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      Völkerverständigung

 

                                                                                                                                                                                                                                          – Für Karl, den Inspirator –

 

Nicht obwohl schon ziemlich alt, sondern weil, war Johanna zu Begeisterung und spontanen Taten fähig, die ihr in der Erdenschwere ihrer Jugendzeit meist abgegangen waren: Sie schickte Fritz Feldmann, dem Autor eines selbstironischen Beitrags in einer Anthologie, eine E-Mail, um ihm mitzuteilen, dass ihr sein Text besonders gut gefallen habe und wieso. Zudem hatte sie gerade einseitig weinselig per E-Mail auf ihre freie Mitarbeit und die neue Duz-Brüderschaft mit dem Herausgeber einer virtuellen Literaturzeitschrift angestoßen und so bekam Autor Fritz auch etwas davon ab. Lieber Fritz, hatte sie ihre Mail begonnen. Da er nicht widersprach, blieb es dabei. Fritz schickte ihr umgehend drei Bücher von sich und lud sie zu einer von ihm organisierten Lesung in der Nachbarstadt ein. Dies sei eine gute Gelegenheit, sich mal persönlich kennenzulernen, schrieb er ihr. Sie würde ihn anhand seines Fotos in einem seiner Bücher erkennen, er hätte ihr Konterfei längst auf ihrer Homepage gefunden, vermutete sie. Bereits diese einseitige Annahme markierte den Beginn eines Missverständnisses. So ist das eben zwischen Bewohnern verschiedener Parallelwelten, der vermeintlich echten und der virtuellen.

 

Am Abend darauf hallten ihre Schritte durch die Schluchten der Hochhäuser von Manhattan, wieso befand sie plötzlich in New York? Warum nicht, sagte sie sich, in ihrer virtuellen Welt konnte sie gleichzeitig überall sein. Und stand dort auf dem Kneipenschild, wie zur Bestätigung, nicht Klein-Manhattan? Nachdem sie lange umhergeirrt war, fand sie endlich das Kulturhaus, in der die Lesung von vier finnischen Autorinnen – zweisprachig – stattfinden sollte. Sie zahlte den Eintritt und schaute sich um. Etwa dreißig meist ältere, kulturbeflissene Damen wie sie saßen bereits auf ihren Stühlen, derweil ihre Gatten wahrscheinlich schon verstorben vor den Fernsehern vermoderten, außer ihrem natürlich, diesem Feuerkopf, der heute Abend einen Vortrag über die Hintergründe des Irakkriegs hielt. Viele Stuhlreihen waren noch leer, so verließ sie den kleinen Saal, um sich draußen am Kiosk Zigaretten zu kaufen. Fritz und seine Frau – Johanna erkannte ihn im Augenblick eines Mouseklicks – kamen ihr auf dem Bürgersteig entgegen. Sollte sie ihn jetzt mit „Fritz“ anreden, während seine Frau sie womöglich mit hoch gezogenen Augenbrauen beäugte, oder lieber doch mit „Herr Feldmann“?

„Ich hol nur schnell Zigaretten“, rief sie ihm zu, als die beiden an ihr vorübereilten, „bis gleich.“

Das war auch nicht besser gewesen, als „hallo Fritz“ zu sagen.

Fritz stand neben den hinteren freien Stuhlreihen inmitten einiger Leute, gleich würde er seine kurze Ansprache halten, da wollte sie nicht stören. Sie lächelte ihn an, er lächelte zurück und weil er noch keine Anstalten machte, sie zu begrüßen, setzte sie sich in eine der letzten Reihen auf den Außenstuhl. Kurz darauf zog sie die ausgestreckten Beine an und ließ Fritz` Frau vorbei, die neben ihr Platz nahm, sie aber nicht beachtete. Hmm, dachte Johanna, heutzutage muss man eben immer mit seltsamen E-Mail-Bekanntschaften aus virtuellen Parallelwelten rechnen, die plötzlich auftauchen und wieder verschwinden. Auch sie hatte, als Bewohnerin beider Welten, einige aus jener Welt kennengelernt, sie fand es gar nicht so schwer, sich mit ihnen zu verständigen. Manchmal allerdings fragte sie sich, ob die alle wirklich sind, aber was ist schon Wirklichkeit? 

Fritz ging federnden Schrittes zum Podium und sprach, als hätte er Johannas Gedanken erraten, von Krieg und Frieden und Völkerverständigung, der auch eine Veranstaltung wie diese hier diene. Zum Schluss hieß er die Dichterinnen auf Finnisch willkommen. Daraufhin zog er sich zurück, steuerte auf Johanna zu, die zu ihm aufblickte, und setzte sich unmittelbar hinter sie. Johanna rätselte … Ob sie es sich nur einbildete, auf dieser Lesung anwesend zu sein? Vielleicht hing sie in Wirklichkeit vor ihrem Computer, dann war es nicht verwunderlich, dass Fritz sie nicht ansah. Und wer saß dann an ihrer Stelle auf diesem Stuhl?

Die Musiker spielten wohltemperierten Jazz, den sogar ältere Damen goutieren konnten. Als das zweite Stück ausklang, erklärte Dichterin Nummer eins, worum es in ihrer Erzählung ginge und las sie auf Finnisch vor. Obwohl Johanna kein Wort verstanden hatte, klatschte sie verhalten. Nicht zu sehr, denn sie wusste schließlich nicht, ob die Erzählung eine gelungene war.

Nach erneuter Musikdarbietung trat Dichterin zwei an das Pult. Den ersten Teil ihrer Erzählung hatte sie ins Deutsche übersetzt, der Rest folgte auf Finnisch, der letzte Satz wieder in Deutsch. Da sich Johanna der Zusammenhang nicht erschloss, fühlte sie sich nicht veranlasst, wie die anderen über die mögliche Pointe zu lachen, erst recht nicht so entzückt. Sie schienen alle Finnisch zu verstehen, oder doch nicht alle? „Lauter“ hatte eine Dame aus dem Publikum gerufen. 

Johanna konnte sich kaum noch auf dem Stuhl halten. Hart drückte er sich gegen ihr weiches, sich tonnenschwer anfühlendes Fleisch und schnürte ihr an der Vorderkante die Beinvenen ab. Unruhig, als säße sie auf der hölzernen Schulbank und wäre zum Sitzenbleiben verurteilt, während sich ihre Beckenknochen durch das Holz bohren wollten, rutschte sie hin und her. Sie sehnte sich nach dem kalten Büfett, das hinter ihrem Rücken an der Wand auf sie wartete. Sie wollte es nur anschauen, aufstehen, sich die Beine vertreten und etwas anderes sehen als die um Völkerfreundschaft bemühten Dichterinnen, die sie schon zu lange verständnislos angestarrt hatte. Das Büfett war zweitausend Kilometer von ihr entfernt, vermutlich in der irakischen Wüste, einer Fata Morgana gleich unerreichbar. 

Nach der musikalischen Unterbrechung stöckelte Dichterin drei nach vorn. Anhand ihrer einleitenden Gesten verstand Johanna immerhin vage, worum es ging, ein Gedicht handelte von Blümchen und Vögeln im Frühling, ein anderes von einem entsorgten Weihnachtsbaum, nun ja, dies kann durchaus ein interessantes Thema sein, redete sie sich ein. Besonders für Finnen. Wie feierten die eigentlich Weihnachten? Johanna sackte mehr und mehr in sich zusammen. Sie schien nicht die Einzige zu sein. Kleiderrascheln, verhaltenes Räuspern und Ächzen untermalte die lyrische Stimmung der Dichterin. „Langsamer!“, rief eine Zuhörerin, die nicht mehr folgen konnte. Sicher, Lyrik soll man nicht im Schweinsgalopp, sondern Wort für Wort genießen, selbst wenn es finnische Lyrik ist, stimmte Johanna ihr zu und vermisste ihre Fernbedienung, mit der sie den Ton lauter einstellen, aber auch das Programm wechseln konnte.

Johanna appellierte an ihren guten Willen und begann sich vorzustellen, sie hörte hier so genannte moderne Lürick mit ü und ck. Besonders privatistisch-hermetisch verschlossene oder experimentelle Lürick hatte sie schon immer in Rage gebracht. Sie kam sich dann so blöd vor, weil sie nichts verstand, war aber nicht blöd genug zu behaupten, nicht sie, sondern die Lyriker seien blöd. Das ärgerte sie dann erst recht. Diese lürisch verrammelten Welten waren ihr trotz gleicher Muttersprache ebenso rätselhaft wie Finnisch. Aber. Gerade weil sie die einzelnen finnischen Wörter nicht verstand, befreite sie das von der Zumutung, den Sinn des Ganzen begreifen zu müssen und so war sie auch nicht wütend auf die finnischen Dichterinnen, sondern blieb – trotz ihrer Qual – wohlwollend gestimmt und völkerverbindend gesinnt. Was die Dichterinnen ihr sicherlich nicht ansahen, lasen sie doch, wenn sie zuweilen beim Lesen aufschauten und ihr Blick sie streifte, vermutlich wenig Friedfertiges aus ihrer Miene heraus. Die wirklichen Missverständnisse entstehen erst durch die Illusion einer gemeinsamen Sprache, ob verbal oder nonverbal, sagte sie sich und dachte an Fritz, der jetzt wenigstens ihren Hinterkopf kennenlernte. Fritz beugte sich nach vorn und sprach leise mit seiner Frau. Auf ihrem Schoß erkannte Johanna die Anthologie mit seinem Text. Ach, Fritz, jetzt lies endlich mal deinen Text!, stöhnte sie innerlich auf und erhaschte einen Hoffnungsschimmer. Er musste das hier wieder gutmachen, die Dichterinnen sollten auch einmal nichts verstehen! Dies schien die beste Voraussetzung für Völkerverständigung zu sein, denn das Publikum erwies sich als erstaunlich friedlich und den Dichterinnen zugewandt.

Johanna ließ sich Stückchen für Stückchen auf ihrem Stuhl nach vorne rutschen, etwas über die Kante hinaus, ihr malträtiertes Hinterteil war in Gefahr abzustürzen und hart auf dem Boden aufzuschlagen, doch kurz bevor der Sog der Tiefe diesen sich selbstständig machenden Körperteil überwältigen konnte, zog sie ihn wieder zurück, presste ihren Rücken gegen die Stuhllehne und atmete tief durch. Jedes Mal hatte diese unkontrollierte Erschlaffung ihres Körpers vorübergehend entspannend auf sie gewirkt. Der leider nur schwächliche Adrenalinschub, den ihr das Spiel mit der Gefahr verschaffte, ließ sie wenigstens für Sekunden ihre Missgestimmtheit verlieren. Sollte sie dies so weitertreiben, würde sie auf die Erde plumpsen und der Stuhl krachend umfallen.

Und wenn jetzt alle das Gleiche täten?, frohlockte sie.

Dichterin Nummer vier, eine Österreicherin – Johanna empfand schlagartig Sympathie für sie – die in Finnland geboren war, las ihre Gedichte zunächst auf deutsch, dann in ihrer Sprache. Johanna klatschte wie befreit, immerhin hatte sie die Verse verstanden und das gelähmte Hirn etwas zu kauen, indes ihr hohler Magen von der Büfettmorgana träumte.     

Die Frohe Botschaft eines der Musiker, es gäbe eine Pause (WANN, WANN? ETWA JETZT?), wurde zunichte gemacht, als Dichterin eins erneut zum Pult schritt. Das Programm schien sich zu wiederholen. Nach ihr würden die Musiker ein, zwei Stücke spielen, daraufhin käme Dichterin zwei nach vorn und so weiter und so fort, Johanna fühlte sich in einer Endlosschleife gefangen. Als die Dichterin ihr Alzheimer-Gedicht vorzutragen gedachte, machte sich Johanna auf Zehenspitzen aus dem Staub und steuerte das Foyer an. Ihren Rucksack ließ sie extra neben dem Stuhl liegen, als stillen Hinweis für Fritz, dass sie zurückkäme, sowie aus Nachsicht und Höflichkeit, den vortragenden Dichterinnen zuliebe. Mit dem Rucksack an ihnen vorbeizuschleichen, hätte den Eindruck erweckt, sie ginge mitten in der Lesung nach Hause. Solch eine gemeine, wenngleich ehrliche Tat hätte sie, zu ihrem Bedauern, nicht fertig gebracht.

Erleichtert rauchte sie im Foyer gleich zwei Zigaretten hintereinander, zu trinken gab es hier leider nichts, und blätterte trotz dieser missglückten Veranstaltung im Programm des Kulturhauses. Rechter Hand lockte der Ausgang. Sie konnte sofort gehen, sie konnte bleiben, sie hatte die Freiheit der Wahl und so blieb sie. Ein paar Worte wollte sie nun doch mit Fritz wechseln, schließlich war sie auch deshalb gekommen, um ihn in natura kennenzulernen und damit zur Völkerverständigung beizutragen. 

Sie steckte das Programm zurück in den Ständer und schaute auf. Wer stahl sich denn da, durch einen Nebenausgang, klammheimlich, schien es ihr, hinaus? Ein weiteres, auf seinem Sitz angenageltes Opfer der finnischen Literatur, das endlich die Gelegenheit zu einem Befreiungsschlag ergriffen hatte? Es war der Autor Fritz mit seiner Frau.

 

Nicht obwohl schon ziemlich alt, sondern weil, lief Johanna laut vor sich hin schimpfend durch die Schluchten von Manhattan, weil sie den Eingang zur S-Bahn-Haltestelle nicht fand. Zudem schwoll der Verkehr an, in den Autos saßen fast nur alte Damen, die aufs Gaspedal traten. „Durst hab ich auch noch, und zwar wie ein Kamel“, rief sie, während ein ihr entgegenkommender junger Mann einen weiten Bogen um sie schlug.

Sie riss die Kneipentür des Klein-Manhattan auf und stürmte hinein. 

„Oh!“, entfuhr es ihr, als sie Fritz an der Theke entdeckte.

„Ich hab`s doch geahnt ...“, murmelte seine Frau.

„Guten Abend ...“, sagte Fritz, „Bist du … sind Sie etwa...“

„Johanna, das Kamel, wer sonst, eine Fata Morgana?“

Da fiel ihr ein, dass sie den Rucksack im Kulturhaus neben ihrem Stuhl vergessen hatte. Die Veranstaltung lief vermutlich noch. Sie starrte Fritz an, der sich bereits duckte.

Der Abend endete friedlich. Fritz kehrte relativ bald mit ihrem Rucksack zurück, vier finnische Autorinnen in seinem Arm, auch die mittlerweile getröstet und reichlich angeschickert. Kurze Zeit später folgten sie ihm in den Saal des Kulturhauses und machten sich endlich über das Büfett her.

Immerhin hatte Johanna einen ersten Einblick in und Ausblick auf die finnische Literatur erhalten.

Maailmaa on jos jonnekin päin, sanoi akka, kun kepillä saunanluukusta koitti, lautet ein finnisches Sprichwort. Wie ist die Welt doch groß und weit, sprach die Alte, als sie einen Stock zur Saunaluke hinaussteckte.