten bestünde bloß aus Fressen und Kopulieren. Dieser Kakerlak belehrte ihn eines anderen. Sogar gebildet, was? Wie gut er Deutsch sprach! Georg entsann sich seines lausigen Schulenglisch. Doch das größte Wunder war, dass dieses Insekt überhaupt die menschliche Sprache beherrschte.
(….)